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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 23 
Jaßrg. 27 
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spannen und fuhr in das Gehölz hinaus, um noch einen 
rechten Mund voll Leben, Lust, süße Erinnerungen — 
kurz — um — Paris — zu naschen. Und sie grüßte 
jeden Sonnenstrahl, so, wie rhan einen lieben Ver 
wandten grüßt, freute sich eines hübschen Frauenge 
sichts als einer heiteren Offenbarung und dachte, wie 
so recht traulich und schön das Leben doch sein könnte, 
wenn nicht die Menschen mit täppischen und zerstören 
den Kinderhänden immer daran herumbasteln würden, 
bis sie seinen kunstvollen Mechanismus vollends ver 
dorben haben. 
Am Abend aber schickte sie um ihren einstigen Ge 
liebten, den Marquis de Gremont. Und als der vormals 
so muntere und wohlgelaunte Stutzer vor ihr erschien 
mit den verängstigten Augen der Todesfurcht, eine 
bange Grimasse des Lächelnwollens um den zuckenden 
Mund, da wallte zwar ein herzliches Mitgefühl mit 
diesem kleinmütigen Menschenkind in ihr auf, dann 
aber faßte sie wieder der sieghafte Überschwang ihrer 
letzten Lebensstunden, und, während sie ihm lachend 
ihre rosigen Fingerspitzen an die halberstarrten Lippen 
preßte, die in der unwirschen Umarmung der Gefahr 
die Schulung des Kusses verlernt hatten, zog sie ihn 
sanft in das Zimmer hinein. Und mit den linden Über 
redungskünsten ihrer Schönheit nötigte sie ihn, nach 
einer halblauten Weise, die ihr Tanzmeister im Neben 
raum • anschlug, eine zärtliche Gavotte mit ihr zu 
schreiten. 
Und die prickelnden Rhythmen dieser letzten Huldi 
gung an den Genuß sollten den armen Chevalier noch 
trostreich umgaukeln, als seine Füße die schwerfälli 
geren Schritte zum Schafott hinantaten. 
Den nächsten Morgen holte man die Gräfin Balincourt 
ab, um Sie in die Conciergerie zu führen. Die Weiber 
der Gasse beschimpften sie. Die Knechte der Volks 
gewalt schmähten sie. Aber, als sie durch die Tore der 
Conciergerie trat, neigten sich die Gefangenwärter un 
willkürlich vor der leuchtenden Hoheit, die da plötzlich 
unter ihnen aufging- Kein Wort fiel von den Lippen 
Micheles, keine Trauer wohnte auf ihren Mienen, kein 
Zorn entstellte ihre Stirn und keine Träne trübte ihre 
wundervollen, blauen Augen. Sie blieb hell, schön und 
gütig bis zum letzten Augenblick. Und kein Dünkel 
einer zum Tode geführten Prinzessin, kein grollendes 
Aufbegehren eines Gerichteten züchtigte die Schergen 
des Pöbels so hart, als dieses lächelnde; unbekümmerte 
Übersiehinwegsehen zweier stolzer Frauenaugen, für 
die dieser ganze Klüngel gedungener Mordbuben einfach 
nicht existierte. 
Niemand erfuhr, womit Michele de Balincourts Geist 
sich in der Nacht vor ihrem Tode beschäftigte. Nie 
mand erfuhr, ob sie litt. Denn sie lächelte. Lächelte 
mit dedaigneusen Mundwinkeln, als man sie entkleidete 
und in die Armesündertracht hüllte, lächelte wehmütig, 
als ihr herrliches, blondes Haar der Schere verfiel, 
lächelte berückend liebenswürdig, als sie auf dem Revo 
lutionsplatze, unter den Klängen der Carmagnole, Henri 
de Gremont gewahrte, der auf einem anderen Wagen 
dem Blutgerüst zugeführt ward. 
