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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr 22 
Jahrg. 27 
JOLANTHE MAREP 
ieber Paul! — Leider muß ich Dich bitten, 
den Termin unserer Heirat noch einmal 
hinauszuschieben. Deine Ungeduld, bald 
mit mir vereinigt zu sein, ist mir ja ver 
ständlich, denn auch ich sehne mich nach 
Dir und meinem eigenen Heim. Um uns 
dieses Heim aber schön und behaglich 
machen zu können, muß ich noch ein 
■ ii " paar Wochen hier bleiben. Du weißt, ich 
lege Wert darauf, Dir eine gediegene und vollständige 
Einrichtung ins Haus zu bringen. Und da Möbel und 
Wäsche jetzt recht teuer sind, dauert es länger bis ich 
alles beisammen habe, als ich vorher berechnet hatte. 
Ich konnte auch nicht voraussehen, daß eine so große 
Geldknappheit einsetzen würde und die Leute dadurch 
gezwungen werden, ihre Geldausgaben einzuschränken. 
Ich habe also mit geringeren Einnahmen zu rechnen. Da 
ich aber in meinen Ansprüchen nicht herabgehen will, 
kann, wie schon gesagt, der Tag unserer Eheschließung 
erst ein paar Wochen später stattfinden. Es handelt 
sich nur noch um Sofa und zwei Fauteuils. Dann habe 
ich alles beisammen. Dann bekommst Du eine Frau mit 
einer Ausstattung, die sich sehen lassen kann. Also, Ge 
liebter, wie gesagt, noch ein wenig Geduld. Es soll die 
letzte Verzögerung sein. Ich sende Dir aus der Ferne 
tausend Grüße und Küsse. Und indem ich Dich im 
Geiste in meine Arme schließe 
bin ich Deine treue Braut 
Erna Riedel. 
Seufzend faltete Paul Krause den Briefbogen zu 
sammen, steckte ihn in den Umschlag zurück, ver 
senkte ihn in seine Rocktasche, stand auf und ging in 
die Küche, um sich selbst das Abendessen zu bereiten. 
Als er dann, ins Wohnzimmer zurückgekehrt, sich an 
den Tisch setzte, um Brot, Butter und Wurst in Angriff 
zu nehmen, lag eine Unmutsfalte auf seiner Stirn. 
Nun sollte das noch eine Weile so weiter gehen! Wie 
lange schon hatte er seine Ordnung entbehrt! Alles um 
ihn herum schrie nach den Händen einer Frau. Die 
paar Möbelstücke, der Nachlaß seiner Mutter, waren 
mit dickem Staub bedeckt. Auf der Tischdecke prangte 
ein Fleck neben dem anderen. Wie oft war er ge 
zwungen, sich sein Bett selbst zu machen, da die Frau, 
die es übernommen hatte bei ihm aufzuräumen, ihn 
einfach im Stich gelassen hatte. 
Mißmutig verzehrte er sein Abendessen, dann schob 
er den Teller und die leere Bierflasche auf die Seite 
und zündete sich eine Zigarre an. Nicht mal die wollte 
ihm mehr schmecken. Nein, er hatte es wirklich satt, 
das ewige Alleinsitzen in der unaufgeräumten Wohnung. 
In Lokalen sich aufhalten und ein Glas Bier nach dem 
anderen durch die Kehle jagen, das war nicht nach 
seinem Geschmack. Er liebte eine ruhige Häuslichkeit. 
Durch seine Mutter, mit der er all die Jahre zusammen 
gewohnt, war er an stille Behaglichkeit gewöhnt. Gleich 
nach ihrem Tode hatte er nach einer Frau Umschau 
gehalten. Erna Riedel, die er bei Bekannten, bei denen 
sie zu Besuch weilte, kennen gelernt hatte, schien ihm 
die Frau die er brauchte. Sie war nicht mehr ganz jung. 
