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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg 27 
Nr. 3 
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Die luelße Dame 
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m Himmelswillen! öffnen Siel“ schrie eine halblaute 
Frauenstimme und rüttelte wie wahnsinnig an der 
Tür des alten Junggesellen, der sich gerade zu Bett 
gelegt hatte. „Es handelt sich um Leben und Sterben!“ 
fügte sie leise hinzu. Man sah es förmlich, daß ihr Mund ganz 
dicht am Schlüsselloch klebte. 
Karl Freiherr von Biedersdorf hatte noch nie den Wunsch 
einer Dame abgeschlagen, wenn er ihn irgend erfüllen konnte 
und den Weg in sein Schlafzimmer hatte er kaum einer ein 
zigen verwehrt. . 
So sprang er denn aus dem Bett, schob den Riegel zurück 
und stand kurz darauf einer entzückenden Blondine gegen 
über, die nichts, aber auch gar nichts am Leibe hatte, aber 
krampfhaft einen großen Bündel Kleider gegen ihre Blößen preßte. 
Er erkannte sie sofort, wagte aber nichts zu sagen, da ihn 
ein flehender Blick traf und die junge Schönheit ihren rechten 
Zeigefinger auf den Mund preßte. 
Entsetzt sah sie dann, daß das volle Mondlicht auf ihrem 
Körper und den langen, wallenden Haaren ruhte und mit 
einem unterdrückten Aufschrei rettete sie sich in den äußersten 
Winkel des Zimmers zwischen zwei uralte Schränke und 
begann sich gekrümmt und hastig anzukleiden. 
Während diese Szene vor sich ging, schien draußen auf dem 
Korridor der Teufel los zu sein. 
Laufen, Hasten, Jagen, Schreien, Klopfen. Zunächst war 
nichts deutliches zu unterscheiden, dann aber hörte man, wie 
eine Stimme die Oberhand gewann und es waren auch wohl 
die Fäuste, die zu dieser Stimme gehörten, die immer wieder 
gegen die Tür ballerten; „öffnen Sie, oder ich schlage Ihnen 
die Tür ein! öffnen Sie! Meine Frau befindet sich bei Ihnen! 
öffnen Sie!“ Das dauerte ungefähr gerade so lange, bis die 
junge Schönheit ihren Willen durchgesetzt und in das Zimmer 
des alten Junggesellen geflüchtet war. 
Kaum aber hatten ihre bloßen Füße den Perserteppich des 
Nebenzimmers betreten, als sich ein lautes Gähnen vernehmen 
ließ, als ob einer aus einem tiefen Schlaf jäh und unvermittelt 
aufgeweckt würde. Ein Fluch wurde laut, man hörte einen 
Mann aus dem Bett springen, eine Tür öffnen und dann hörte 
man einen wüsten Wortwechsel, der allmählich abflaute und 
mit deutlich hörbaren Entschuldigungen schloß. Die Gesell 
schaft drüben zog sich zurück und das Zimmer versank an 
scheinend Wieder in den ruhigen, gesunden Schlaf, dem es vor 
her anheimgegeben. 
Ein sehr wichtiger Umstand war es zweifellos gewesen, daß 
der in vielen heiklen Situationen erprobte Biedersdorf sofort 
den Riegel der Verbindungstür wieder vorgeschoben, nachdem 
er sich von seinem ersten Erstaunen erholt hatte. 
Was war geschehen? 
Wir befinden uns in einem alten Grafenschloß, das ein 
Kunsthistoriker erworben und in allem und jedem dort kunst 
gerecht ergänzt hatte, wo die Zeit an Mau jrwerk und Mobiliar 
Zerstörungen vorgenommen. Böse Zungen behaupteten, daß 
er darin ziemlich skrupellos vorgegangen und daß keine Ritter 
ihre Hosen in den eichenen Schränken aufgehängt gehabt 
hätten, die an den Wänden prunkten. 
Zunächst war der Erwerb dieses Schlosses und seine Ein 
richtung ein Sport des Besitzers gewesen, bis die schweren 
Zeiten kamen und er aus der Not eine Tugend machte, eine 
Pension einrichtete und die Zimmer vermietete. 