Amüsiert und spöttisch aber lächelte sie, da sie die 
Stufen zu ihrem Tod — wie die Stufen zu einem Thron 
— hinanstieg und als — letzter Gedanke die Vorstellung 
sie erheiterte: daß George Dantons ganze Philosophie 
und Weisheit hilflos zerschellen würde an diesem feinen, 
schmalen Nackenwirbel, auf den sich eben jetzt 
das Messer herniedersenkte. 
Und dieser letzte Frauengedanke, der noch unerkaltet 
mit hinabsprang in den Sammelkorb gallischer Aristo 
kratenköpfe, behielt recht. 
George Danton erschlug mit eigener Hand den 
Henker der Gräfin Balincourt. Und ging dann hin, bei 
dem Revolutions-Tribunal den Antrag einzubringen, 
daß keine — überflüssigen Bluturteile mehr erfolgen 
sollten, diesen Antrag, der ihn in den Augen Robes- 
pierres und seiner Unerbittlichen der Konspiration und 
Schonung des Adels verdächtig machte und ihn auf den 
gleichen Weg führen sollte, den vor ihm mit der Bravour 
des Lächelns die Geliebte einer Nacht und doch die 
einzige Geliebte seines Lebens geschritten war. 
Und während der Purpurbrokat der Historie sich 
üppig rauschend um eines Mannes Schicksal breitete — 
wob der leichte und luftige Flor des Vergessens um das 
lächelnde Geschöpf, das im Leben und Sterben nichts 
anderes gewesen als ein leichtfertiges Kind einer leicht 
fertigen Zeit. 
1s Udo v. Pinnewitz, der Jüngere, in 
diesem Frühsommer nach Berlin 
kam, war er ganz verwirrt. Es war 
doch etwas ganz, ganz anderes um 
diese Berliner Frauen und Mädels 
als draußen irgendwo ... Er lebte 
die ersten Tage wie in einem 
Rausche dahin. Er ging durch die 
' Straßen des Westens, er saß in den 
Vorgärten der eleganten Cafes — er blieb stehen, er ver 
schluckte sich beim Trinken, wenn er plötzlich von 
einem berückenden Schritt herumgerissen wurde. Er 
dachte an Hamburg, an Dresden, an München — er 
sah die braunen, die blonden, die kleinen Naiven aus 
Sachsen und Bayern nicht mehr 1 , er war in einem Trance- 
Zustand besessen von der Berlinerin . . . oder was man 
so nennt . . . 
Es geschah ihm, daß er in dem Wagen einer Bahn 
plötzlich erstarrte. Neben ihm im Gedränge — er 
saß — sie stand —- ein süße Blondine in kurzem Kleid 
ä la Tutankamon mit winzigen Ärmeln, einem schwärzen 
Ring um den schwellenden Oberarm und einem Mund, 
der so beredt sprach von allen Verzückungen seiner 
Berührung — ohne zu zucken, ohne sich zu bewegen . . 
Und weshalb erstarrte Udo in der Nähe dieses Ge 
schöpfes? — Weil er spürte, wie sich ihr Knie leise, zart 
und unaufdringlich mit seiner herabhängenden Hand 
berührte. Mit dem Schwanken des Wagens wurde ein 
himmlisches Spiel aus diesem gegenseitig vortastenden 
Berühren. Und nun ließ es sich Udo, der Gute, einfallen 
in seiner Unerfahrenheit, diese Hand zu erheben .... 
und ein Lächeln zynischster Art hinaufzuschicken zu 
dem Madonnenantlitz, dessen Augen eben noch kühl 
die Ferne suchten. Ein Zornesblitz traf ihn . .. Er stand 
ungeschickt auf, so daß sich das Kleid aus rotgemusterter 
Seide verschob und bot der Blonden auch noch seinen 
Platz an. Sie übersah ihn . . . 
Solch ein Erlebnis mußte Udo natürlich noch mehr 
verwirren. 
Er ging fast traurig umher. Er bekam fast Furcht vor
        
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