Postbeamtin von Beruf. — Kleidete sich geschmackvoll, 
wenn auch für die kleine Provinzstadt, in der er lebte, 
etwas zu auffällig. Aber, dazu hatte sie als Groß 
städterin ein Recht, Berlin, die Weltstadt, ging eben in 
der Mode voran. Ihr ruhiges Wesen und die soliden An 
sichten, die sie äußerte, gefielen ihm ausnehmend. Er 
überlegte nicht lange, sondern machte ihr kurz ent 
schlossen einen Antrag und erhielt ihr Jawort. 
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Als er ihr aber erklärte, er wünsche keinen langen 
Brautstand, sondern die Eheschließung müsse so bald 
als möglich erfolgen, stieß er auf ihren Widerstand. 
„So bald als möglich, ja — damit bin ich einver 
standen^ Sagte sie, „aber, das ist für mich dann — 
wenn ich meine kleine Ausstattung beisammen habe. 
Ich will, wenn ich meinen Beruf aufgebe, eine schöne 
Häuslichkeit haben. Die Möbel, die du hast, stammen 
von deinen Eltern, sind alt und verbraucht. Ich liebe 
das Moderne. Auch setze ich meinen Stolz darein, 
etwas in die Ehe mitzubringen. Ich habe mir schon 
vieles arischaffen können. Aber, ein paar Wochen mußt 
du dich schon gedulden.“ 
Was blieb ihm anderes übrig als zu warten? Aber, aus 
den paar Wochen wurden drei Monate. Gewiß, ihr 
Wunsch war ihm verständlich und es freute ihn, daß 
sie sich darin zusammen fanden, eine behagliche und 
möglichst vollkommene Wirtschaft zu haben. Auch ihm 
war es angenehmer,sich auf einemFauteuil herumräkeln 
zu können, statt auf einem Rohrstuhl zu sitzen. Aber «— 
schließlich machte ihn die ewige Verzögerung, die 
immer wieder verlängerte Frist, bis er zu dieser Be 
haglichkeit gelangte, unwillig. Dann sollte schon ein und 
das andere Stück fehlen. Man konnte ja sparsam leben 
und sich dann von dem ersparten Geld Anschaffungen 
machen. 
Als er seine Zigarre zu Ende geraucht hatte, holte er 
das Schreibzeug herbei und schrieb an seine Braut, daß 
er nicht gewillt sei noch länger ohne Frau zu leben, und 
daß Sofa und Fauteuils die letzten Ausstattungsstücke 
sein müßten, um deretwillen er noch einmal den von ihr 
angesetzten Termin annehmen wolle. 
dS Wohnung den Leuten den Platz anwies, wohin sie 
die Sachen zu stehen d ie alten> von der Mutter 
ß’f äU ^ ic+ürke als Gerümpel auf den Boden ge- 
geerbten Hassende/ Gelegenheit an den 
steht worde , wer den. Mit der Kücheneinrichtung 
Trödler verkauft zu so genau. Da genügte der 
nahm Erna K der wacklige Tisch und die beiden 
HolzSri/ihr hielt man sich ja nicht allzu lange auf. 
Holzstume. u im Wohnzimmer einnehmen, 
wleÄ" Leiten die ei» wenig auf sieh hielten, üblich 
wa „ r ;., . m zufriedenen Lächeln und einem reich 
lichen Trinkgeld hatte Paul Krause die Leute verab- 
iicnen 6 t j eg er die zwei Treppen empor und 
retÄ^ WoTnung'ln der geöffneten Wohnzimmer 
tür blieb er, von Staunen überwältigt, stehen. 
Donnerwetter, du — das kann sich sehen lassen — 
als ich die Sachen abladen sah, merkte ich 
^hon was für einen feinen Geschmack du hast - aber, 
daß es so vornehm bei uns aussehen würde — nee — 
darauf war ich nicht vorbereitet.“ Er ging auf seine 
Braut zu, legte seinen Arm um ihre Hüfte und zog sie 
an sich. 
Na nun kannst du wohl verstehen, daß eine solche 
Einrichtung nicht im Handumdrehen zu erlangen ist. 
Das will seine Zeit haben. Und nun komm mal hier 
herein. Sieh dir das Schlafzimmer an. Echt Nußbaum. 
Der Waschtisch mit Marmorplatte. Was —? Das ist 
doch was anderes als der alte Klamauk, der hier herum 
stand?“
        
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