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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 23 
Ja6rg. 27 
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zianischen Gesandtschaft, der zufällig des Weges kam, 
wo die Wohnung des Grafen Dupont zu finden sei. Und 
dieser harmlose und einfältige Küchenmeister führte 
die edle Dame in das Heim Lozanas ... 
Noch in derselben Nacht reiste die Dame, ohne ihren 
Mann begrüßt zu haben, nach Frankreich zurück, 
★ 
VERORDNUNGEN VON PERUGIA 
In der Stadt Perugia erließ der Podesta eine Ver 
ordnung, daß keine Dirne in der Nähe der Kirchen 
wohnen dürfte. Der Podesta empfand es als eine Be 
leidigung gegen Gott, 
daß Halbweltdamen so 
nahe mit dem Himmel 
in Beziehung kämen. 
Immerhin war es den 
Dirnen nicht verboten, 
für gute Stiftungen 
Denare zu schenken. 
Dies aber ganz neben 
bei. 
Nun war der Po 
desta, er hieß Brada- 
gino, ein Herr von 
größter Enthaltsam 
keit. Er hatte es ver 
schmäht, ein Weib zu 
heiraten, und er lebte 
ganz für sein Amt 
und für seine Mak 
karoni. Dabei wurde 
er dick wie ein Faß, 
und wenn er den 
Federkiel in die Tinte 
tauchte, empfand sein 
Bäuchlein einen hefti 
gen Schmerz, indem es 
an die scharfe Tisch 
kante stieß. 
Jeden Morgen wur 
den ihm Kupplerinnen 
und kleine Kokottchen 
vorgeführt. Streng war 
sein Urteil, wie es ja 
in der Renaissancezeit nicht anders zu erwarten war. 
Das Urteil lautete für Kupplerinnen und Dirnen auf 
Bubikopf (damals eine große Schande für die Trägerin), 
auf Peitschenhiebe (den Körperteil kennt jeder) und 
auf Enthaltsamkeit von drei bis sechs Monaten. 
(Näheres berichten die Chroniken des 15. Jahrhunderts.) 
Eines Tages wurde dem Podesta ein bildhübsches 
Weib vorgeführt, das sehr jung und sehr verlockend 
aussah. Der Bürgermeister Bradagino hatte in der 
Nacht stark pokuliert und war froher Dinge. Man 
hatte sich hübsche Geschichten über Damen von Rom 
und Florenz, auch von Venedig erzählt, und den 
Podesta allgemein für einen Stümper erklärt, der das 
Leben nicht zu genießen verstehe. Darauf hatte Bra 
dagino erwidert, er werde sich ändern, man solle ihn 
nur kennen lernen. Die Zechgenossen hatten gelacht 
und ihm zugerufen: „Dann müßt Ihr vor allen Dingen 
Euer Bäuchlein verlieren, denn Fett ist in der Liebe 
„Nur besuchsweise.“ 
„Und zu welchem Zwecke?“ 
Da lachte die Kurtisane hell auf: „Wie könnt Ihr so 
etwas fragen?“ 
Der Podesta wühlte sich ganz, in den Gedanken hin 
ein, erhitzte sich, so daß ihm die Schweißtropfen von 
der Stirn liefen, und nach kurzer Überlegung fragte er 
Lucia: 
„Kennt Ihr die Strafe, die Euch blüht?“ 
„Jawohl“, antwortete die kleine Dirne, „ich bekomme 
einen Bubikopf.“ 
Der Podesta replizierte: „Entweder einen Haarschnitt, 
oder fünfundzwanzig auf den Körperteil, der Euch beim 
Sitzen unbedingt notwendig ist. Also wählt.“ 
Lucia schwieg. Nach 
ein paar Sekunden 
meinte sie: 
„Ich will mich dem 
Ärmsten in Perugia 
selber schenken. Es 
muß aber ein Mann 
sein, der noch nie ein 
Weib geküßt hat.“ 
Sie sah den Podesta 
von der Seite an. Der 
Podesta lachte laut auf 
und sagte: „Einver 
standen“. 
Die Dirne kannte 
jeden Mann in dem 
kleinen Perugia und 
sie wußte, daß alle 
schon, sogar auch die 
Ärmsten, unzählige 
Male das Glück der 
Liebe erfahren hatten. 
Nur einer war da, der 
. . Immer noch lachte 
der Bürgermeister und 
dann Warf er ein: 
„Komm mal gleich 
her, dü Kerlchen, und 
setze dich mal auf 
meinen Schoß.“ 
„Aber, Podesta, wie 
könnte ich, wie dürfte 
ich, und im übrigen, 
Ihr habt ja einen so kugelrunden Bauch, daß ich gleich 
von Eurtem Bein herunterfiele.“ 
„Probieren geht über Studieren“, sagte belustigt das 
fette Oberhaupt der Stadt. 
„Und wenn Ihr nicht gestäupt werden wollt oder 
nicht Euer Haar verlieren möget, dann ist es schon das 
beste, Ihr befreundet Euch mit mir, mit dem einzigen 
Manne, der in Perugia noch kein Weib geküßt hat“ 
„Und dann werde ich frei?“ fragte Lucia. 
„Die Stadtgesetze bestimme ich“, erklärte würdevoll 
der Stadtpapa von Perugia. 
Lucia aber, eine praktische Frau, wollte wissen, wann 
sie sich und wo sie sich mit dem Bürgermeister treffen 
sollte. Der Bürgermeister erklärte: „Ich wohne der 
Kirche gegenüber. In der Dämmerung wünsche ich Euch 
von nun an immer zu empfangen, versteht Ihr?“ 
Lucia wandte ein: „Eigentlich bin ich erstaunt, daß 
Ihr Euch plötzlich so verwandelt habt.“ 
hinderlich.“ 
Als der Podesta die reizende Lucia erblickte, dachte 
er an die Gespräche der Nacht, und er befahl dem 
Büttel, sich zu entfernen. Darauf riegelte er die Tür zu 
und trat in ein notpeinliches Verhör ein. 
„Mädchen, Ihr wohnt ganz nahe der Kirche?“ 
„Nur manchmal“, erwiderte Lucia. 
„Was heißt manchmal?“ 
„Ich habe einen Freund, der in der Nähe der Kirche 
wohnt.“ 
„Und Ihr wäret ein Vierteljahr ständig bei ihm?“ 
Der Bürgermeister stand auf, nahm ihren Kopf ünd 
küßte sie statt aller Antwort heiß, aber täppisch auf 
den Mund. Lucia amüsierte sich und meinte wohl 
wollend: „Podesta, Ihr müßt bei mir noch viel lernen 
Ihr küßt ja wie ein Kind.“ 
Der Bürgermeister, dem nach dieser kleinen An 
strengung das Wasser nur so herunterlief, sagte: „So 
einfach ist es ja nicht, aber ich erwarte Euch jeden 
Abend.“ 
Die Kurtisane erschrak, denn sie hatte geschäftliche 
Verpflichtungen. Der Bürgermeister aber erklärte; „Ich
        
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