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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 3 
10 
Der Tafirstufot 
DIC y r i o x 
etsy!“ 
„Ja?“ 
„Hol’ den Fahrstuhl!“ 
Ein surrendes Geräusch durch den stock 
werkschlummernden Schacht hüllte die ganze 
Etage in summenden Gesang; dann hielt der 
Fahrstuhl. Mutter und Tochter stiegen ein, — 
glitten hinab. 
Fritz, der Liftboy, stand am Knopfschaltwerk 
wie ein hilfreicher Gnom; bereit zuzuspringen, pflichtbewußt 
auf den Knopf zu drücken, wenn die Situation es erheischte. 
Sein blonder Jungenkopf bebte im leisen Luftzug, der durch 
die Schiebetüren wehte. Seine neugierigen Augen, lüstern-be 
weglich wie die einer Spitzmaus, blickten auf die emporeilende 
Mauerstruktur vor ihm, die eilig und in unerbittlicher Stumm 
heit aufwärts vor ihm emporklomm. 
Oh. er war gewissermaßen Weltweiser, der Kleine. Hatte 
so seine eigene Philosophie. Also, — da war die Mauer! Sie 
glitt. Aufwärts, abwärts, je nachdem. Vierter Stock, dritter 
Stock und alle übrigen, — jeder hatte sein bestimmtes Zeichen. 
Da war der nasse Fleck, den man als Teufelsfratze deuten 
konnte, wenn man nicht genau hinsah. Und dort, — war es 
nicht wie ein Engel, der himmelwärts schwebte, wenn man 
mit halbgeschlossenen Augen auf die Mauerrisse guckte? 
Zwei Etagen tiefer: noch zwei, nein drei, dann würde man 
unten sein. Und dann kamen neue Fahrgäste. Andere. Vater 
und Sohn. Mutter und Tochter. Mann und Frau. Oder auch 
nicht. — Oh, er. — Fritz wußte Bescheid! Aber ging es ihn 
etwas an? Er war Liftboy. Später würde er einmal Etagen 
chef sein; oder gar Hallenchef. Und dann war die Fahrt wohl 
ein bißchen anders. Dann mochte ein anderer die Schalt 
knöpfe drücken. Dann würde e r hinten sitzen und sich selber 
fahren lassen. Bis dahin waren Teufels- und Engelsfratzen 
gleich amüsant: denn beide gingen ihn im Grunde genommen 
nichts an. — — — 
Der Lift stand mit einem Ruck, Fritz hatte weder auf 
einen Knopf gedrückt, noch die Etagenfolge beachtet. Und 
so kam es, daß ein leichter Schrei ihm zeigen mußte, daß 
„Philosophie“ allein die getreue Pflichterfüllung aufgetragener 
Obliegenheiten nicht ersetzt, und daß die höchsten Gedanken 
flüge nicht vor Komplikationen realer Materie schützen. Der 
Fahrstuhl hielt genau eine halbe Manneshöhe über dem Erd 
geschoß. Fritz drückte, gewissermaßen nur Pflichtgefühl, drei, 
vier, fünf Schaltknöpfe. Daß der Lift fürs erste unbeweglich 
sein würde, wußte er. Dann riß er die Tür auf und drehte 
sich um. Was konnte er dafür? / 
„Panne“, sagte er kurz und sachlich zu den beiden weiblichen 
Gestalten im engen Raum; durchaus nicht mehr als nötig mit 
den Blicken streifend. 
„Aber die Damen können trotzdem aussteigen“. 
Es erschien auch schon Herr Böhli in der Türöffnung. Er 
stammte, wie es sich für einen höheren Hotelangestellten ge 
ziemt, aus Pfäffikon in der Schweiz, drückte seine sets selbst 
bewußte Dienstbeflissenheit spiegelnden Froschaugen heraus 
und versicherte mit verbindlichem Armrudern, in den herz 
lichen Kehllauten seines Mutterlandes, den Damen die Unge- 
fährlichkeit der Situation. Fritz fand, daß er, so wie er die 
untere Rumpfpartie und die Beine verdeckt, nur mit dem 
Oberkörper über den Fahrstuhlboden gelehnt, in dessen In 
neres hineinsprach, einer männlichen Friseurpuppe lächerlich 
ähnlich sah. Er grüßte und wandte sich ab. Wie lustig das 
doch war, dieser kleine Unfall. Nein, wie dieser Böhli sich 
wichtig tat. Schon kam Paul, der erste Hausdiener, mit der 
Trittleiter und Böhli tat sich gar artig mit eifrigem Rücken 
und Bücken, bis alles im Lot war. Dann setzte er graziös den 
einen Fuß auf die unterste Leitersprosse und henkelte er 
wartungsvoll den Arm, um die Damen in Empfang zu nehmen. 
Da geschah etwas Merkwürdiges. 
„Betsy!“ 
„Ja?“ 
„Geh’ du voran. Der, Kleine mag dir helfen.“ 
„Ach Gott, der Kleine! Ich glaube, der hat am meisten 
Angst von uns allen gehabt. Was soll denn der helfen? Du 
hast manchmal Ideen, Mama! 
