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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

JaHrg. 27 
Nr. 23 
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* 
DER VATER WIDER WILLEN 
ALFRED BRIE 
ie in seinem Leben war Rechtsanwalt 
Stern VII seiner Frau untreu gewesen. 
Dreiundzwanzig Jahre war er mit 
ihr verheiratet, und dreiundzwanzig 
Jahre hatte er ihr gegenüber seine 
Pflichten mit derselben Selbstlosigkeit 
erfüllt, wie den ihm an vertrauten 
Depots. Er hatte sich keine Unter- 
* schlagung, keine Untreue vorzu 
werfen. Aber es kann der beste nicht in Frieden leben, 
wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt. 
Anstatt seine hervorragenden Tugenden anzuer 
kennen, benutzten seine Kollegen im Anwaltszimmer 
ihn als Zielpunkt ihrer mehr oder minder geistreichen 
Scherze, und der Mann soll erst noch geboren werden, 
der gerade in dieser Beziehung nicht den anderen 
gleichstehen möchte. Langsam und sicher tat das Gift 
der unmoralischen Umgebung seine Wirkung, und 
Stern VII wäre schon längst einer der vielen gewesen, 
die es mit der ehelichen Treue nicht allzu genau nehmen, 
wenn es ihm nicht an der nötigen Routine gefehlt hätte. 
Man ist eben nicht ungestraft dreiundzwanzig Jahre 
treuer Ehemann. 
Die Gerichtsferien nahten heran, aber diesmal setzte 
Stern den Anzapfungen seiner Kollegen ein kühles, ver 
ächtliches Lächeln entgegen. Sie sollten nicht mehr 
lange zu spotten haben. Herr Rechtsanwalt fuhr in 
diesem Jahre allein in das Bad . . . 
Niemand hätte in dem forschen Lebemann an dem 
Strande in Scheveningen den Rechtsanwalt Stern VII 
vom Landgericht II, Berlin, erkannt, und seine Kollegen 
würden Mund und Nase aufgesperrt haben, wenn sie 
ihn allnächtlich in der Orchideenbar beobachtet hätten. 
Stern war seit kurzer Zeit der „Erklärte“ von Lou 
Marion, der pikanten Tänzerin, geworden, und wenn er 
sich auch vorläufig damit begnügen mußte, die Kostüme 
und ähnliche Kleinigkeiten bezahlen zu dürfen, so sah 
er dennoch der Zukunft hoffnungsfreudig entgegen. 
Eines schönen Tages hatte die Badegesellschaft von 
Scheveningen neuen Gesprächsstoff. Lou Marion war 
spurlos verschwunden, und auch der Rechtsanwalt 
Stern hatte Scheveningen verlassen. 
Seit einigen Tagen war in Heringsdorf ein Paar auf 
getaucht, über das selbst die ältesten Kurgäste sich 
nicht einig wurden. Ein älterer, würdiger Herr und 
eine junge, sehr elegante, sehr schicke Dame. Man 
einigte sich schließlich, sie für Vater und Tochter zu 
halten, und eine ältere Dame nahm eines Tages Ver 
anlassung, den Herrn beiseite zu ziehen. 
„Verzeihen Sie, wenn ich Sie anspreche, ohne Sie zu 
kennen, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, was man 
mit den Kindern für Sorgen hat. Ihr Fräulein Tochter 
ist ein entzückendes Mädchen, aber sie ist sehr unvor 
sichtig. Man sieht sie fast jeden Abend am Strande, 
und nie allein . . . “ 
„Ich danke Ihnen“, sagte der alte Herr kühl und 
eilte nach seiner Wohnung. An diesem Tage lernte Lou 
Marion den Rechtsanwalt Stern zum erstenmal von 
einer anderen Seite kennen. Die fixe Idee der Tänzerin, 
sich für eine unnahbare Tugend zu halten, war über 
haupt nicht nach seinem Geschmack gewesen und hatte 
absolut nicht in sein Programm gepaßt. Es gab eine 
furchtbare Szene. Er tobte, er drohte, er bat, er flehte, 
aber Lou blieb unerbittlich. 
„Die andern meinen es nicht ehrlich“, weinte 
Stern VII. „Ich allein liebe dich ..." 
