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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jafirg. 27 
Nr. 24 
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M an kann nicht behaupten, daß Kasimir Pa 
chulke Kriegsgewinnler gewesen wäre; dazu 
hatte er gar keine Gelegenheit. Denn so lange 
der Krieg dauerte, saß er wohlgeborgen im 
Zuchthause zu Brandenburg infolge einer kleinen Un 
vorsichtigkeit bei einer Wechselunterschrift. 
Vor drei Jahren aber begann sein Stern aufzusteigen. 
In kurzer Zeit gelang es ihm, sich eine Metallwaren 
fabrik zuzulegen, die ihm große Gewinne abwarf. Er 
hatte eine Villa, zwei Autos, Dienerschaft, Park und 
Wintergarten, aber das alles war nichts gegen seine 
Brillanten und gegen seine erstaunlich pöbelhaften Ma 
nieren, die alles in den Schatten stellten, was jemals auf 
diesem Gebiete erlebt wurde. 
Jetzt fehlte ihm bloß noch eine Frau. Aber selbst eine 
ostpreußische Viehmagd hätte es sich zehnmal über 
legt, ehe sie Kasimir Pachulke geheiratet hätte. 
Blieb ihm nichts übrig als ein sanfter Zwang. 
Da war in seinem Kalkulationsbüro Lore Müller, die 
bildhübsche Schwester seines zweiten Kassierers. Der 
junge Müller stand in zarten Beziehungen zu einer 
Dame, deren materielle Bedürfnisse im umgekehrten 
Verhältnis zu Müllers Gehalt stand. So kam es, daß 
Müller, um den Wünschen seiner Dame nachzu 
kommen, ein paar Mal heimlich Pachulkes Geldschränke 
melken mußte. Der erste Kassierer, ein alter Trottel, 
merkte nichts. Aber Pachulke, der hinter seinem Ge 
schäft her war, wie der Teufel hinter einer armen 
Seele, hatte die Unterschlagung sofort heraus. Nichts 
konnte ihm willkommener sein. 
Er hatte bei der blonden Lore schon mehrere An 
näherungsversuche gemacht, war aber stets abscheulich 
abgeblitzt. Da Lore mit jedem Tage hübscher wurde, 
stieg Pachulkes Begehren bis zur Siedehitze. Er war 
ohne weiteres bereit, sie zu heiraten, wenn nur sie ge 
wollt hätte. 
Aber sie wollte eben nicht, denn sie graute sich un 
sagbar vor Herrn Pachulke. 
Bis eben die Geschichte mit dem jungen Müller 
passierte. Der glaubte, man hätte nichts bemerkt, und 
griff ein zweites Mal in die Kasse. Acht Tage darauf 
ließ Pachulke die Geschwister kommen und sagte dem 
Bruder die Unterschlagung auf den Kopf zu. Der junge 
Mann, total verdattert, gestand alles ein und wurde so 
fort zur Tür hinaus gewiesen. Lore blieb allein bei 
Pachulke zurück und hatte mit ihm eine Unterredung, 
die sie nie vergaß. Pachulke wollte natürlich die Situ 
ation ausnutzen, aber Lore erklärte mit einem Mut, über 
den sie sich selber wunderte: „ . . . nur wenn Sie mich 
heiraten! Sonst lasse ich meinen Bruder ins Kittchen 
fliegen. Geschwisterliebe darf nicht zu weit gehen. Und 
Ihre Gemeinheit auch nicht. 
Kasimir war platt. So ein resolutes Mädel! Aber das 
gefiel ihm trotz alledem. 
Und nach drei Monaten heiratete er die Lore, die 
allerdings von ihrem Glück offenbar nicht überwältigt 
schien. 
Effi halbes Jahr später verkaufte Pachulke seine 
Fabrik vorteilhaft und erwarb eine andere in einem 
Berliner Vorort. Seine vollendete Knotenhaftigkeit und 
das Bewußtsein, daß er selbst in Kutscherkneipen durch 
schlechte Manieren aufgefallen wäre, hielten ihn von 
aller Geselligkeit fern. Er wußte ohnehin, daß man ihn 
nirgends eingeladen hätte, trotz seiner Gelder. Aber 
Lore fing an sich zu langweilen und sehnte sich nach 
Abwechslung, zumal ihr Mann ihr täglich mehr und 
mehr zum Ekel wurde. Zudem war er unglaublich eifer 
süchtig und hätte sie am liebsten in seinen Privattresor 
gesperrt. 
