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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jaßrg. 27 
Nr. 3 
12 
Was soll er denn nur sagen. Daß es ihn ärgert, wenn ihn 
die Junge auslacht? Daß er Genugtuung haben will? Morgen 
wird ihn der Böhli aus dem Hause jagen. Das wird das Ende 
sein. Klatschend fällt das Buch aus seinen Händen zu Boden, 
und er sinkt in die Knie und beugt seinen Kopf. Weiße Arme 
ziehen ihn hoch. Brennendes Feuer umschlingt ihn. Teufels 
und Engelsfratzen flirren vor seinen geschlossenen Augen. Ein 
Kuß preßt sich auf seinen Mund. 
„Lieber, kleiner Ritter 1“ 
Schließlich ist man nicht umsonst seit bald zwei Jahren 
Liftjunge in einem großen Hotel — 
Auf und ab schwirrt der Fahrstuhl. Schon seit dem frühen 
Morgen, Jedesmal, wenn er am dritten Stock vorbeifährt, wo 
217 hegt, schließt Fritz die Augen. Und muß er dort halten, 
Gäste aufnehmen oder ausladen, so greift ihn eine kalte Faust 
ans Herz. Die Mutter schmeichelt ihm, die Tochter verlacht 
ihn. Immer noch —! 
„Betsy?“ 
„Ja?“ 
„Wir wollen hinunterfahren.“ Fritz hört es durch das 
Schachtgitter und reißt die Türe auf; ein wohlerzogener, artiger 
Gnom. Abwärts fährt der Fahrstuhl mit den Dreien. Fritz 
starrt auf das Knopf Schaltwerk vor sich und hält den Atem 
an. Kein Laut tönt. Doch jetzt — mit einem sanften Ruck 
hält der Lift in der Halle, dienstwillig öffnet Fritz die Tür — 
hört er die Junge ; 
„Süß ist er ja, der Kleine. Aber daß du doch schon s o a 11 
bist, Mama “ 
Die Antwort vernimmt er nicht mehr. Denn wie ein kleiner 
böser Kater springt - er der Schlanken, Blonden in die 
spöttischen Augen. Blutrote Kreise sieht er vor sich irren und 
er schlägt, beißt und kratzt, ohne Sinn und ohne Zieh 
Sekundenlang herrscht unbeschreiblicher Tumult im Hause. 
Nur zwei Augen sieht Fritz vor sich: „Frechheit!“ schreit er, 
schrill und laut; „Frechheit!“ 
Da stürzt das ganze Haus über ihm zusammen. Vom harten 
Steinboden her sieht er in das rote, böse, beschränkte Gesicht 
seines Feindes Böhli, der mit ungewickelten Fäusten, bereit zu 
neuem Hiebe, vor ihm steht. Von weit her tönen ihm die 
Stimmen. 
„Betsy?“ 
„Es ist weiter nichts. Er ist jetzt in dem Alter. Ein böser 
Dummerjungenstreich, den gerade du nicht allzuhart beur 
teilen wirst, Mäma.“ 
„Ich bitte dich, Betsy.“ 
Und während er ins Bewußtlose versinkt, denkt Fritz noch, 
daß er wohl der Jungen, aber noch nicht einmal der Mutter 
Vornamen kennt, die er doch eigentlich — vielleicht — 
geliebt hat 
„Liebe, liebe Betsy“, murmelt er. Dann schläft er ein. 
—NIN— 
CLus dem Raritätenkästchen der Jahrhunderte 
C. & Str. 
er Geheimschreiber des Erzbischofs von Magdeburg, 
Domvikar Konrad Schötz, machte in Berlin 1364 den 
unglücklichen Scherz, eine Berliner Ehefrau aufzufordern, 
sie möge ihn in das Bad begleiten. Die Ehefrau amüsierte sich 
zuerst, bis sie schließlich die Empörte spielte. Ihr Mann kam 
hinzu und das Volk rottete sich zusammen. Schötz flüchtete 
an die Tafel des Erzbischofs, aber er wurde von Stadtknechten 
weggeholt und zum neuen Markt geschleppt, woselbt man ihn 
erschlug. — Seit dieser Zeit haben sich die Berliner Damen 
wesentlich geändert, beziehungsweise gebessert. 
• 
Karl II. von England ritt durch seine Lande. In einem 
Flecken einer kleinen Grafschaft entdeckte er die schönsten 
Mädchen. Er schlug Quartier auf und in der Dämmerung 
küßte er die reizvolle, unschuldige Tochter des Bürgermeisters. 