„Schön, aber du gefällst mir nicht. Und dann, du 
darfst ja alles für mich bezahlen. Was willst du mehr?“ 
Vergebens beschwor er sie, daß ihr Benehmen den 
Erfolg seiner Kur illusorisch mache. Lou blieb hart. 
„Gut, ich werde mich rächenl“ rief er verzweifelt 
und stürmte aus dem Zimmer. Lou lachte ihm höhnisch 
nach; aber merkwürdig, kein Blick folgte ihr mehr, 
wenn sie am Strande erschien. Alle ihre Verehrer 
schienen sie völlig zu übersehen. Sie war einzig auf die 
Gesellschaft des Rechtsanwaltes angewiesen, und 
wütend stellte sie ihn zur Rede. 
„Du bist der gemeinste Mensch, den ich je kennen 
gelernt habe. Was hast du über mich für Geschichten 
erzählt, daß mir jeder aus dem Wege geht?“ 
„Liebes Kind, du weißt, ich bin Rechtsanwalt und 
daher mit allen Hunden gehetzt. Ich werde mich hüten, 
etwas über dich zu verbreiten, was nicht wahr ist, nur 
damit du nachher eine Entschädigungsklage gegen mich 
anstrengen kannst. Und übrigens kenne ich dich ja 
leider nur sehr oberflächlich. Ich habe jedem, der es 
hören wollte, erklärt, daß du nicht meine Tochter, 
sondern mein Mündel bist, daß du außer einer Aus 
steuer keine Mitgift besitzt. Du siehst also, wie heiß 
die Liebe dieser Grünschnäbel zu dir war.“ 
„Diese Schafe.“ 
„Nur ich allein liebe dich, Lou. Wann wirst du es 
endlich einsehen und mich erhören?“ 
„Ich werde es mir überlegen.“ 
Und sie überlegte noch immer, als sich ein junger 
Mann bei dem Rechtsanwalt melden ließ. 
„Mein Name ist Erich Stolz, Baumwolle en gros. Ich 
bin 27 Jahre alt und liebe Ihr Mündel. Darf ich um ihre 
^t.Wie? Sie sagen es mir in das Gesicht, daß Sie Lou 
Jawohl, Herr Rechtsanwalt. Ich wagte es nicht, so 
lange ich glaubte, daß sie eine reiche Erbin wäre, aber 
da ich nun weiß, daß sie nichts besitzt . . . 
Der Rechtsanwalt war sprachlos. ( 
Ist das Ihr Ernst, Herr Stolz:' 
Mein heiliger Ernst. Ich habe bereits meiner Mutter 
telegraphiert, hierherzukommen und sie gebeten, Ihre 
'“ifÄ getan?“ brüllte Stern VII. „Sie 
lassen meine Frau herkommen . . • rr ... 
Er griff mit den Händen in die Luft und sank ohn 
mächtig zu Boden. Als er wieder zu sich kam, war das 
“ste, was er erblickte, seine Frau, die sich besorgt um 
lhn ,Verzeihe mir, ich will dir alles erklären.“ 
ru hi ö mein Lieber, rege dich nicht auf. Ich 
weiß alles Ich habe unterwegs darüber nachgedacht. 
Warum hast du mir deine Jugeudtorhelt nicht emge- 
standen’ Dreiundzwanzig Jahre unwandelbarer Treue 
haben alles wieder gutgemacht. Ich hatte sie adoptiert, 
I ou • • mit Vergnügen hatte ich sie adoptiert, 
da uns der Himmel Kinder versagt hat. Armes Kind, 
wo ist sie denn?“ . . , „ ... 
Sie holte die Tänzerin, die nicht wußte, wie ihr ge 
schah in das Zimmer und küßte sie zärtlich auf die 
Stirn.' Dann rief sie Herrn Stolz herein und legte die 
Hände des jungen Paares ineinander. „Papa wird euch 
eine anständige Mitgift geben. Verlaßt euch auf mich.“ 
Als Rechtsanwalt Stern VII abends seine gewohnte 
Strandpromenade machte, ließ er noch einmal die Er 
eignisse des Tages an sich vorüberziehen. 
„Na, die Sache hätte noch schlimmer werden können. 
Und meinen Zweck habe ich schließlich auch so 
erreicht. Ich möchte mal sehen, wer von meinen Kol 
legen am Landgericht II eine Tochter hat, die Tänzerin 
in einer Nachtbar ist . . . “
        
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