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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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(StUlußJ 
Bilcfert länge 
R. I r WITT N E PC 
FV) ch war ein Instrument, Weib, nichts 
IO' als ein Instrument. Sage es, wiederhole 
IM es mir, daß es so ist.“ 
Da sah Michele, daß dieses nie ge 
beugten Mannes Seele aus großer Not 
zu ihr schrie. Und mit weichen Lippen 
neigte sie sich zu ihm hernieder und 
küßte ihm den bedrohten Frieden 
— , ' wieder ins Herz. 
George Danton warf sich um Erlösung bettelnd einer 
Frau — nein, einem Menschen — an die Brust. Und in 
seinen Umarmungen ächzten und keuchten die Flüche 
einer im Verbrechen 
erhärteten Zeit. War 
um anders ergaben 
George Danton und 
Camille Desmoulins 
sich jenen wüsten 
Ausschweifungen, 
denen sie Mißtrauen 
und Popularität in 
gleicher Weise dank 
ten, als nur darum, 
weil in diesen zucht 
vergessenen Orgien 
auch die letzten Reste 
der Menschlichkeit 
ihrer selbst spotteten. 
Dort war es, wo sie 
bramabarsieren konn 
ten, den Mäntel edler 
Überzeugungstrunken 
heit um mordrüchije 
Taten breiten und 
sich an der eigenen 
Persönlichkeit berau 
schen. Vernunft und 
Gewissen schwiegen 
— der Fanatismus 
hatte das Wort. 
Hier aber, in dem 
kühlen Und gemäßig 
ten Klima der großen 
Welt; in dieser klaren 
und durchsichtigen 
Luft, in der alle Dinge 
transparent erschie 
nen, war es George Danton, als wenn Handlungen und 
Ereignisse sich absonderlich verzerrten und bizarre 
Grimmassen schnitten. 
Warum auch mußte jedesmal, daß er seine begehren 
den Lippen auf den rührend schlanken, nahezu kind 
lichen Nacken Micheles setzte, das unerträgliche Gefühl 
ihn zurückstoßen, als habe er Blut geschmeckt, — als 
sei der warme Quell des Lebens, der an eben dieser 
Stelle verströmen würde, schon unter seinen kosenden 
Mörderlippen aufgesprungen. Und warum, wenn er den 
wunderseligen Frauenkopf mit seinen ungestümen 
Manneshänden faßte, streichelte und zerzauste, dünkte 
ihn dann plötzlich, daß dieser Kopf unter seinen 
Händen zu —r— rollen begann, zu rollen und rollen, bis 
er irgendwo mit einem entsetzenerregenden Laut auf- 
schlug, 
Ip den Momenten, da diese Schreckbilder George 
Dantons Sinne umwirrten, warf er sich wie ein Toller, 
Rasender über Michele, als müsse er sich durch eine 
bis an die Grenzen der Möglichkeit streifenden Leiden 
schaft von dem Nochvorhandensein dieses jungen, 
blühenden Menschenleibes, von seiner pulsenden 
pochenden Wirklichkeit überzeugen. 
George Danton kämfte in dieser seltsamen Liebes 
nacht mit den Gespenstern des Todes. Michöle de Balin- 
court aber genoß in dieser selben Stunde den Triumph 
sich einmal, ein erstes und letztes Mal — restlos an das' 
Leben verlieren zu dürfen. Und ihr Wille zur Freude, 
ihre Erziehung zum Genuß waren so stark, daß sie das 
Gestern und das Morgen vergaß und sich schranken 
los dem Heute überlieferte. Michele de Balincourt ver 
stand es, noch unter den Schatten des Fallbeiles, eine 
vollkommene Geliebte zu sein. Und Michele’ war 
glücklich. Ihre Sehn 
sucht, — die Sehn 
sucht nach dem 
Kronen brechenden, 
Wurzeln lockernden 
Sturm — hatte sich 
erfüllt. Sie hielt diesen 
Sturm selbst i n 
Armen. Sein versen 
gender Atem um 
brauste sie. — Ver 
gessen war die Schä 
ferherrlichkeit einer 
graziösen Liebesidylle, 
die ja nur ein Spiel 
gewesen, ein Gleich 
nis, ein Traum vom 
Leben — vergessen 
der Mann, der diesen 
Traum verkörpert 
h?tte; - vergessen 
die Welt, der all 
dies Puppenspiel ent 
stammte. 
Visionen von Blut 
umrauschten das La 
ger der Liebenden. 
Und plötzlich — w äh- 
rend er das erlesene 
Geschöpf einer todge 
weihten Welt an sei 
nem Herzen fühlte 
und inbrünstig an sich 
preßte — griff George 
iDanton in diese Visi 
onen wie in faltenschwere Vorhänge hinein und riß 
sie mit jähem Ruck auseinander. 
„Michele — siehst du die Toten alle, alle — den 
unabsehbaren Zug, — hörst du die Unschuldigen 
winseln und die Schuldigen verzweifeln, — und glaubst 
du vielleicht, ich täusche mich über die Roheiten 
Frevel und Ungerechtigkeiten, die wir mit wilden, er 
barmungslosen Händen übereinander getürmt — nein 
kleine Michele, ich täusche mich nicht und ich weiß’ 
daß all unsere Kleider besudelt sind von Frauenblut und 
Kindertränen. Und dennoch - Michele du sagtest, wir 
sollten nicht Weltensehopfer mimen. Wir mimen ihn 
P c ht ““; W1 J sm <r ^5. Denn nur die Kraft der Empörung 
ist Kraft des Schaffens. Und jeder Empörer ist ein 
Neuschopfer Alle Ideen, die die Welt aus dem 
Sehen dnan der Jahrtausende aufrütteln und sie vor 
wärts stoßen auf ihrer Bahn, sind erzeugt und geboren 
aus dem Aufruhr gegen das Bestehende. Und darum ist 
n j i\ ur 1? ;. er r Empörer ein Neuschöpfer, sondern 
jeder Neuschopfer ein Empörer. Christus so gut wie 
Cromwell. Und Gott selbst vielleicht nicht anders. 
in einem letzten Kuß Abschied zu nehmen
        
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