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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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ie hatte Properz, der glückliche Dich- 
( ^ er > treuer geliebt als damals, da 
)y®SET I Cynthia sich ihm mit Herz und Leib 
a I ergeben. Nie war der Poet glücklicher 
\ I gewesen als in den Umarmungen der 
c n>1 ^ Courtisane, die ihn den reichsten 
JL ^ Verehrern vorgezogen hatte. 
Aber Cynthia liebte nicht nur ihren Dichter, sie war 
auch eifersüchtig auf ihn, sehr eifersüchtig, und solches 
war nicht gut für Cynthia, denn Properz war ein 
Dichter. 
Einmal nun ging Cynthia auf Reisen. 
Sie reiste nicht oft, und wenn, dann war es gewöhnlich 
Baiae, das Seebad der römischen Aristokratie, wohin 
die Vielgeliebte sich wandte, um das zu erwerben, was 
ihr Properz durch Küsse erzetzte. 
Seit kurzem aber hatte Cynthia auch diese Badereisen 
aufgegeben, um ganz ihrem Properz zu leben. Umso 
mehr erstaunte der Geliebte, daß sie auf Reisen gehen 
wollte. Als er aber vernahm, daß sie der argivischen 
Juno in ihrem Tempel ein Opfer gelobt, da beruhigte 
sich Properz, denn in längstens drei Tagen konnte sie 
von da wieder in seine Arme zurückkehren. 
Vor ihrem Hause, nahe der Burg, stand der Jüngling, 
und die Geliebte reichte ihm von ihrem Wagen aus 
zum letztenmale die Lippen zum Kusse. Die reichge 
schmückten, langmähnigen Maultiere zogen an, die 
herrlichen jonischen Hunde sprangen laut kläffend in 
langen Sätzen voraus und die glattgeschorenen 
Eunuchen peitschten auf die Zugtiere ein. 
Cynthia ging auf Reisen. 
Der Dichter stand und sah, bis im aufwirbelnden 
Staube die Geliebte samt Wagen und Hunden und 
Eunuchen verschwunden war. 
Armer Properz. 
Sollte er die Nacht allein verbringen, er, der die Ein 
samkeit so wenig gewöhnt war? 
Er beschloß, sich zu trösten, bis seine geliebte 
Cynthia von der argivischen Juno zurückgekehrt wäre. 
In seinem Hause im esquilinischen Stadtviertel ange 
kommen, sandte der Dichter seinen Sklaven auf den 
Aventin und nach dem Wäldchen am Capitolinus. Auf 
dem Aventine nämlich wohnte Phyllis, ein reizendes, 
sprödes Kind, das die Kunst der Liebe im Rausche ge 
lernt und im Rausche betrieb. 
Beim Capitolinus hauste Teia, deren Leib so weiß 
war, als habe Selene ihren bleichsten Kuß auf ihre 
Schönheit gedrückt, während das glühendste Blut in 
ähren Adern kochte. Die beiden bat Properz zu sich. 
Und sie kamen, die mitleidigen Mädchen, den armen 
Dichter in seiner Einsamkeit zu trösten. 
Während sie die bereits schweigenden Straßen Romas 
durchquerten, fuhr der fernen Cynthia plötzlich in 
ihrem Wagen ein Gedanke durch den Kopf. 
Sie erinnerte sich der vergangenen Nacht, wo der 
Mond bei weitem nicht so hell geschienen und Properz 
so oftmals den Weg zu ihrem Munde gefunden hatte. 
Trotz der Dunkelheit! 
Wie oft, dachte sie, würde er erst heute diesen Weg 
machen können, wo Selene ihm leuchten würde? 
Wie oft — dachte sie noch einmal erschauernd, schlug 
die Vorhänge ihres Wagens zurück und rief den Eu 
nuchen zu: „Retour!“ 
Der Wagen drehte sich auf seiner Achse, die Hunde 
kläfften freudig, und Cynthia befand sich wieder auf der 
Heimreise. 
Armer Properz. 
In seinem Garten dufteten heiß die ausgestreuten 
Rosen. Auf dem breiten Ruhebett an der reichbesetzten 
Tafel lag der Poet und links und rechts von ihm je 
eines der Mädchen. Ein ägyptischer Sklave bließ die 
Flöte, ein Eunuche den Dudelsack, und Lygdamus, 
der treue Diener Properz’, verschenkte den Wein. 
Dunkelroten, methymnischen Wein, der die Vernunft 
berauscht und die Sinne erhitzt, und alle drei tranken 
und 
Je nun — die Kissen auf dem Lager des Dichters 
waren zerwühlt, und die beiden Mädchen jubelten und 
Properz benahm sich wie es einem Manne geziemt. 
Und sie tranken und merkten nicht, daß plötzlich die 
Haustüre heftiger als gewöhnlich geöffnet wurde. 
Ein tänzelnder Schritt im Vestibül, und Cynthia, die 
kurz verreiste Cynthia stürzt in das Gemach, eine 
kampfbereite Amazone, die schönen Haare in aufge 
lösten Locken um den Nacken fliegend, die Augen 
glühender als arkadische Trauben. 
Ein brennender Leuchter saust durch die Luft, um 
sich blitzschnell in Phillis zartem Antlitz einen Ruhe 
punkt zu suchen, Teia, die bleiche Jungfrau, eilt ent 
setzt durchs Zimmer, stürzt über einen Schemel und 
ruft um Wasser, bis sich die Köpfe beider Mädchen 
unter den unbarmherzigen Fäusten der tobenden 
Cynthia unsanft wiederfinden. 
Mit Not entrinnen endlich die Hilfesuchenden der 
Wut ihrer Rivalin. 
Das ganze Sadtviertel ist unterdes von dem Spek 
takel erwacht und läuft kampfbereit in das Haus 
Properz’. Krämer und Maultiertreiber, Soldaten und der 
Ädile selbst eilen hastig nach dem Schauplatz des 
Lärmes. 
Zwei Frauen mit zerfetzten Kleidern fliegen an ihnen 
vorbei. Die Nachbarn dringen, die Fackeln hochhaltend, 
in das Schlafgemach des Poeten und sehen Properz, den 
gefeierten Dichter, die Knie Cynthias umschlingend, 
während die Geliebte unbarmherzig seinen Rücken be 
arbeitet und versucht, ihm die Augen auszukratzen. 
Da entfernte sich würdevoll der Ädile und mit ihm 
alle Nachbarn, denn es stand ihnen nicht an, sich in die 
ehelichen Liebkosungen eines civis Romanus zu mischen. 
Endlich erinnerte sich Cynthia, weshalb sie eigentlich 
so schnell zurückgekehrt war. Sie räucherte die Halle 
aus, befiehlt dem Dichter sich zu waschen, die Kleider 
zu wechseln und sein Haar auszuschwefeln.
        
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