Immerhin konnte er es nicht verhindern, daß sie bis 
weilen in die Stadt fuhr, um Einkäufe zu machen. Bei 
einer solchen Gelegenheit passierte ihr auf der Pots 
damer Straße ein kleines Malheur. An der Autobus- 
Haltestelle neben der Linkstraße rannte ihr Chauffeur 
einen eleganten jungen Herrn an, der eben den 
Omnibus besteigen wollte. Der junge Mann, dessen 
Mantel zerrissen war, wollte gerade dem Chauffeur mit 
einem Donnerwetter in die Parade fahren, da fiel sein 
Blick auf Lore, die im Fond des Wagens lehnte. Im 
Augenblick war er futsch und hätte sich beinahe 
für das Angefahrenwerden noch bedankt. Er lächete 
höflich, was ihm sehr gut stand, erklärte, die kleine 
Karambolage sei bedeutungslos und verschwand schein 
bar mit einer eleganten Hutschwenkung. Er winkte dem 
nächsten Droschkenauto und fuhr heimlich hinter Lore 
her. Als sie bei Hilbrich ausstieg, kam er wenige 
Minuten später nach, ging anscheinend zerstreut durch 
das Lokal, den beschädigten Mantel vorsichtig zu- 
zusammengelegt unter dem Arm, damit niemand den 
Riß sehen konnte, und nahm an Lores Tisch platz. 
Das Übrige entwickelte sich programmäßig. 
Manfred war ein netter Kerl, höflich, fidel, ohne 
albern zu sein, und nicht zum wenigsten waren es seine 
guten Manieren, die Lore sofort sympathisch berührten. 
Nach einer halben Stunde glühten beide füreinander. 
Die Frage, die in der Luft lag, fiel, und schon türmten 
sich berghohe Schwierigkeiten. Lore schilderte frei 
mütig ihre Lage. 
Manfred dachte einen Augenblick nach und rückte 
dann mit einem glänzenden Vorschlag heraus. 
„Du sagtest mir doch, daß dein wertgeschätzter Herr 
Gemahl gar keinen gesellschaftlichen Umgang hat. 
Kränkt ihn das?“ fragte er. 
„Er kriegt täglich dreimal die Platze.“ 
„Also gut“, erklärte Manfred, „packen wir ihn bei 
seiner unbefriedigten Eitelkeit!“ 
Und dann wurde der Plan bis ins einzelne besprochen. 
Herr Pachulke war stolz, ja beinahe gerührt, als er 
Von Frau Lore erfuhr, daß sie Schriftführerin im Hilfs 
komitee für entlassene Rückwanderer geworden war. 
Er konnte sich zwar nichts Bestimmtes dabei verstellen, 
aber so groß sein Mißtrauen sonst war, in diesem Fall 
wurde es von der Eitelkeit geblendet. Man stelle sich 
vor: Die Vorsitzende war die Frau einer richtiggehenden 
Exzellenz, selbstverständlich ältester Uradel, und was 
sonst da in Wohltätigkeit machte, das waren alles 
Damen der besseren Gesellschaft. Ja, einmal war sogar 
eine richtiggehende Prinzessin zur Komiteesitzung er 
schienen. 
Manfred hatte Lore genau instruiert, was sie Kasimir 
vorzuschwindeln hatte. Er hatte ihr sogar aus dem 
Gotha fein säuberlich die Namen der fingierten Komi 
teemitglieder aufgeschrieben. So klappte alles. Und als 
eines Tages Pachulke, der Mißtrauen für eine Tugend 
hielt, weil er selbst grundsätzlich zu lügen gewohnt 
war, auch wo es nicht notwendig war, aber als an 
ständiger Geschäftsmann hat man doch seine Prinzipien, 
nicht wahr, und wenn wir plötzlich anfingen, bei allen 
Geschäften die Wahrheit zu sagen, wie sollte man denn 
da die Kunden übers Ohr hauen also, 
als eines Tages Herr Pachulke seinen Chauffeur fragte^ 
wo er denn die gnädige Frau immer hinfahre, erhielt 
er die tröstliche Auskunft, daß Lore stets vor dem
        
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