Nun gehörte zu diesem Schloß, wie zu jedem anständigen 
Schloß, das etwas auf sich hält, eine Sage und zwar die gleiche 
des Berliner Schlosses. Die Sage der Weißen Frau. Ja, Kenner 
behaupteten, daß diese die eigentlich „Weiße Dame“ sei und 
sehen von oben herab auf das Parvenugeschöpf in Berlin. 
Der Besitzer der Pension kultivierte nun diese Sage auf das 
nachdrücklichste und geriet ganz außer sich vor Freude, als 
ihm gelegentlich von der Dienerschaft gemeldet wurde, man 
habe die „Weiße Dame“ gesehen. 
Er berichtete diese Neuigkeit sofort seinen Gästen und traf 
dabei auf gläubige und ungläubige Gemüter. Die ungläubigen 
nun beschlossen unter sich den Schwindel zu entlarven und 
der langweiligen Mehrheit restlos zu Ehren zu verhelfen. 
Weder dem Hausherrn noch seiner jungen Frau sagten sie 
ein Wort davon und postierten sich in .einer der folgenden 
Nächte auf den Gang, den das Gespenst nach Aussage der 
Dienstboten zu nehmen pflegte. 
Es war Vollmond, still und stimmungsvoll. Die neugierigen 
Gäste steckten in Ritterrüstungen, Schränken und Truhen. 
Auf einmal rasselte die eine Rüstung ein ganz wenig — das 
verabredete Zeichen — und gleich darauf schritt eine weibliche, 
ganz in Weiß gehüllte Gestalt den Gang entlang, sah sich vor 
sichtig nach allen Seiten um und verschwand dann in das 
Zimmer eines jungen, sehr eleganten Herrn. 
Tumult! Aus Ritterrüstungen, Truhen und Schränken kamen 
all die Damen und Herren herausgekrochen und schlugen die 
Hände über dem Kopf zusammen. 
Das war also die Weiße Dame! Die Frau des Hauses! Das 
war das Geheimnis. Die Herren lachten, aber die Damen fanden 
das zu arg und eilten spornstreichs zu dem Gatten und be 
richteten ihm, was sie schaudernd hatten miterleben müssen. 
Der Hausherr kam natürlich sofort angestürzt, erzwang sich 
den Eintritt in das Zimmer und fand nichts. Rein gar nichts. 
Nicht das kleinste Strumpfband und mußte sich schließlich, 
beschämt und Entschuldigungen stammelnd, zurückziehen. Da 
seine Frau nach der nächsten Stadt verreist war, war es ja 
auch nicht erstaunlich, daß sie am ehelichen Lager fehlte. 
Nun war es an den ungläubigen Gästen, sich zu entschuldigen, 
was sie sehr ungern taten, denn sie mußten damit ihre ganze 
Weltanschauung verleugnen. 
Der Hausherr aber zitierte aus dem Hamlet: 
„Der Geist, der kann ein Teufel sein, 
Und der Teufel hat die Macht, sich zu verkleiden 
In lockende Gestalt. . .“ 
Nun schwor er auf den Geist der „Weißen Dame“ und er 
zählte seiner Frau, als sie zwei Tage später nach Hause kam, 
halb entschuldigend, halb schmunzelnd die seltsame Geschichte 
und rieb sich die Hände, daß die Berühmtheit seines Hauses 
durch dieses Vorkommnis bedeutend zugenommen habe. 
Der elegante Herr aber ließ sich ein überaus reichliches 
Essen mit viel Alkohol auf die Bude kommen und schimpfte 
Mord und Brand, daß er sich eine Erkältung zugezogen habe. 
Nicht einmal aufräumen ließ er bei sich. 
Freiherr von Biedersdorf aber bewies seine Ritterlichkeit 
dadurch, daß er den schönen Spruch ein wenig variierte: 
„Genießt der andere ein Vergnügen, 
So sei der Wisser still verschwiegen.“ 
Der Hausherr aber mußte sich bei dem jungen, eleganten 
Herrn entschuldigen, d i e Bedingung hatte er gestellt. Und der 
Hausherr tat es in Anwesenheit der ganzen Pension. Die junge 
Frau aber senkte dabei ihren hübschen, jungen, rassigen Kopf 
und errötete, denn sie saß gerade Freiherrn v. Biedersdorf 
gegenüber. ....
        
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