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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 23 
JaSrg. 27 
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Denn er riß eine Welt aus dem Schweigen der Aeonen. 
Er brach die Ewigkeit und das Nichts. Er war ein 
Revolutionär. Und auch seine Tat forderte Blut und 
Tränen. Fordert sie noch immerwährend und von 
jedem Wesen. Und dennoch stempelte erst seine Tat 
ihn zu Gott. Und auch wir — unsere Handlungen 
mögen hassenswert und verderblich sein — waren 
Götter, als wir die Tafeln der alten Welt zerbrachen 
und mit eurem Blut die Gesetze der neuen Zeit 
schrieben. Und darum sind alle Scheußlichkeiten, die 
wir in der Gegenwart begehen, gerechtfertigt, weil sie 
den Samen der Zukunft in sich tragen. Unser Werk 
wird uns freisprechen von “ 
Nie war Michele de Balincourts Lächeln heller, 
schöner und gütiger gewesen, als in eben diesem 
Augenblick, da sie die Lippen des stolzen Unsterb 
lichen mit einem Kusse verschloß. Und nie war ihre 
von Voltaire und allen 
großen Spöttern der 
Zeit gebildete, leichte 
und feine Frauenseele 
skeptischer und un 
gläubiger gewesen, als 
in eben dieser Stunde, 
da eine grandiose 
Selbstherrlichkeit sich 
vor sich selbst beglau 
bigen wollte und doch 
in kleiner Menschen 
furcht vor der Mög 
lichkeit eigenen Got- 
testums erblaßte. Und 
daher kam es, daß sich 
in die Liebkosungen 
der schönen Michele, 
mit denen sie all 
diesen stürmenden, 
drängenden Reichtum 
aufnahm in sich, die 
gleiche zarte Über 
legenheit hineinstahl, 
mit der sie einst die 
liebenswürdige Armut 
— Henri de Gremont 
— caressiert hatte. Es 
war viel Gnade in 
dieser Frauenseele, 
viel süßes Mitleiden 
und — viel -freies 
göttliches Lachen. Denn sie war wirklich eine Göttin 
und konnte sich daher mit lustiger Milde freuen über 
alle die, die so brünstig darum warben, unter die 
Götter versetzt zu werden. 
Als ein graubleicher Pariser Morgen in die Wohnung 
Micheles de Balincourt hineindämmerte, erhob sich der 
Mann des Volkes von dem Lager der Gräfin und 
blickte erfröstelnd in den jungen Tag hinaus. Michele 
aber war voll strahlender Heiterkeit und lieblicher 
Schöne. Mit schalkhafter Anmut rührte sie die Früh 
stücksschokolade und kredenzte sie ihrem seltsamen 
Gast. 
„Ich merke, mein Freund, es wird Ihnen schwer, von 
so viel Behagen, Lebensgrazie und Feiertagsluft zu 
scheiden. Und es freut mich, daß ich es bin, die Ihnen 
den Abschied also schwer machen darf. So rette ich 
doch wenigstens die Reputation meiner ruchlosen 
Welt. Denn sehen Sie — mein Freund, wir waren sehr 
verderbt, und dafür müssen wir büßen — aber wir 
waren auch sehr liebenswürdig, und dafür gebührt uns 
doch wenigstens ein kleiner Fetzen Unsterblichkeit.“ 
Und ein helles, frohsinniges Lachen umschmeichelte 
den riesenhaften Helden, der Könige und Völker den 
Tod gelehrt, und der selbst von einer zarten und zier 
lichen Frau alle Geschenke des Lebens empfangen 
hatte. 
Da verlor George Danton seine mühsam bewahrte 
Haltung und zwischen zusammengebissenen Zähnen 
stammelte und würgte er unbeholfen hervor: 
„Ich werde Fouquier zu beeinflussen suchen, daß er 
die Anklage gegen dich zurückzieht. Und wenn das 
nicht mehr möglich sein sollte, werde ich die Ge 
schworenen bestechen. Diese starre Tugend ist 
käuflich. Es kommt nur auf den Preis an. Bieten wir 
ihr einen anderen wichtigeren Kopf als Ersatz und sie 
wird sich zufrieden geben.“ 
„Nein, mein Freund, das nicht, Sie täten mir einen 
schlechten Gefallen damit, mich in einer Welt festzu 
halten, in die ich nicht mehr gehöre. Ein Dasein, aus 
dem alle meine Freunde gewaltsam entrissen worden 
und in dem meine Lieferanten und Stallknechte mich 
Bürgerin anreden — ach nein — mein Freund, glauben 
Sie mir, in einer solchen Welt ist meines Bleibens 
nicht.“ — Da stand 
George Danton 
schweigend auf, in 
einem letzten Kuß Ab 
schied zu nehmen von 
der, die eine leichte 
Siegerin war über 
Leben und Tod. Und 
es war, als könnten 
diese Lippenpaare 
nicht voneinander 
lassen, als müßten sie 
immer inniger, immer 
verlangender mitein 
ander verschmelzen, 
um jedes die Wesen 
heit des anderen zu 
trinken. Und es war 
kein Anfang und kein 
Ende in diesem Kuß, 
sondern Ewigkeit — 
und es war keine Freu 
de und kein Schmerz 
in ihm, sondern trun 
kene Betäubung. Die 
letzten Geheimnisse 
des Geschlechts 
flamten auf und alle 
Schleier der Scham 
zerflatterten vor der 
aberwitzigen Men 
schensucht, einen an 
deren Menschen zu durchdringen, ihn aufzusaugen 
in sich mit toller Gier, um ein Mal, ein einziges 
Mal nur zu erfahren und zu begreifen, was eigentlich 
das ist: das unerfindliche Du, das dem ewig suchenden 
Ich gegenübersteht. Und die Ohnmacht der Menschen 
fremdheit war über George Danton und Michele de 
Balincourt, wie sie über den ersten Menschen gewesen 
ist und über den letzten sein wird. Während die Sinne 
sich noch vereinten, strebten die Seelen schon ausein 
ander. Und als zwei Menschen die Arme ein letztes 
Mal nach einander streckten, griffen sie in die große, 
wesenlose Leere, die sich auftut zwischen jedem Ich 
und jedem Du, die des Fluches der Einsamkeit ver 
gessen und nach Gemeinschaft begehren. 
Michele de Balincourt entkleidete sich. Und sie be 
trachtete die Wundmale der Liebe auf ihrem Körper 
und — lächelte. Dann prüfte sie ihren langen, hochge 
bauten Hals mit den feinen, schmalgereckten Knochen 
und dem schimmernden Adergeäst. Und mit einer 
raschen, unbewußten Handbewegung griff sie nach 
ihrem Nacken, indes bläulich-graue Schatten über ihre 
Züge flogen: „Ob es sehr weh tun wird? . . . “ 
Dahn aber schmückte sie sich reich und köstlich und 
tat lauter fröhliche Dingen den Tag. Ja, sie ließ sogar, 
was sie in diesen grimmen Zeiten gern vermieden, noch 
einmal ihren markassitebesetzten Porzellanwagen an 
Als sie durch die Tür der Conciergerie trat, verneigten sich die Gefängniswärter
        
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