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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 23 
Jahrg. 27 
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weiß, mein Kind, Ihr sollt nicht leer ausgehen, ich bin 
Edelmann.“ Und dann setzte er hinzu: „Wenn es Euch 
aber einfallen sollte, mich zu nasführen, dann jage ieh 
Euch aus der Stadt, ich kann solche Gesetze machen 
und auch solche, denn der Rat von Perugia hat mich 
auf die Dauer von fünf Jahren zum Gesetzgeber der 
Stadt gewählt.“ 
Nachdem Lucia wie eine vornehme Dame entlassen 
worden war, befahl der Podesta seinen Stadtsekretär 
zu sich und sofort erließ er eine neue Bekanntmachung: 
„Von heute an, dem sechsten Julius 1486, können 
sämtliche Dirnen Perugias in der Nähe der Kirchen ihr 
Domizil nehmen. Der Rat der Stadt Perugia steht auf 
dem Standpunkt, daß sämtliche Männer und Frauen, 
welchen Beruf sie auch ausüben, dem Himmel so nahe 
wie möglich stehen sollen. Der Podesta von Perugia.“ 
Als nach einem halben Jahre Lucia mit einem 
Glücksritter auf und davon gegangen war und der 
mittlerweile sehr schlank gewordene Podesta vor Wut 
und Ingrimm schier zerplatzte, las man am Stadthause 
folgende neue Bekanntmachung: 
„Es hat sich nicht als gut erwiesen, daß die Lohn 
dirnen in der Nähe der Gotteshäuser domizilieren 
können. Ich bestimme deshalb, daß im Umkreis von 
tausend Metern von den Kirchen weg keine Dirnen 
mehr wohnen dürfen, Dieselben dürfen nur an den 
Toren der Stadt in beschränkter Anzahl ihren Beruf 
ausüben. Der Podesta von Perugia.“ 
Aber etwas Gutes hatte die Sache doch: Der Podesta 
wurde schlank und freute sich fürder seines Lebens. 
Lucias Unterricht erwies sich als erstklassig 
relles Licht gossen die Schalen der 
Deckenbeleuchtung aus. Der Herr 
Regierungsrat Weisling hatte alle 
Birnen eingeschaltet, um nochmals 
kritisch seine kräftige, von dem 
schlanken Cut umgpssene Figur im 
großen Stehspiegel zu betrachten. Er 
fuhr mit der Bürste über sein brillan- 
tiniertes, sorgfältig gescheiteltes Haar, 
um die kleinen Schwächen, die sieh am Wirbel bemerk 
bar machten, durch einige geschickte Striche zu ver 
bergen. Die Scherbe blitzte in seinem glatt rasierten, 
scharf geschnittenen Gesicht, dem ein paar um den 
Mund gezeichnete Runen das gewisse „interessante“ 
Charakteristikum verliehen. Sie deuteten an, daß der 
Herr Regierungsrat „gelebt, geliebt und genossen das 
irdische Glück“, um die sentimentlalisch-resignierenden 
Dichterworte zug.e brauchen, daß ihm Sekt und Kaviar, 
die Struktur eines rassigen Frauenkörpers und der 
Ampelschein eines luxuriösen Schlafzimmers, daß ihm 
die Details in der Toilette einer Dame von Welt, be 
ziehungsweise — mutatis mutandis — von Halbwelt 
nicht gerade böhmische Dörfer waren. Und weil dem so 
war, hatte sich Regierungsrat Weisling kürzlich ver 
lobt. 
Mit nervösen Händen zupfte er an dem Knoten des 
dunklen Binders, zerrte ihn schließlich ärgerlich auf, 
um ihn aufs neue in weniger beanstandenswerte Form 
zu bringen. Sein Blick flog flüchtig zu der geöffneten 
Taschenuhr, deren flimmernder goldener Prungdeckel 
mit dem blitzenden Glase glitzernde Zwiesprache hielt. 
Er hatte noch Zeit. Erst gegen acht Uhr durfte er 
seinen .künftigen Schwiegervater erwarten, der ihn zu 
einer Sitzung der Kantgesellschaft abzuholen zugesagt 
hatte. Solche oder ähnliche Zusagen pflegte der Herr 
Geheimrat Professor Dr. Sengebusch allerdings spontan, 
durchaus unaufgefordert zu geben, in einer Form, der 
eine etwas sterotyp gewordene, eine gefrorene Liebens 
würdigkeit nicht abzusprechen war, die aber infolge 
ihrer jeden Einwand ausschließenden Bestimmtheit sich 
nicht wesentlich von einer diktatorischen Anordnung 
unterschied. 
Gerade heute war ihm diese Aufforderung verdammt. 
ungelegen gekommen, denn 
Rrrrrrrr — ling gellte die Glocke durch 
den Korridor. Er fuhr erschreckt zusammen, obwohl er 
auf dieses Klingelzeichen vorbereitet war, doppelt vor 
bereitet war. Da sein dienstbarer Geist in den Abend 
stunden unsichtbar zu werden pflegte, aus mancherlei 
Gründen unsichtbar zu werden angehalten war, beeilte 
er sich, selbst zu öffnen. 
„’n Abend, Wera. Bitte — komm.“ 
Er zog die im schwarzen, schicken Abendmantel vor 
ihm Stehende über den dunklen Korridor in das von 
der hohen Stehlampe gedämpft beleuchtete Herren 
zimmer. Von weiteren Begrüßungsformalitäten sah er 
vorläufig ab. 
„Einen etwas liebevolleren Empfang bitte ich mir aus, 
du Brummbär.“ ■ 
Sie legte ihm die Arme um den Hals, zog seinen Kopf 
herunter und sog sich an seinem Munde fest. 
„Nja jadoch. Nich so stürmisch, Kind.“ 
,',Ach du! Aber das sage ich dir, heute abend sei nett 
Das möchte ich mir doch ganz energisch ausbitten. 
Heute Abend sollst du mir gehören, noch einmal mir 
gehören, sei’s auch zum letzten Mal. Verstehst du? 
Ganz, restlos, fessellos. Ich will dich noch einmal in 
'Fortsetzung auf Seite 16.
        
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