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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 23 
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Bildert Linge 
DER VERLIEBTE GESANDTE 
ahe dem Palazzo Carpi, auf der Piazza 
Colonna, wohnte eine reizende Kur 
tisane Lozana. Sie war eine der sieb 
zehntausend Dirnen, die zurzeit des 
Vierten Sixtus Rom glücklich oder un 
glücklich machten. Ganz nahe der 
französischen Gesandschaft (Rom be 
saß in der Renaissancezeit eine Menge 
- - solcher) hatte sie ihre Wohnung. Ihr 
Heim war so gebaut, daß von sechs Häusern bei offenem 
Fenster ihr alles in das Zimmer sehen konnte. Nur 
war es in Rom den Dirnen streng verboten, bei offenem 
Fenster sich zu zeigen. Aber Lozana nahm von dem 
Verbot keine Notiz, und sie richtete es so ein, daß sich 
die Vorgänge sozusagen im Fenster abspielten. Die Ge 
sandten der verschiedenen Königreiche, Fürstentümer, 
Herzogtümer und Republiken lagen tagsüber und abends 
(mit ihren Attaches) im Fenster und schauten vergnügt 
Lozana zu. 
Lozana dachte: „Jeder macht seine Reklame auf seine 
ArtV 
Eines Tages kam ein ganz neuer Gesandter, der die 
Interessen von Frankreich zu vertreten hatte. Es war 
ein verheirateter Mann und sein Name war Graf Du- 
pont. Seine Gattin sollte vier Wochen später kommen 
und nun ämüsierte sich der Graf von Dupont nach 
Leibeskräften. Er wußte 
noch nichts von all den 
Zuschauern, und harmlos 
küßte er mit den Leiden 
schaft eines Südfranzosen 
die kleine Dirne Lozana. 
Lozana wurde von einer 
anderen Gesandtschaft, 
von der neapolitanischen, 
sogar hinreichend be 
lohnt, sie möge nur jeden 
Abend treu und brav ihre 
Liebesgeschichte mit dem 
Grafen fortsetzen. Diese 
Gesandtschaft vertrat 
das Land, mit dem Frank 
reich in Uneinigkeit 
lebte, Neapel. Frankreich 
war nahe daran Neapel 
den Krieg zu erklären, 
und das kleinere Land 
fürchtete die Heeres 
macht des französischen 
Königs. 
Eines Tages, kurz vor 
der Ankunft der Gattin 
des französischen Ge 
sandten, stieß der eine 
Vertreter mit diesem in 
der via Julia zusammen. 
Der Franzose benahm 
sich sehr hochnäsig und 
aufgeblasen und erklärte 
den anderen Gesandten, 
es gehe nicht anders, 
Frankreich müsse den 
Krieg ankündigen. L)er 
andere erwiderte: „Zu jeder macht seine 
Ihrem Schaden, Herr Graf.“ Der Graf lachte 
hämisch: „Sic hren sich, Herr. Der Krieg wird unaus 
bleiblich sein.“ 
„So“, meinte der andere spöttisch, „Ihr werdet ja 
sehen, daß der Krieg verhindert werden kann. 
„Da bin ich neugierig, wie Euer Land das anstelle.;. 
will.“ 
„Das stellt nicht Neapel an, sondern 'das mache 
ich ganz allein.“ ... T , , . „ 
ber Graf verzog belustigt die Miene: „Und wie soll 
das geschehen, Herr?“ 
Der andere setzte ihm kurz und bündig auseinander: 
In wenigen Tagen kommt Ihre Gemahlin . . . 
Der Graf warf erstaunt ein: „Was hat meine Ehefrau 
mit dem Kriege zu tun? 
Der Gesandte erwiderte: „Sie nicht, wohl aber 
Lozana1 _ ,, , , . 
Der Graf Dupont wurde unruhig, denn er begriff im 
Augenblick noch nicht, was jener damit sagen wollte. 
Dieser aber erklärte ihm, daß die kleine Kurtisane 
ieden Taö jeden Abend, jede Nacht bei offenem 
Fenster Schnell hatte der Graf begriffen: „Ihr 
hättet also wirklich? Ja, das ist ja eine unerhörte 
Frechheit!“ Und er fügte entschlossen hinzu: „Ihr habt 
ja keinen Zeugen.“ 
Der andere war darauf vorbereitet und er teilte ihm 
mit daß sämtliche Gesandtschaften täglich aus Lange 
weile am Fenster gestanden hatten. 
Der Franzose errötete 
bis zu den Ohrläppchen, 
biß sich auf die Lippen 
und sagte: „Mein lieber 
Freund, wir sind ja alle 
nur Menschen, ich sehe 
ein, ich habe eine große 
Dummheit gemacht.“ 
Der „liebe Freund“ fiel 
ihm ins Wort: „Und sie 
wäre nun wieder gutzu 
machen, wenn die Be 
ziehungen unserer beiden 
Länder so schnell wie 
möglich wiederhergestellt 
werden.“ 
Der Graf Dupont 
drückte ihm die Hand 
und sagte ich bin kein 
Gegner von Neapel, und 
ich sehe wohl ein, -daß es 
das beste ist, unsere Län 
der verständigen sich auf 
die schnellste Art und 
Weise.“ 
Sofort nahm der Graf 
im entgegengesetzten 
Stadtviertel Wohnung, 
aber da kam die Kata 
strophe. Die Frau Gräfin 
wollte Ihren Gemahl 
überraschen, kam einen 
Tag früher an, als verab 
redet worden war, und 
als sie auf ihrem Zelter 
in das Gesandtenviertel 
einritt, fragte sie den 
Reklame auf seine An Küchenmeister der vene-
        
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