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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Der Pan- und Kartoffelheld 
Plantikow 
diesen Geschöpfen. Wie starrte er ihnen nach, wenn 
etwa eine von aphrodisischer Reife die Reize ihres 
schlank schaokelnden Wuchses durch das engangepaßte 
Kostüm prangen ließ — so daß im Schreiten selbst die 
Kniekehle wahrzunehmen war in scharfer Abzeichnung. 
Wie zitterte er beim Anblick eines „Gamins“ in kurzem, 
röhrenförmigen Kleidchen mit rotem Gürtel, dessen 
hellbestrumpfte Beine über den Asphalt wirbelten, so 
daß der kleine Körper zu zucken schien unter der engen, 
schwarzen Hülle wie ein wollüstiges Reptil . . . Und 
dann wieder das langsame Vorübergleiten einer hoch 
gewachsenen, dunkelhäutigen Frau, deren kurzes Cape 
bei der. geringsten Bewegung die bräunlichen Schlangen 
arme bis zur Schulter freigab. . . Und im Autobus, hoch 
gereckt der bloße, weiße Arm eines Backfisches, von 
faszinierender Fülle aus dem weißen, durchschimmern 
den Kittelchen quellend . . , Goldblond in der Achsel 
höhle .... 
Bis sich in der Untergrundbahn wieder ein Pagenkopf 
an ihn drängte in süßer Hilflosigkeit. Er spürte den 
wonnigen Rücken ... Da war es um ihn geschehen. 
Bezw.: er faßte Mut zum äußersten. Er stieg nach. Er 
folgte dem strammen Bubi in eine Bar. Er trank ein 
greuliches Gemisch aus Genever, Lebertran und Mus 
gewürz — noch eines — und — zahlte ein gleiches für 
den Bubi. Der Anschluß war hergestellt. Sie machte ihm 
Augen. Sie tat verschämt, sie zuckte vor seiner Be 
rührung zurück. Er sah ein herrliches Bein ... Er 
witterte prima, prima Wäsche ... Er fühlte sich sehr 
mondain. „Es muß gelingen I“ 
Er stieg von seinem Stühlchen. Sie sagte ganz von 
selbst, ganz von selbst sagte sie: „Wir haben denselben 
Weg . . .“ — Er: „So?“ — Sie: „Ja.“ 
Sie ging mit. Sie bot ihm den Arm, wenn man so 
sagen darf; sie ging einen Viertelschritt vor ihm und 
zeigte ihm keine kalte Schulter, sondern . . . Nun, er 
griff zu. 
„Wir bleiben wohl noch ein wenig zusammen?“ fragte 
er schüchtern. 
Sie nickte. Nickte mit jener Selbstverständlichkeit, 
die ihn sehr nachdenklich stimmte. Also doch, dachte 
er. Also doch so eine .. . Na, schön! Ich habe die Brief 
tasche in der Weste. Es ist nicht riskant. Die Pension, 
in der er wohnte, war großzügig. Eh bien ■— machen 
wir! 
Es erfolgte nun alles programmäßig. Aber er sprach 
nicht vom Geld, sondern war ganz verliebt. Ganz hin .. 
Ganz erstes Erlebnis ... Und dabei dachte er an Lori 
in Kottbus, Lori, die Handschuhe verkaufte in Kottbus 
und . . . 
Ja, also es entwickelte sich alles programmäßig. Es 
fiel der Bubikragen, die Bluse, der knappe Rock — 
„hach, du zerreißt mir noch was . . — 
U. s. p. d. 
Und dann — kam jener Augenblick, der Udos Ver 
wirrung in ein helles Gelächter Umschlägen ließ. Ein 
Gelächter, das — recht gehört — nur der Verzweiflungs 
schrei eines im Labyrinth Berliner Weiblichkeit umher 
taumelnden Kavaliers war — eines Kavaliers, wohlge 
merkt, mit Gemüt und übervollem Herz . , . 
Mimie — so hieß der Bubi an seiner Seite — war . . . 
nun, wie sage ich es meinem Leser? — Mimie war eine 
ungepflückte Blüte . . . 
Udo dachte in seiner Güte: 
Gott behüte! ... 
Ja, lieber Leser, du denkst vielleicht: wie lange noch? 
Aber du kennst Udos Gemüt nicht, wenn du glaubst, 
er vermöchte eine Blüte zü knicken — nur weil sie zu 
fällig Neigung zeigte, sein Lager zu teilen. O, nein! — 
Mimie ist nie unschuldiger aufgestanden am Morgen, 
als damals . . . 
Trotzdem war ihre Laune nicht die beste ... 
Udo jedoch entfloh vor so viel Täuschung — hatte er 
doch geglaubt, im mondänsten Reviere zu jagen. Und 
nun ... 
Lori tat ihre Schuldigkeit in Kottbus. Hier wußte Udo 
Bescheid. Täuschung war hier nicht mehr möglich. Lori 
hatte zwar Gemüt, aber sonst . . . 
Wenn man Udo von den Berliner Frauen sprach, 
winkte er ab; „Alles Mache“, sagte er wegwerfend. 
„Kannst du blödsinnig reinfallen . . . “ 
Der spannende Roman 
„Iteütantes Satft 
von Jfotanitkc JITares 
erscheint'illustriert in der nächsten Nummerl
        
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