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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 23 
Ja hg. 27 
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Andre Henrion, dem Kneipwirt, ein besonderes Ver 
trauensverhältnis zu unterhalten schinen. Dazu mußte 
auch wohl die geheimnisvolle Geste gehören, mit der 
Mr. Andre ein viereckiges, schwarzes Köfferchen her 
beischleppte und es zwischen den Beinen der sauberen 
Kupane hinweg unter die Bank schob, auf der der 
Wohlrasierte sich niedergelassen hatte. Wer einmal 
einen Blick in das dunkelste Paris, in die Sammelbecken 
des Verbrechertums hat werfen können, wird sofort 
erraten haben, was das verdächtige Köfferchen enthielt: 
modernstes, allen Anforderungen der Neuzeit entspre 
chendes Einbrecherwerkzeug, Kein Zweifel: die drei 
fremden Gesellen planten einen Handstreich auf das 
gräfliche Schloß und kein anderer leistete ihnen dabei 
seine geschätzte Hilfe als Mr. Andre Henrion, der 
Kneipwirt, der bei dem alten Grafen früher Diener ge 
wesen war und sich nun nicht scheute, seine Kenntnisse 
gegen schnöden Hehlerlohn der Einbrecherkumpanei 
zur Verfügung zu stellen. 
Das saubere Kleeblatt, das direkt von Paris kam, 
wußte, daß die Session der Kammer Mitte der Woehe 
zu Ende gehen und daß Graf Grunöt, wie er es immer 
(schon um den Schein zu wahren) tat, am Tage darauf 
wieder auf seinem Schlosse eintreffen wüfde. Die N acht 
vor seiner Rückkehr hatten sie für den Einbruch aus 
ersehen. Alles war sorgfältig und bis in das Kleinste 
Vorbereitet. Die Gräfin sollte auf eine ganz raffinierte 
Weise, die der Wohlrasierte ausgeklügelt und deren 
Durchführung er sieh Vorbehalten hatte, „für Augen 
blicke stumm“ gemacht werden und währenddessen 
sollten die beiden anderen den Geheimschrank im an 
grenzenden Arbeitszimmer des Grafen erbrechen. Der 
biedere Mr. Andre sollte das glückliche Gelingen der 
gesamten Operation durch Überwachung der Garten 
seite des Schlosses nach Möglichkeit sicherstellen. — 
# 
Unruhvollen Herzens schritt Gräfin Yvonne zwischen 
den Blumenbeeten entlang, die sich in leuchtender 
Breite vor der Freitreppe des Schlosses in den Park 
hineinschoben und sich in Busch- und Baumgruppen 
verloren. Ihr Wunsch und Wille war, den jungen 
Gärtner zu treffen, ihn zu stellen, in ein anfangs form 
loses Gespräch zu verwickeln und dann geradewegs auf 
ihr Ziel loszusteuern. Sie wollte ihn erobern, in den 
Bann ihrer fraulichen — ach, so jungfräulichen — Reize 
zwingen, ihm die Besinnung nehmen, ihn zu unbe 
dachtem Handeln verleiten und ihn dann, im letzten 
Augenblick, mit geheuchelter Empörung zurückstoßen. 
Im letzten, im entscheidenden Augenblick . . . 
Am Morgen hatte ihr ein Eilbrief aus Paris die für die 
Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag bevorstehende 
Rückkehr ihres Gemahls angekündigt. Graf Grunöt 
schrieb' mit der gemessenen, beherrschten Handschrift 
des gewohnheitsmäßigen Lebemannes, daß er mit dem 
Nachtzuge gegen drei Uhr morgens in Mont St. Jean 
eintreffen und von dort aus im Jagdwagen seines 
Freundes und Parlamentskollegen Baron d’AImade 
direkt nach Saint Maurelle weiterfahren würde. Sie 
möge also weder Wagen noch Dienerschaft schicken. Er 
würde gegen 5 Uhr früh auf dem Schlosse eintreffen 
und es genüge ihm, wenn ihn sein Kammerdiener im 
Vestibül erwarte. Die Gräfin hoffe er dann gegen neun 
Uhr beim Lunch begrüßen zu dürfen; sie möge sich auf 
keinen Fall Unbequemlichkeiten zumuten. Dann folgten 
die üblichen Verehrungsbezeugungen, eine Unzahl 
papierner Handküsse aber kein Wort von Liebe, 
von Sehnsucht, von Feuer auf das endliche Wieder 
sehen. — 
Jung und ungezwungen stand plötzlich der junge 
Gärtner vor ihr. Eine leichte Röte trat ihm in das Ge 
sicht, als er sich so unvermutet der jungen Herrin 
gegenübersah. Er wollte mit devotem Gruße vorüber 
eilen, als die Gräfin ihn mit leisem Zittern in der Stimme 
ansprach: 
„Nun, Pierre, was machen die Blumen?“ 
Der junge Mensch drehte verlegen seine Mütze in den 
Händen. „Die Blumen blühen recht gut“, gnädigste 
Gräfin“, antwortete er, stockend und verwirrt durch 
die ungewohnte Anrede. „Ich pflege sie fleißig und 
gieße sie Tag und Nacht.“ 
Yvonne lachte hell auf und dem Burschen fiel vor Ver» 
legenheit über seine törichte Antwort die Mütze aus 
den Händen. Eilig hob er sie auf und versuchte weiter 
zugehen. Aber ein Blick der jungen Herrin hemmte 
seinen Schritt. 
