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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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BiUfert Linge 
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it einer lässigen Handbewegung schob Rolf 
seinem Sekretär einen Stoß Briefe über den 
F rühstückstisch. 
„Da — wieder der übliche Morgengruß des 
Weibervolks! Das wächst sich wahrhaftig zu einer un 
glaublichen Belästigung aus. Total verrückt sind diese 
Weiber! Wenn es die Bitte um mein Monogram ist, soll 
es noch angehen — aber, diese Bettelei um eine Zu 
sammenkunft — das ist einfach ekelhaft!“ 
„Sie sind übersättigt, Herr Roderich.“ 
„Wundert Sie das?“ 
„Ich weiß nicht —“ 
„Na, — wenn man Ihnen so nachstellen würde wie 
mir — dann würde es Ihnen ebenso gehen.“ 
„Ich glaube, ich würde mich ganz wohl dabei fühlen.“ 
„Ja, im Anfang. Aber, wenn man Jahr aus Jahr ein, 
tagtäglich mit Liebesanträgen überschüttet wird, dann 
bekommt man es satt.“ 
Fritz Wunderlich, der junge, hellblonde Sekretär ver 
senkte die heliotropfarbenen, die knallgelben, blutroten 
und die in zarter Elfenbeinfarbe schimmernden Briefe 
in seine braune Ledertasche. Es war ein stattlicher Stoß, 
der darin verschwand, und von dem ein zarter Duft ihm 
die Nase umwehte. „Die Briefe sind zum größten Teil 
uneröffnet.“ 
„Was soll ich mir die Mühe machen und das Ge 
schreibsel lesen! Es läuft doch alles auf dasselbe her 
aus. Ich bin für derartige Abenteuer nicht mehr zu 
haben. Schicken Sie mein Bild mit eigenhändiger Unter 
schrift, das ist alles, was ich für diese liebeglühenden 
Weibsen tun kann. Rolf Roderich hatte sich eine Ziga 
rette angezündet. Er lehnte sich in den braunen Leder 
sessel zurück und streckte die in fliederfarbenem 
Pyjama steckenden Beine weit von sich. „Und das tue 
ich auch nur aus Reklamegründen — würde mir wahr 
haftig sonst diese Ausgabe ersparen. Wie steht es mit 
der Ohli Ohn-Gesellschaft?“ 
„Alle unsere Bedingungen sind akzeptiert. Der Kon 
trakt ist heute eingegangen. Sie brauchen nur unter 
schreiben.“ 
„Kein Versuch, das Honorar herabzudrücken?“ 
„Alles bewilligt. Auch alleiniges Auto zu den Proben 
hin und zurück.“ 
„Dann hätte ich vielleicht noch mehr fordern sollen.“ 
„Es ist das höchste Honorar, das einem Filmdarsteller 
bisher bewilligt worden ist.“ 
„Nun, das zweite Mal werde ich mehr verlangen. Die 
Leute brauchen mich. Sie wissen, daß ein Film, in dem 
ich mitwirke, zugkräftig ist. Die Gesellschaft bekommt 
das Honorar tausend Mal wieder heraus.“ 
„Diese Zugkraft haben Sie doch in erster Linie den 
Frauen zu verdanken, Herr Roderich, und das sollten 
Sie doch — 
„Daß Sie sich immer für diese Frauen ins Zeug legen 
müssen, lieber Wunderlich. Versuchen Sie doch, die von 
mir verschmähten Kreaturen zu trösten. Vielleicht ist 
etwas für Ihren Geschmack darunter.“ 
„Wer sich in Rolf Roderich verliebt hat, wird sich 
nicht mit seinem Sekretär begnügen.“ 
„Sagen Sie das nicht, Wunderlich. Suchen Sie sich 
eine heraus, bei der Sie Gefühl vermuten, da haken Sie 
ein. Ich wette, sie tröstet sich mit Ihnen. Und nun 
geben Sie mir den Vertrag, ich werde unterschreiben.“ 
* 
Behaglich in seinen Sessel geschmiegt, rauchte Rolf 
bereits die dritte Zigarette. Er war zufrieden. Nun 
hatte er sich wieder in die Höhe geschraubt. Seine 
Schönheit und Eleganz waren einträglich gewesen. Sie 
hatten ihm etwas eingebracht. Weiber und Geld. Auf 
erstere würde er gern verzichten, aber — sie gehörten 
nun mal zu seinem Beruf. Und ein gewisses Gefühl der 
Dankbarkeit — wenn er sich auch dagegen sträubte — 
da hätte der Wunderlich ganz recht — verband ihn 
doch nun einmal mit den Frauen. Aber Geld — davon 
konnte er niemals genug haben. Er verdiente viel. Doch 
wie Wasser rann ihm der verdammte Mammon durch 
die Finger. Je mehr er verdiente, desto größer wurden 
seine Ansprüche. Seine Forderungen wurden immer 
unverschämter. Wer den schönen Rolf Roderich haben 
wollte, mußte eben zahlen. Und man zahlte. Bewilligte 
Honorare, die zu erhalten er niemals geglaubt hatte. 
Er drückte den Zigarettenrest in die Aschenschale, 
griff nach der Kognakflasche und füllte das kleine, fein 
geschliffene Glas. Dabei fielen seine Blicke auf einen 
Brief, der, übersehen, auf dem Tisch liegen geblieben 
war. Es war ein kleiner unscheinbarer Umschlag. 
Billiges weißes Papier, ein wenig unsauber. Die Auf 
schrift trug ungelenke Schriftzüge, zeugte von Un 
bildung und Kindlichkeit. Er trank den Kognak, dann 
griff er nach dem Brief. Ein wenig zögernd, aber 
dennoch, er hob ihn empor. Wie anders das Aussehen 
dieses, im Gegensatz zu dem eleganten Bütten- und 
Leinenpapier der anderen. War es ein Bettelbrief? Das 
Aussehen dieses Briefes berührte ihn wunderlich. Es 
versetzte ihn in die Atmosphäre seiner Kindheit: Keller 
luft. Einen betrunkenen Vater — eine stets schuftende 
Mutter — sechs kleine hungernde, schmutzige Ge 
schwister. 
Er war diesem Milieu entflohen. Vater, Mutter, Ge 
schwister existierten nicht mehr für den feinen ele 
ganten Roderich. Und dennoch — dennoch überkam 
ihn ein Heimatsgefuhl. Das Aussehen dieses Briefes, der 
so gar nichts von Vornehmheit, Eleganz an sich trug, 
dem kein exotisches Parfüm entstieg, dem ein Geruch 
von dumpfer Kellerluft anhaftete — berührte ihn an 
genehm.
        
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