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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jairg. 27 
Nr. 3 
Die schöne, Trau und die, erste Tafte 
Doris TD i t t n e r 
ines Morgens, als die schöne Frau sich erhob, war sie 
da. Sie, nämlich die Falte. Mit kühlem Staunen be 
frachtete die schöne Frau im Spiegel den Eindringling. 
Dann lächelte sie: hochmütig, ungläubig, ablehnend, 
so wie eben schöne Frauen lächeln, wenn sie unbequeme und 
unerwünschte Dinge und Menschen mit einer einfachen Hand 
bewegung aus ihrem Leben streichen. Die schöne Frau hatte 
erkleckliche Erfahrung auf diesem Gebiet. Sie hatte manches 
und manchen ausgestrichen und war gelassen ihres Weges 
weitergegangen. Sie würde wohl auch mit einer ungerufenen, 
taktlosen Falte fertig werden. 
Am andern Morgen lugte sie neugierig in den Spiegel, um 
festzustellen, ob das unverschämte Geschöpf, die Falte, sich 
unterstand, noch da zu sein. Es 
unterstand sich. Wieder lächelte 
die schöne Frau. Mit beleidigender 
Nachsicht. Siegesgewiß. Sie war 
mit hartnäckigeren Widerständen 
fertig geworden. 
Als aber am nächsten Morgen 
der Blick in den Spiegel das 
gleiche Ergebnis zeitigte, lächelte 
die schöne Frau hingegen nicht 
mehr. Wohl aber umwölkte sich 
ähre Stirn, und es gesellten sich 
. einige künstliche Zornesfalten 
zu der natürlichen Rune auf 
der bisher so untadelig zarten 
Haut der schönen Frau. Es war 
offensichtlich; „Madame“ war un 
mutig. . . Unmutig, nicht etwa 
mutlos. Eine wahrhaft schöne 
Frau streicht schwerer die Fahne 
als die panzergeschützte Festung. 
Vorerst — als einleitende Hand 
lung —- erwies sich eine Erholungs 
reise als dringend erforderlich. 
Die schöne Frau sah ein, daß sie 
sich ■— an Tees, Konzerten, Wohl 
tätigkeitsfesten — überanstrengt 
hatte. Und Überanstrengung 
schadet unbestreitbar dem Teint. 
Die Haut bekommt einen unwider 
stehlichen Hang zur Schlaffheit 
und gibt dem lästerlichen Anreiz 
nach, sich zu fälteln. Das erste 
Gebot der Verteidigung hieß dem- 
nach: Ausspannung, Ruhe, gute 
und „sachgemäße“ Ernährung, Die 
schöne Frau suchte ein vielgerühmtes Kurheim (lies; Sana 
torium) auf und brachte Methode in ihr Vorhaben. Dem 
leitenden Arzt gegenüber gab sie als Begründung ihres Auf 
enthaltes an: Erschöpfung, Nervenzusammenbruch. Zu be 
kennen, daß die Falte sie zu der Erholungsreise bewogen, 
hätte geheißen, der Usurpätorin zu viel Ehre erweisen. „So 
etwas tut man, aber man sagt es nicht.“ — „Madame“ hatte 
ihren Ibsen fest im Kopf. — Der Arzt ging verständnisvoll 
auf die Darstellung der schönen Frau ein. (Sie „hatte es 
dazu“, und er wollte einen Neubau errichten, brauchte also 
Patienten von „gediegenen“ Eigenschaften, lies „zahlungs 
kräftiger Moral“.) Die schöne Frau ruhte, schonte und nährte 
sich. „Die Nerven brauchen ein Polster, meine Gnädige“, 
hatte der verständnisvolle Doktor gesagt, und das leuchtete 
der schönen Frau ein — im Hinblick auf die Falte, die am 
besten unterfüttert wurde. (Wie ein Kleidungsstück mit 
künstlicher Schulterbreite oder Büstenwattur.) Die schöne 
Frau wurde kalt gebadet und warm gebadet, kalt geduscht 
und warm geduscht, mit Essenzen gerieben, mit elektrischen 
Flammen bestrahlt. Die Speisen wurden für sie besonders 
hergerichtet, nach sorgsamer Prüfung auf ihre Bestandteile. 
Die Haut eines Beuteltieres wäre bei solcher Behandlung glatt 
und fein wie die eines erblühenden Mädchens geworden. Die 
tückische Falte im Antlitz der schönen' Frau aber wich nicht. 