Ein schwarzer Schatten schob sich an Fritz vorüber, glitt 
durch die Tür, rundete sich dort einen Augenblick lang zur 
Silhouette, hüpfte, und landete als schlanker und sehr 
eleganter Körper in Böhlis kulant gespreizten Ellbogen 
winkeln. Fritz fühlte, wie ihm das Blut in die Schläfen stieg. 
„Kleiner“ hatte man gesagt. Seinen Mut, seine körperlichen 
Kräfte angezweifelt. Welch unerhörte Nichtachtung. Wie 
durch einen Schleier sah er unter sich Böhlis devot und 
spöttisch verzogene Mienen. Einen Augenblick lang war ihm, 
als müsse et diesem Lakai da unten mit beiden Füßen ins 
Gesicht springen. Dann drehte er sich um, schlang seine 
beiden sehnigen Jungenarme griffig der Frau, der Mutter, die 
nun dicht neben ihm stand,'um die Schenkel. Biß die Zähne 
zusammen. Fühlte, seine Knochen reckend, sich dehnen, hob, 
und stand eine Sekunde mit seiner Last in der Fahrstuhltür. 
Sah unter sich zwei aufgerissene Mäuler und ein paar schön 
gemalte Frauenaugen erstaunt emporgerichtet. Trat mit 
schier übermenschlicher Anstrengung auf den Kopf der Tritt 
leiter und ließ seine Last sanft in die mechanisch sich öffnen 
den Arme des Böhli gleiten. Er trat wieder zurück. Da drehte 
sich die Mutter um. Fritz sah sie an. Er sah, daß sie blond 
war. Ebenso blond wie die Tochter. Groß und schlank. 
Und schön. 
Er, Fritz, hatte sie in den Armen gehalten. — — 
„Danke, kleiner Ritter!“ hörte er ihre Stimme. Dann ein 
Gelächter der Tochter, sehr amüsiert, und wie ihm schien 
ein klein bißchen höhnisch — und der lastbefreite Lift glitt 
nach oben. Böhlis indigniertes Gesicht verschwand unter dem 
sanft sich hebenden Fahrstuhlboden. Ganz weit entfernt 
drang aus der Tiefe noch das Lachen, dann schluckte es der 
Schacht auf, während Fritz Tränen der Scham und würgende 
Wut befielen. — — — 
Auf und ab sauste der Fahrstuhl wieder. Auf und ab. Auf 
und ab. 
Fritz sah keine Engelsgestalten, keine Teufelsfratzen mehr; 
warum hatte die Junge, die Tochter, gelacht? Hatte ihm erst 
keine Hilfeleistung, keine Kräfte zugetraut und ihn dann nach 
bewiesener Tat noch verhöhnt? Der Mutter, ja, der hatte er 
schon gezeigt, was in ihm steckte. Und der Tochter würde 
er ! Er wollte ihr wenigstens sagen, daß sie kein Recht 
habe, ihn zu höhnen. Daß er sozusagen schon ein Mann war; 
auf den" man sich verlassen konnte, trotz seiner geringen 
17 Jahre. 
Gerade unten in der Halle hält der Lift. Fritz reißt die 
Türen auf. Und dann kamen sie wieder, 
„Betsy!“ 
„Ja?“ 
„Wir fahren doch hinauf?“ 
Det Fahrstuhl schwebt. Stumm stehen die drei. Dann: 
„Dank, kleiner Ritter, wollte ich Ihnen auch noch sagen. Sie 
haben Ihre Sache sehr gut gemacht. Sehr schön.“ 
Einen Augenblick streicht eine Hand über seinen Schopf. 
Dann sieht er die zwei Frauen um die Gangecke entschwinden. 
In seinen Schläfen hämmert es. Was hatte die Junge beim 
Herausgehen gesagt? 
„Mama, du bist wirklich sehr amüsant. Viel Glück zu 
deiner Eroberung“, hatte sie gesagt. 
Und hatte wieder gelacht. Höhnisch und aufreizend wie 
schon einmal. 
Niederwärts schwebte der Fahrstuhl. Wieder hinauf und 
hinab. Auf und ab. Bis in die Nacht hinein. Als Fritz 
abgelöst wird, hat er seinen Entschluß gefaßt. 
Dunkel liegt der Gang und öde. Fritz zählt die Zimmer 
türen. Da muß es sein. Nummer 218 schläft die Mutter. 
216 die Junge. Dazwischen ist der Salon. Da wird er hinein 
gehen. Er hat geheime Angst. Fragen will er nur. Fragen. Ja, 
was denn eigentlich? Und schon hat er geklopft. Jetzt steht 
er im Zimmer. Die Mutter ist allein. 
Fritz verbeugt sich und taumelt ein paar Schritte nach vorn. 
Er sieht eine Gestalt lässig auf den Diwan gestreckt. Ein rot- 
gebundenes Buch rutscht langsam, schneller und pfeilgeschwind 
an Körper und Möbel herunter zu Boden. Fritz stürzt vorwärts 
und hebt es auf. Wirr, zerrissen, hilflos, gedemütigt, bevor er 
ein Wort gesprochen. Er ist doch ein Liftboy.
        
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