Der Kuß hatte unangenehme Folgen und nach Monaten kam 
der Herr Bürgermeister, mit dem Gesetzbuch des Ortes, nach 
London, um dem König zu erklären: „Entweder wird die 
Tochter von Ew. Majestät geheiratet oder der Missetäter 
erhält hundert Stockschläge.“ Der König lachte und fand einen 
Ausweg. „Eure Tochter wird einfach adoptiert und Prinzessin.“ 
Etwas später kam der Bürgermeister halb verzweifelt wieder 
nach London zum König; Das sei ja die falsche Tochter ge 
wesen. Die zweite habe der König in seine Arme ge 
schlossen. Und diese sei vor wenigen Tagen Mutter geworden. 
„Wer nahm sich deiner ersten Tochter an?“ fragte der König. 
„Auch Ew. Majestät!“ erwiderte kleinlaut der unglückliche 
Großvater. 
„Wieviel heiratsfähige Töchter habt Ihr noch, Bürger 
meister?“ 
„Vier,^ Majestät!“ 
„Gut!“ befahl Karl II„ „mein Quartiermeister wird sofort 
Euer Amt in der Grafschaft übernehmen. Ich wünsche nicht, 
daß solche Irrtümer ständig stattfinden.“ 
Der Quartiermeister, dem natürlich die Stockschläge auf 
dem höchsten Gnadenwege erlassen wurden, reiste sofort 
vergnügt dorthin ab und bald aber hier wollen wir lieber 
die Geschichte abbrechen 
• 
Als Eduard VII. noch Prinz von Wales war, verbrachte er 
sonnige Tage in Homburg vor der Höh. Sie galten der Mode 
und dem Flirt. Eine kleine Homburgerin saß mit ihm jeden 
Abend spät im Hardtwald und der Prinz umschlang sie 
plötzlich heftig und mit Leidenschaft: „Prinzche“, sagte die 
Dame, „des misse Se lasse . . . hier wolle so viele junge 
Mädcher umschlunge sei und wenn’s ahne (eine) sieht, bin ich. 
erledigt ... de Neid, Prinzche, is zu groß in Homburg.“ 
Und richtig — schon tauchten zwei andere Homburger 
Damen aus dem Dunkel des Waldes auf. Der Prinz, wieder 
ebenso kußfertig, streichelte auch sie zärtlich. 
Auch sie sprachen „vom Neid der anderen“ .... So ä 
Prinzche is doch mal was anners (anderes), sagten sie. 
Als wieder zwei Damen im Dunkel der Nacht sichtbar 
wurden, nahm der Prinz von Wales rasch seinen grauen 
Zylinder, indem er meinte: „Nein, meine Damen, wenn das 
so weiter geht, werde ich wegen der großen Verwirrung in 
meinem Herzen niemals den Thron Englands besteigen 
können.“ 
* 
König Leopold von Belgien war wieder einmal in Ostende 
hinter den schönen Mädchen her. Eine leicht geschminkte 
und entzückende Leipzigerin war das Objekt seiner Sehnsucht. 
Die Leipzigerin wehrte erst ab. 
„Aber mei Gutester, weeß KnebbchCn, am Ende sind Sie 
so’n Hochstapler! Ich genne Sie ja nich!“ 
Der König lächelte: „Mein gnädiges Fräulein, ich bin aus 
einer anständigen Familie; Sie brauchen sich nicht genieren, 
mit mir am Strande auf- und abzugehen.“ 
„Wer weeß!“ sagte, mit dem Zeigefinger drohend, die Dame 
aus Leipzig. Und ihn von der Seite betrachtend, meinte sie: 
„Aber haben Sie ’ne lange Nase.“ 
„Nicht unbeliebt bei Damen!“ meinte Leopold von Belgien 
aufgeräumt. 
„Na, siehste, Menschenskind, nu verstehen wer uns .... 
warum haste nich schon frieher so deutlich gerädt?“ 
Leopold begriff den Sinn der Worte nicht; die kleine Dame 
aus Leipzig aber half ihm: 
„Fünfzig Franks mußte schon für ’ne Abendunterhaltung 
ausgeben. . . . Time is money!“ sagen die Franzosen. 
Der verdutzte König von Belgien entfloh mit großen 
Schritten. Auf diese Bildung und den Idealismus von Leipzig 
war er nicht vorbereitet.
        
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