Im Gegenteil: sie vertiefte sich, wurde ausdrucksvoller, 
dreister. Sie schien ihr Opfer zu höhnen. — 
Der Hofstaat der schönen Frau ward befohlen: Friseur, 
Parfümeur, Masseurin, Manicure, Pedicure und verwandte 
Menschengattungen. Jeder gab seinen Rat. Jeder Rat ward 
befolgt. Die Falte wurde gesalbt und massiert. Man puderte 
sie. Man legte ihr diskretes Rot auf. Vergebens. Unter der 
mannigfachen Behandlung schien sich das boshafte Geschöpf 
zu vervielfältigen. Es mochte ja optische Täuschung sein, 
von überreizten Sehnerven hervorgerufen, aber es schien der 
schönen Frau eines Morgens im Spiegel: es sei gar nicht mehr 
nur eine Falte, sondern deren etliche, lauernd, gierig, sich 
auf sie zu stürzen. Die Feindin hatte Verstärkungen heran 
gezogen. 
An diesem Tage nahm die schöne Frau einen Systemwechsel 
vor. Sie setzte die Flaggen ihres bisher so freudvollen Wesens 
auf Halbstock und legte eine halbverschleierte Melancholie an. 
Statt der hellen, schalkhaften Klei 
der, die sie bisher bevorzugt hatte, 
ging sie nun zu pastellgetönten, 
zeitlosen Gewändern über. (Stil 
Düse, Rollenfach; z w i sehen 
zwei Altern.) Die Schwermut 
stand der schönen Frau ausge 
zeichnet. Besser als der langgeübte 
ironische Mutwille. Besonders, 
wenn sie in der Dämmerstunde 
ihre weißen kühlen Finger lässig 
über die weißen kühlen Tasten 
des Flügels gleiten ließ, webte um 
sie ein schwingender Reiz von 
Süße und Zärtlichkeit. Es gibt 
Sommertage, die am berau 
schendsten werden erst, wenn sie 
zur Ruhe gehen. (Vielleicht sogar, 
weil sie zur Ruhe gehen.) Alles 
löst sich in Weiche, Milde — in 
farbigen Klang. — Seele singt 
durch das All. 
Die schöne Frau begann die 
Morgen- und Mittagsstunden zu 
meiden. Sie waren so roh in ihrer 
robusten Leuchtkraft und mußten 
auf überfeinerte Gemüter ver 
letzend wirken. Erst wenn die 
blauen Schatten des Spätnachmit 
tags durch die Bäume geisterten, 
erschien die Frau „Sonnenunter 
gangs-Madonna“, wie irgend ein 
Bösling säe geauft hatte. Aber es 
gibt eben Liebhaber für Sonnen 
untergänge wie für Sonnenauf 
gänge. Jede Naturerscheinung 
trifft auf eine ihr zustrebende Geschmacksrichtung. Und siehe; 
der Liebhaber blieb auch hier nicht aus. Ein junger Künstler, 
der auf gebrochene Farben, gebrochene Töne, gebrochene 
Stimmen, kurz, auf eine schwierige Regeldetrie menschlicher 
und künstlerischer Daseinsart eingeschworen war, fühlte sich 
von der schönen, müden .Sonnenuntergangsfrau „suggestiv“ 
erregt. Dämmerung des — Tages, des Weibes, und des eigenen 
Hirns — umschmeichelte seinen Sinn mit linder Verführung. 
Und als wieder einmal eine Nachmittagsstunde die schöne 
Frau und ihren Gefährten spielerisch umträumte, bot er ihr 
in edler Wallung Herz und Hand. Und die schöne Frau — 
sie war erst dreimal geschieden — nahm beide mit 
Großmut und Gnade, ganz schenkende Königin, an. 
Am nächsten Morgen trat die schöne Frau vor den Spiegel. 
Jeder Zoll eine Siegerin! — Mochte die Falte im Glase ruhig 
grinsen. Die schöne Frau war doch mächtiger gewesen, als 
die freche Feindin. Ja, die Falte hatte ihr sogar erst zu ihrem 
größten Triumph verhelfen, denn der neue Gatte war zehn 
Jahre jünger als die schöne Frau. Das Gleichgewicht der Kräfte 
war hergestellt. Falten; gewiß, es gibt das. Aber es darf keine 
Falte geben, die von einer schönen Frau nicht nutzbar gemacht 
wird zur höheren Ehre des eigenen Selbst. 
Was sie nicht wußte, war, daß auch die Falte triumphierte. 
Heimlich und heiß. Insbesondere angesichts des zehn Jahre 
jüngeren Gatten der schönen Frau. 
Frau und Falte; das letzte Urteil in ihrem Rechtsstreit blieb 
ungesprochen. Bis die Zeit selbst sich im Richterstuhl nieder- 
lassen und ihren endgültigen Spruch fällen wird.
        
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