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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jahrg. 27 
meiner Leidenschaft ertränken, damit du — mich nicht 
so leicht vergißt. Morgen magst du meinethalben mit 
der Verwirklichung deiner ehrbaren Absichten be 
ginnen, magst das Samtkäppchen aufstülpen und dich 
mit der langen Pfeifen im Backenstuhl vergraben. Das 
soll mir alles wurst, schnuppe, pipe, — total gleich 
gültig soll mir das sein. Ach Herbert, Jungchen, 
Bübchen graut’s dich nicht so’n bißchen, 
du?“ 
„Laß doch den Unsinn, Wera. Ich ich bin 
ganz und gar nicht aufgelegt zu scherzen, um so weniger 
als aus unserem tete ä tete heute nichts werden kann.“ 
„Du das gibt’s nicht. Das wäre erbärmlich, 
das wäre feige, das wäre ja sage mal, bin 
ich denn die erste beste Kokotte, daß du mir das zu 
bieten wagst, daß du glaubst, mich so abspeisen zu 
können?“ 
Ihre Augen funkelten und die Worte bebten in ihrem 
Munde. 
„Ja jadoch, mein Kindchen. Aber viel 
mehr nein, nein, im Gegenteil. Aber ich ich 
kann wirklich nicht anders. Mein Schwiegervater hat 
sich angesagt und ich > “ 
„Und ich erkläre dir, daß ich nicht gehen werde, daß 
mich nichts bewegen kann, jetzt deine Wohnung zu 
verlassen. Ich bleibe.“ 
„Aber “ 
„Bitte gib dir keine Mühe weiter — ich bleibe. Du 
kannst dich stundenlang auf den Kopf stellen — ich 
bleibe!!“ 
Sie hieb sich in einen der dicklehnigen Sessel, daß er 
knirschte und aufstöhnte, warf das eine hellbestrumpfte 
Bein über das andere und sah ihn herausfordernd in 
das Gesicht, auf dem Verlegenheit, Ärger, Angst, Zorn 
sich ablösten. 
Einige schwüle Minuten krochen so dahin. 
Dann verlegte er sich auf’s Bitten. 
„Wera, mein Liebling“,— er setzte sich auf die Lehne 
und faßte sie mit zwei Fingern unter das Kinn — „sei 
doch vernünftig! Wir können uns morgen, sagen wir 
übermorgen sehen, — wann du willst. Ich stehe dir 
jederzeit zur Verfügung. Nur heute geht es nicht. Ver 
steh’ doch nur! Ich bedaure das selbst unendlich. Ich 
hatte mich ja so gefreut auf heute abend, auf dich — 
_ __ tt 
Er schielte unauffällig nach der Uhr. 
„Du ja ist das wahr? Ach 
Herbert “ 
Ihr Wuschelkopf wühlte sich in seine Weste, kroch 
an seine Brust hinauf. Dann hüpfte sie von ihrem 
Sitz. 
„Ich hatte mich so nett gemacht. Ich wollte doch 
weiter nichts als mit dir “ 
Sie näherte sich der Lampe, deren Batikschirm 
groteske Figuren malte, fingerte an dem schwarzen 
Taft-Cape mit der weißen Seidenfütterung. Plötzlich 
stand sie in einem duftigen Wunderwerk von rosaner 
Seide vor ihm, das sich spinn webzart über Brust und 
Hüften breitete. Ein gelbes Bandgebausch oberhalb der 
Knie vervollkommnete diese etwas nymphenhafte 
Kleidung, soweit man von Kleidung und vervoll 
kommnen hier sprechen kann. 
„ einpaar vergnügte, kosige Stunden 
verleben wollte ich mit dir. Nichts weiter.“ 
„Du das ist du bist ja entzückend.“ 
„Ja — bin ich das?“ 
Sie hockte auf seinen Knien und hatte ihm die 
blonden Locken ihres Bubenkopfes ins Gesicht ge 
worfen. 
Drrrrrrrr Drrrrrrrr beng schrillte 
die Klingel. 
„Um Gottes willen! Geh’ dort hinein, — 
ins Schlafzimmer!“ 
„Nein, — ich bleibe.“ 
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„Wera, — — ich bitte dich“, blitzte er sie 
wütend an. 
