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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 22 
Jafirg. 27 
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Pauls Augen glänzten. „Da hatte ich ja wirklich keine 
Ahnung, was für eine gute Partie du bist. Mädel, das 
kostet doch mehr als einen Pappenstiel. Wo hast du 
denn das viele Geld her? Von deinem Gehalt konntest 
du doch unmöglich die Ersparnisse machen?“ 
„Natürlich Nebenverdienst. Und daß es so schnell 
ging, daran ist die Inflation und die Valuta schuld. 
Wenn die nicht gewesen wären, dann hätte ich wohl 
zwanzig Jahre gebraucht, um mär das anzuschaffen. So 
aber — mit Hilfe von Dollar und englischem Pfund, 
brauchte ich nicht erst meine ganze Jugend zu opfern, 
ehe ich so weit gelangte, mir meinen eigenen Haus 
stand zu gründen. Ich muß an die Arbeit und du mußt 
in dein Büro.“ Sie wand sich aus seinem Arm und 
machte sich daran, die Möbel abzustauben und zu 
polieren. 
„Ehe du gehst, kannst du mir noch die beiden Kisten 
öffnen. Bis heut abend muß alles eingeräumt sein. 
Wenn ich morgen als deine Frau hier einziehe, soll 
alles fix und fertig sein.“ 
Als Paul Krause gegen Abend zurückkehrte, kannte 
er seine kleine Wohnung kaum wieder. Selbst neue 
Gardinen hingen an den Fenstern und ein grellroter 
Blumenteppich lag auf dem Fußboden. Der Teppich er 
schien ihm so kostbar, daß er kaum wagte seine be 
staubten Stiefel darauf zu setzen. 
Mit einem selbstzufriedenen Lächeln reichte ihm 
seine Braut die Lippen zum Kuß. Dann drängte sie 
ihn auf den roten Plüschsessel und sagte; „Nun sieh 
dich um und sage, ob mein Geschmack auch der deine 
ist. Wie sitzest du in dem Stuhl? Ist er bequem?“ 
„So bequem, daß ich gar nicht mehr aufstehen 
möchte.“ Er lachte behaglich. „Komm her.“ Er ergriff 
ihre Hand und versuchte, sie auf seine Knie zu ziehen. 
„Nein, nein!“ wehrte sie, „das schickt sich nicht. 
Morgen, da bin ich deine Frau, da kannst du mit mir 
machen was du willst, aber heut mußt du die Grenzen 
des Anstandes wahren.“ 
„Du bist ein ganz famoses Mädchen, Erna“, be 
wundernd blickte er sie an, „ich glaube wirklich, ich 
habe das große Los gezogen, als ich dich zur Frau 
wählte.“ 
„Und jetzt bist du doch selbst zufrieden, daß ich die 
Trauung so lange hinausgeschoben habe, bis ich all die 
schönen Sachen beisammen hatte?“ 
„Wahrhaftig, das bin ich. Das ist ja ein kleines König 
reich, das du uns da geschaffen hast! Aber, sage mal, 
mein Schatz, ich bin hungrig und du wirst es auch sein. 
Wie denkst du über das Abendbrot?“ 
„Wir wollen nicht hier, sondern in dem Gasthaus 
essen, in dem ich abgestiegen bin. Ich möchte für heut 
alle Intimitäten zwischen uns vermeiden.“ 
# 
Paul Krause hatte wieder seine Ordnung. Er fühlte 
sich sehr glücklich und zufrieden. Kein Stäubchen lag 
auf den Möbeln. Das Tischtuch glänzte blütenweiß. 
Teller und Gläser blitzten. Jeden Abend saß er in dem 
behaglichen Plüschsessel, während seine Frau auf dem 
Sofa thronte. Wenn sie gegessen hatten, streckte er sich 
behaglich aus und paffte den Rauch seiner dicken, 
braunen Zigarre in die Luft. Während sie ihre Häkel- 
arbeit zur Hand nahm und ihm von dem Leben der 
Großstadt erzählte. 
Er war nicht wenig stolz auf die Großstädterin mit 
der kostbaren Einrichtung, die er geheiratet hatte. Er 
schämte sich noch nachträglich der armseligen Um 
gebung, in der er bisher zu leben gezwungen war. Aber, 
er begann auch sich vor ihr, die das alles selnst er 
worben, zu schämen, während er es nur zu ganz ge 
ringen, kaum nennenswerten Ersparnissen gebracht 
hatte. Das kam natürlich daher, weil ein Mann nicht zu 
wirtschaften versteht. Ein Haushalt ohne Frau kostet 
doppelt. Die Frau versteht es die Ausgaben zu be 
schränken und das Geld zusammenzuhalten. Und 
nun gar erst eine Frau wie die seine. Er war sicher, daß 
sie mit ihrem ökonomischen Talent auch weiter ihre 
Wirtschaft vervollkommnen würde. 
