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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 3 
Jahrg. 27 
1 
O'eöe in DZott 
J u C i u s Knopf 
er Abend war hereingebrochen, tiefe Dämmerung 
sank auf Baum und Strauch. In violetten Tinten 
hoben sich die scharfen Umrisse der Baumsilhouetten 
vom Abendhimmel ab. Auf den Wiesen wallten 
weiße Nebel. Sie flatterten in losen Schwaden über den 
Boden. Es war wie ein Brodeln geheimnisvoller Säfte über der 
Erde. Dicke,.drohende Wolken legten sich quer über das reine, 
türkisfarbene Blau des Himmels und grenzten das violette Rot 
der versunkenen Sonnenherrlichkeit in phantastischen Schnör 
kellinien ab. 
Hand in Hand standen die beiden jungen Menschenkinder. 
Voll Andacht überließen sie sich der Anmut und dem Zauber 
dieses wunderschönen, warmen Spreewaldabends. 
Und immer gespensterischere Gestaltung nahmen die Nebel 
gebilde an. Das war, als ob weiße Nebelfrauen auf Wasser 
und Wiesen sehnsüchtig die Arme ausstreckten und in wogen 
den Reihen mit grauen Schleiern wehten. 
Langsam schoben sich die Wolken weiter. 
Und siehe! Plötzlich lugte die feine Silbersichel des zu 
nehmenden Mondes schüchtern hervor, um nach wenigen 
Minuten in voller, strahlender Klarheit am Himmel zu stehen. 
Ein Augenblick voll feierlicher Schönheit und -erschauernder 
Weihe. 
Und Agnes sprach zu Erich, sich hingebend an ihn 
schmiegend, aufgelöst in mädchenhafter Empfindsamkeit und 
weiblicher Empfindung. „Man sagt, jeder Wunsch, den der 
Mensch beim Anblick der ersten Mondsichel im Monat hegt, 
solle in Erfüllung gehen. Und ich wünsche mir —■ ach, Liebster, 
du weißt ja, was ich mir wünsche! Von ganzem Herzen und 
mit ganzer Seele wünsche. Und der gute Mond, der wird 
meinen Wunsch erfüllen. Steht er doch gerade senkrecht über 
dem Abendstern, über der Venus, Ach — du! du!! —■ 
du, der erste, den ich liebe, und der einzige, der es sein wird.“ 
— Agnes, die Achtzehnjährige, zerschmolz in Liebe — Sehn 
sucht — Zärtlichkeit — Verzückung. Sie war ganz roman 
tisches Hingegossensein, Begierde. Sie wartete darauf, ge 
nommen zu werden. 
Zerstreut, mit halbem Ohr nur, hatte Erich, der Dichter, 
hingehört. Denn in seinem Kopfe wälzten sich, aus dem 
Augenblick geboren, die Anfangsverse einer Elegie, für die er 
Dichterruhm einzuheimsen und ein köstliches Honorar zu er 
halten gedachte. Und es drängte ihn, die Stimmung festzu 
klammern und sie nicht durch eine Nebensächlichkeit, wie es 
die Liebe gegenüber dem Schaffensdrang ist, zerflattern zu 
lassen. Noch am selben Abend sollte die Elegie vollendet 
werden, aus dem Keim die Frucht erstehen. 
Darum sprach er sanft und leise mahnend: „Laß uns in die 
Pension zurückgehen, Agnes, sonst geben wir den Klatsch 
basen willkommenen Unterhaltungsstoff. Und das wollen wir 
vermeiden, Geliebte, — schon um deinetwillen, da wir uns doch 
erst vor vier Tagen in der Pension kennen gelernt haben.“ 
Mit flüchtiger Zärtlichkeit streichelte er ihr Haar und redete 
noch ein paar in das Korsett der Geziertheit eingezwängte 
Liebesworte. 
Artig fügte sich Agnes der höheren Einsicht und der 
größeren Vorsicht des Mannes. Sie küßte ihn; glühend und 
leidenschaftlich. — Sie verlangte mehr. 
Doch es hatte sein Bewenden bei diesem Kuß. Flüchtig, nur 
wie hingehaucht, erwiderte ihn Erich. Er war nicht bei der 
Sache. Für den Augenblick nahm die Elegie seine Gedanken 
mehr gefangen, als das junge, Leidenschaft dampfende 
Mädchen neben ihm, das nach Liebe und Zärtlichkeit dürstete, 
während er nach Ruhm und Honorar hungerte. 
Sdieaermann 
Was sagt Casanova?
        
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