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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jaürg. 27 
Nr. 23 
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SONJA YE LI N O FF 
ie schöne Gräfin Grunot-Saint Maurelle 
lag schon die dritte Nacht ohne Schlaf. 
Graf Grunot, der Deputierte seines 
Kreises in der Pariser Kammer, war seit 
Wochen von seiner doppelt schönen Be 
sitzung — dem schönen Schloß und dem 
schönen Weibe — abwesend und machte 
der neuen Regierung Opposition. Üble 
Zungen behaupteten allerdings, daß 
seine Pariser Tätigkeit in der Hauptsache darin be 
stände, schönen Frauen den Hof zu machen, wobei es 
ihm auf die politische Einstellung der gehörnten Ehe 
herren verdammt wenig ankommen sollte. Man erzählte 
sich heimlich raunend und augenzwinkernd, daß sein 
letztes Opfer (wirklich: Opfer, denn der gewiegte 
Roue pflegte aufs Ganze zu gehen) die hübsche, junge 
Frau eines Kammerkollegen von der äußersten Linken 
gewesen sei. Das gab natürlich viel Gelächter in den 
Couloirs wie abends in den Klubs und der Spott, für den 
ja keiner, der den Schaden hat, zu sorgen braucht, kam 
voll zu seinem Recht, als dem schon genügend zur Wut 
gereizten Ehemann von einigen boshaften Genossen mit 
ernster Mine nahegelegt wurde, wegen des „Falles“ 
seiner Frau die Regierung zu interpellieren. 
So also trieb es Graf Grunot in Paris, indessen sich 
sein keusches Weib — diese seltene Tugend hatte sie 
aus der Klosterschule der Ursulinerinnen in Braine-en- 
Tardenois mitgebracht — auf dem einsamen Schloß mit 
dem riesigen Forst, der es umgab, fast zu Tode lang 
weilte und sich nach einem ungewissen Etwas sehnte, 
das sie selbst nicht zu definieren können glaubte. War 
es Sehnsucht, Weltschmerz, Trotz, Hunger nach Liebe 
— Gräfin Yvonne zermürbte sich vergebens das schöne, 
von schwarzem Seidenhaar umrahmte Köpfchen und 
konnte doch über ihre Gefühle keine Klarheit gewinnen. 
Mit einem leisen Entsetzen, das ganz eine Frucht ihrer 
klösterlichen Erziehung war, hatte sie sich auf einer 
Art von Neidgefühl ertappt, als sie am letzten Sonntag 
vormittag nach der Messe auf der glasüberdachten 
Treppe des Schlosses stand und in das dichte Grün des 
Parkes hinunterblickte. Da hatte sie Marion, ihre hüb 
sche Kammerzofe, plötzlich gemeinsam mit dem jungen 
Gärtner aus dem Gebüsch treten sehen, hochrot und 
mit wirrem Haar, ängstlich mit weit geöffneten Augen 
in Richtung des Schlosses spähend. Auch der junge 
Mensch schien reichlich aufgeregt. Er strich fortgesetzt 
seinen Sonntagsrock glatt, fuhr sich mit der Hand über 
die Stirn und lächelte verloren vor sich hin. Schließlich, 
als er sich unbeobachtet glaubte, riß er aber doch das 
sich mühsam sträubende Mädel mit einer schnellen Be 
wegung an sich, küßte es ein parmal auf Mund und 
Wangen und sprang dann mit einem Jauchzer einen 
Seitenweg entlang auf das Gärtnerhaus zu. Die Zofe 
Marion aber schritt auf das Schloß zu und zuckte kaum 
merklich zusammen, als sie ihre Herrin auf der Terrasse 
stehen sah. Sekundenlang trafen sich die Blicke der 
beiden jungen Weiber. Bekenntnis und Verstehen be 
gegneten sich. 
„ Und ich war in der Messe“, dachte die Gräfin 
Grunot-Saint Maurelle. 
Sieitdem waren drei Tage und drei Nächte vergangen 
“ n d * n diesen drei Nächten hatte die Gräfin keinen 
Schlaf imden können. Ihre kurze, aber an Ent 
täuschungen und Entbehrungen reiche Ehe beschäftigte 
unausgesetzt ihre Gedanken. Warum gab ihr Graf 
Grunot nicht das, was ihr zukam? Warum vernach 
lässigte er sie und jagte in Paris anderen Frauen nach? 