Da war zunächst die Küche. Auch sie hätte er gern 
erneuert gesehen, damit sie im Einklang mit den beiden 
anderen Zimmern stände. 
„Paul, an was denkst du eigentlich? Du hörst ja gar 
nicht, was ich dir erzähle.“ 
„Ich habe darüber nachgedacht, ob es wohl möglich 
sein wird, im Laufe der Zeit auch die alten Küchen 
möbel durch neue zu ersetzen. Ich sah da gestern in 
einem Schaufenster so hübsche, weißlackierte Küchen 
möbel — 
„Ist dein Gehalt aufgebessert? Hast du Zulage be 
kommen?“ 
„Das nicht — aber bei deinem Talent zu sparen —“ 
„Dieses Talent ist mir aber jetzt verloren gegangen.“ 
Eiri geheimnisvolles Lächeln legte sich um ihren Mund. 
Ganz verblüfft blickte er sie an. „Nanu -— gerade 
jetzt, wo es doch uns beiden so nützlich wäre? Sieh 
mal — die Küche ■— “ 
Ihr schallendes Gelächter ließ ihn innehalten. „Du, 
die Inflation ist doch jetzt zu Ende. Und — was jetzt 
angeschafft werden soll — das Geld mußt du verdienen. 
Mein Verdienst — der muß nun auch zu Ende sein.“ 
„Aber Schatz — selbstverständlich! Ich verlange doch 
nicht, daß du noch weiterhin Geld verdienst. Dafür bin 
ich da.“ 
„Du, sage mal“ — sie blickte ihn von der Seite an — 
„nicht wahr, du freust dich doch, daß du es jetzt so 
elegant hast? Du könntest doch in dem ärmlichen 
Plunder nicht mehr leben?“ 
„Nicht um die Welt möchte ich das! Nein, dazu 
hast du mich jetzt viel zu sehr verwöhnt. Du siehst ja 
wie mich schon die Küche stört.“ 
„Laß jetzt mal die Küche und höre zu. Also, um 
kaufen zu können, mußte ich ausländisches Geld haben. 
Dollars und englische Pfunde. Bitte, mach doch mal den 
Bücherschrank auf und sieh, ob du an der Tür nicht ein 
kleines Kästchen entdeckst?“ 
Schwerfällig erhob sich Paul, ging an den Schrank 
und öffnete dessen Tür. „Mister Smith, 2 Dollars“, las 
er. 
„Und an dem Nähtisch?“ 
„Mister Webb, 1 Dollar.“ 
„Und hier?“ — sie zog hinter der Lehne des Sofas 
ein Kästchen hervor. „Mister Miller, Mister Snowden, 
5 Dollars. Das Wohnzimmer ist amerikanisch. Das 
Schlafzimmer englisch. Eine Zeitlang waren die Pfunde 
vorteilhafter als die Dollars.“ 
„Ja, aber Paul blickte verständnislos auf seine 
Frau, „ich verstehe nicht“ — 
„Nach Berlin kamen viele Ausländer. Nicht nur, um 
einzukaufen, sondern auch, um sich zu amüsieren. Sie 
machten die Bekanntschaft hübscher Mädchen. Ver- 
stehst du nun Paulchen? Für einen Dollar bekam man 
viele Millionen. Und für ein paar Millionen bekam man 
die hübschen Möbel.“ 
„Erna — die Möbel sind von —“ 
„Ausländischem Gelde gekauft — jawohl. Und um 
die Namen der Dollarspender nicht zu vergessen, habe 
ich jedes Möbelstück mit dem Namen des Betreffenden, 
gezeichnet. Glaubst du, du wirst dich weniger behaglich 
in deiner Wohnung fühlen, weil die Sachen mit Valuta 
geld bezahlt sind?“ 
Paul wollte etwas sagen. Er schluckte ein paar Mal, 
brachte aber keinen Ton heraus. Nur seine Augen 
fuhren ängstlich und scheu in die Runde. 
„Wenn du die Küche auch ergänzen willst —“ 
„Nein, nein!“ schrie er, „sie soll bleiben.“ 
„Es würde jetzt auch zu lange dauern, denn nun 
haben wir ja die Rentenmark “
        
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