„Ich bleibe.“ Beinahe gleichmütig sagte sie das. 
„Willst du mich unmöglich machen?“ Empört um 
klammerte er ihr Handgelenk. 
„Nein. Hab’ keine Angst! Ich will den Abend 
für mich und dich retten. Laß ihn herein!“ 
„Ja was so tu doch endlich deinen Mantel um! 
was soll ich denn sagen?“ 
„Ich bin Frau Regierungsrat Dr. Dompfaff, die Gattin 
deines Kollegen Dompfaff, und erwarte bei dir meinen 
Mann. Das Übrige überlaß mir!“ 
Er flog zur Tür. 
Das Gesicht des Herrn Geheimrat drückte super 
lativisches Erstaunen aus, als er eine Dame in vor 
nehmem Abendmantel sich aus dem Dämmer des 
Zimmers herausschälen sah. 
„Gestatte, lieber Papa, daß ich dir Frau Regierungrat 
Dr. Dompfaff vorstelle.“ 
„Ja denken Sie, Herr Geheimrat, hat ihr Herr 
Schwiegersohn in spe“ — sie legte einen unangenehmen 
Ton auf das in spe — „total vergessen, daß wir ihn zu 
einem seit Wochen festgelegten Tanzabend —. wollte 
sagen Teeabend bei Bankier Stahl abholen wollten! Was 
sagen Sie dazu?“ 
„Davon hast du mir kein Wort gesagt, lieber Her 
bert.“ Der Herr Geheimrat richtete einen inquisitorisch 
fragenden Blick auf Weisling. 
„Total vergessen, lieber Papa. Ich bin selbst erstaunt 
u 
„Sie haben da natürlich ältere Rechte, gnädige Frau. 
Unter diesen. Umständen muß ich allerding— —“ 
„Sie wollen tatsächlich auf die Begleitung Ihres Herrn 
Schwiegersohns für den heutigen Abend verzichten?“ 
Impulsiv hatte sie sich erhoben, streckte ihm mit ver 
bindlichem Lächeln die Hand entgegen. 
Entweder durch die Hast der Bewegung oder infolge 
allzu flüchtiger Sicherung hatte sich der Verschluß ihres 
Mantels gelöst. Er klaffte plötzlich weit auseinander, 
ließ lichte Seide und weißes, rosiges Fleisch aufleuchten. 
Fast gleichzeitig begann er von ihren Schultern zu 
gleiten, ehe ihre Hände zugreifen und das Unheil ab 
wenden konnten. 
Punkt. Pause. 
Der Herr Geheimrat saß erstarrt. Mit einem Ruck 
erhob er sich dann, räusperte sich. 
„Nja unter diesen Umstanden muß ich aller- 
' Kurze Verbeugung .Eine gebieterisch abwehrende 
Handbewegung zu dem versteinten Weisling. Hallende 
Schritte im Flur. Dann hörte man die Korridortür ins 
Schloß fallen. — 
Im: knatternden Auto versank Herr Geheimrat Senge 
busch erschlagen in die Polster. 
„Der Wüstling“, flüsterte er, „der Wüstling!“ Und 
dann nach einigen Seufzern: „Mein armes Kind, 
mein armes, unschuldiges Kind— “ 
Langsam schritt er durch den Vorgarten, seiner Villa 
zu Wie sollte er es ihr nur beibringen! 
Es fiel ihm in seiner Verstörtheit gar nicht auf, daß 
merkwürdigerweise der Schlüssel in der Haustür von 
innen steckte, daß erst auf längeres Klingeln sein 
Töchterchen selbst öffnete mit heißen 1 Wangen und zer 
zaustem Haar, daß sie unauffällig im Eßzimmer Likör- 
und Weingläser beiseite räumte und die Kissen auf dem 
Diwan im Erker zurecht zupfte. 
Stockend erzählte er das Vorgefallene und erstaunte, 
mit welcher Fassung sein nichtsahnendes Töchterlein 
den Vorfall hinnahm. 
„Wenn schon, Papa , meinte sie, „wenn schon. Wer 
wird denn so kleinlich sein! Außerdem beweist das 
schließlich ja so wenig 
Der Herr Professor schüttelte den Kopf. Er verstand 
die Jugend nicht mehr. Sie und die Liebe hatte er 
längst abgestreift.
        
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