Die Gerüchte von den Aventuren ihres Ehegemahls 
waren längst auch zu den Ohren des jungen Weibes 
gedrungen. Dafür hatten gute Freunde und getreue 
Nachbarn, hatten vor allem die politischen Gegner des 
Grafen, denen natürlich jedes Mittel der Diskretiterung 
willkommen war, schon ausgiebig gesorgt. „Will er mich 
ewig Nonne bleiben lassen, dann hätte ich auch in 
Braine-en-Tardenois bleiben und vielleicht einmal als 
Vorsteherin der Klosterschule meine Tage beschließen 
können“, dachte Gräfin Yvonne in ihren schlaflosen 
Nächten. „Entweder bin ich ihm nicht gut genug oder 
— zu gut“, so meditierte sie weiter und sann ange 
strengt darüber nach, wie sie dem gewiegten Frauen 
kenner sichtbar vor Augen führen könnte, daß auch sie 
eine — Frau war. Yvonne war sich darüber klar, daß sie 
den Grafen liebte. Umsomehr empfand sie es als Be 
leidigung, daß er an ähren Reizen scheinbar ungerührt 
vorüberging und andere bevorzugte, die ihr, davon war 
sie fest überzeugt, nicht das Wasser reichen konnten. 
Sie beschloß, mit allen Mitteln die bisher nur platonische 
Neigung ihres Gatten in Liebe, echte, fühlende, verlan 
gende und — gebende Liebe zu verwandeln, mit allen 
Mitteln, wenn nicht anders, dann durch einen regelrech 
ten Skandal. Sie erwog mit naturgeborener weiblicher 
Rafinesse alle Möglichkeiten und kam schließlich zu 
dem Entschluß, die Eifersucht ihres Mannes wachzu 
rufen, sein Ehrgefühl als Frauenbezwinger anzustacheln, 
ihn der Gefahr des Bloßgestelltwerdens vor der 
Öffentlichkeit auszusetzen und ihn so aus den Um 
schlingungen fremder Frauenarme zu sich herüberzu 
ziehen und sich ihr Recht zu holen. Das. Bild des 
jungen Gärtners, den sie mit ihrer Zofe hatte aus dem 
Gebüsch treten sehen, stand ihr dabei vor Augen. Der 
sollte ihr Werkzeug sein, den würde sie ihren Zwecken 
dienstbar machen. Was Marion vermochte, sollte ihr, 
der Herrin, doch hundertmal möglich sein. Yvonne 
sprang, während sie diesen Plan erwog, mit einer plötz 
lichen Bewegung aus dem Bett, schaltete das Licht ein, 
hüpfte mit ein paar lustigen Schritten über den dicken 
Teppich, trat vor den mächtigen, altertümlichen Pfeiler 
spiegel und ließ ihre Hüllen langsam sinken. Selbstzu 
frieden betrachtete sie ihr Ebenbild, nestelte dann das 
aufgesteckte Haar los und schüttelte es, bis es in 
schwerer, schwarzer Flut über die weißen Schultern her 
abrieselte. Dann spitzte sie die roten, vollen Lippen und 
trällerte leise die ihr wohlvertraute Melodie aus „Figaros 
Hochzeit“: 
Will der Herr Graf ein Tänzlein wagen, 
Mag er’s niur sagen, 
Ich spiel ihm auf 
# 
Im Estaminet des biederen Andre Henrion im nahen 
Dorfe Saint-Maurelle, das, ebenso wie Schloß, Park und 
Forst, dem Grafen Grunot gehörte, saßen in der gleichen 
Nacht drei üble Gesellen. Um der Wahrheit die Ehre 
zu geben: man sah ihnen das Zweifelhafte ihres Ge 
werbes nicht auf den ersten Blick an. Sie waren ein 
fach aber sauber gekleidet, einer von ihnen machte mit 
seinem wohlrasierten Gesicht und den peinlich sauberen 
Händen sogar einen gepflegten Eindruck und nur die 
Scheu, mit der sie sich unterhielten und hin und wieder 
nach der Tür blickten, ließ vermuten, daß die drei 
Kumpane nicht mit den reinsten Gewissen in der Welt 
herumreisten. Wer die Gruppe näher betrachtete, 
konnte auch wahrnehmen, daß sie zu dem biederen
        
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