„Ich habe so gern Blumen in meinen Zimmern“, 
sagte die Gräfin leise und versonnen. „Dabei finde ich 
sie dort so selten. Niemand hier im Schlosse errät 
meine Wünsche. Ich will nicht immer befehlen, ich will, 
daß man von selbst tut, was mir lieb ist.“ 
• Der Gärtner blickte das junge Weib ohne Verständnis 
an. Er wußte nichts zu sagen, war innerlich herzlich 
froh darüber und schwieg. 
„Es kränkt mich“, fuhr Yvonne fort und löste dabei 
wie in gedanken ein Band, das ihr leichtes Gewand 
über der linken Schulter festhielt, „daß selbst in den 
Domestikenzimmern häufiger frische Gartenblumen zu 
finden sind als bei mir. Meine Kammerzofe brachte 
erst gestern einen herrlichen Strauß roter Rosen mit 
heim. Sie wissen doch: meine Marion. 
Pierre riß den Mund auf und versuchte irgend etwas 
zu sagen. Aber es gelang ihm nicht. 
Yvonne fühlte den Augenblick ihres Triumphes 
nahen. 
„Wie froh wäre ich, wenn mir einmal einer in früher 
Morgenstunde einen Blumengruß in das Schlafzimmer 
brächte. Ganz früh, ganz unbestellt und unerwartet“, 
flüsterte sie und trat so dicht an den jungen Menschen 
heran, daß ihr warmer Atem sein Gesicht streifte. 
„In das Schlafzimmer brächte“, wiederholte Pierre 
stotternd. „Gnädigste Gräfin, soll Marion ?“ 
„Dummes Kerlchen!“ Yvonne gab ihm mit ihrer 
weichen, weißen Hand einen leichten Klaps auf die 
Stirn. „Ist denn Marion — einer?“ Der Bursche 
zuckte zusammen, wie von einem ungeahnten Wohlge 
fühl überschauert. Dann fuhr er sich mit der Hand 
über die Augen und richtete sich lachend hochauf. Er 
war erwacht, er hatte begriffen. 
Ein warmer Wind fuhr über den Garten und spielte 
mit Yvonnes leichtem, weißen Kleide. Er fing sich in 
dem Faltenwurf des Rockes, zog eine scharfe, senkrechte 
Furche zwischen dem schlanken Bau ihrer Beine und 
ließ die Formen des jungen Leibes deutlich sichtbar 
hervortreten. 
Pierre trank mit überquellenden Augen die Herrlich 
keit, die sich ihm darbot. Donnerwetter, das war doch 
noch etwas anderes als die etwas eckige Marion. Jetzt 
war er ganz Mann, ganz Held, ganz Herr. 
„Wann, gnädigste Gräfin?“ fragte er kurz und mit 
einem stolzen Lächeln auf den vollen Lippen. 
Mit heißem Atem hauchte ihm Yvonne etwas in das 
Uhr, blickte sich scheu um und eilte auf einem Seiten- 
wege dem Schlosse zu, 
# 
. Seit jenem Zusammentreffen zählte Gräfin Yvonne 
m nervöser Unruhe die Stunden, die sie noch von der 
Ankunft ihres Gatten trennten. Mit einem Gemisch 
von Neugier und Furcht malte sie sich den Sieg aus, 
den sie auf diese gewagte und gefährliche Art über den 
Grafen Grunöt zu erringen entschlossen war. Kein 
Zweifel: der Gärtner hatte angebissen. Er würde in 
seiner tollen Verliebtheit am Donnerstag früh kurz vor 
fünf Uhr an dem Epheugitter emporklimmen, durch 
das gewohnheitsgemäß offenstehende Altanfenster in 
ihr Schlafgemach steigen, seinen Blumenstrauß abliefern 
und —- — ja, und dann natürlich ihre weiteren Befehle 
erwarten. Gewiß: so mußte sich alles abspielen, und 
dann würde sie, wenn sie das Rollen des Jagdwagens 
hörte, Lärm schlagen, das elektrische Läutewerk in Be 
wegung setzen; die Dienerschaft würde herbeistürzen,
        
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