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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 22 
Jafirg. 27 
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ablisten zu können. Es war nur, daß auf der Schwelle 
zum — Nichts noch einmal der Wille zum Dasein in 
wilden Flammen aufloderte und seinen brennenden 
Mantel um ihre sehnsüchtigen Sinne schlug. 
Michele de Balincourt wollte alle Küsse, die ihr ein 
vorzeitig abgeschnittenes Leben schuldig blieb, in einer 
Stunde von eines Mannes Lippen trinken. Sie wollte 
die Schalen der Heiterkeit ausgießeri über die dräuen 
den Minuten der Finsternis. Und mit der Wollust des 
Fleisches wollte sie die Todesangst der Seele betrügen. 
Ihr liebeskundiger Leib bog sich in allen Verzückungen 
des Genusses. Und ihr schelmischer Geist schlug die 
kokettesten Pirouetten. George Danton aber vergrub 
sich in das sonnige Wun 
der und vergaß darüber 
Volk, Hunger und Guil 
lotine und seine große 
Geliebte, die Republik. 
Das mächtige Haupt, 
vor dem Frankreichs 
Königshaus die Verzweif 
lung kennen gelernt hatte 
und Frankreichs Volk er 
schauerte, träumte auf 
den Knien einer französi 
schen Gräfin selige Kin 
dermärchen von einer 
hellen, schönen und 
gütigen Welt, in der die 
Menschen einander lieben 
und alle Wesen in gött 
licher Eintracht leben. 
Und eine helle, schöne 
und gütige Frau — die 
Fee des Märchens — 
neigte sich über dieses 
um Frieden begehrende, 
friedlose Haupt und strich 
mit weißen, sanften Fin 
gern über eine zerquälte 
Männerstirn. 
Und dann sprach die 
Stimme des Versuchers 
von eines Weibes heiß 
geküßten Lippen: „Ge 
orge Danton, glaubst du 
wirklich an die erlösende 
Kraft des Blutes, das du 
vergossen? Und wenn — 
warum brüstest dann du und deinesgleichen dich? Sind 
denn dann nicht wir die Erlöser, wir, die wir sterben? 
— War der, der dem Messias am Kreuze den Lanzen 
stich versetzte, der Held, oder der, der ihn litt? Hat 
für deine Heilbotschaft dein Blut gezeugt oder das der 
Septembergefallenen? — Aber nein, George F)anton, du 
glaubst ja an die Sache des Volkes so wenig wie an 
die Sendung der Könige. Dein eigener Wille und deine 
eigene Macht allein sind es, an die du glaubst. Es ist 
nicht wahr, daß du dich als Bruder des Henkers fühlst, 
der der „Witwe Capet“ ins Angesicht spie, bevor er sie 
köpfte und der vielleicht morgen mit frechen Händen 
meinen Leib betasten wird, ehe Und es ist nicht 
wahr — und wenn du es hundertmal beeiden würdest, 
daß du mehr mit den hungernden Fischweibern fühlst 
als mit uns satten Aristokratinnen. Es ist nicht wahr, 
George Danton, und wird nie wahr werden. Genies 
sind immer von fürstlichem Geblüt. Und darum werden 
Menschen wie du immer unsers-, nie des Volkesgleichen 
sein.“ 
„Kind du, kluges und törichtes Kind. Es geht nicht 
um das. Es geht nicht um Einzelne und nicht um Viele, 
sondern um Jeden und Alle. Jeder Kreatur wohnt der 
Wille zum Licht inne. Und denen, die im Dunkel leben, 
kann dieser Wille verderblich werden. Bei den Einen 
wächst er Zur Sehnsucht, zur hoffnungslosen Liebe, die 
alles anbetet, was hoch und hell und leuchtend scheint; 
bei den Anderen aber wird er zu hämischem Neide und 
mordender Mißgunst, die danach gieren, das Licht, das 
ihnen nicht strahlt und sie nicht wärmt, zu verlöschen. 
Und siehst du, Kind, wo die sehnsüchtige Liebe der 
Einen und der blindwütende Haß der Anderen auf ein 
anderstößt, loht eben der Weltbrand empor. Ihr standet 
im Licht oder ihr besaßet das Licht oder ihr wäret das 
Licht. Weiß ich’s — gleichviel, ihr mußtet vernichtet 
werden für uns, die Liebenden, damit wir dem Lichte 
nachstreben konnten, für sie die Hassenden, damit es 
hell oder dunkel ward für alle — ausnahmslos.“ 
„Es mag so sein, George Danton. Es mag ein Kampf 
sein Aller gegen Alle. 
Und darum ein Kampf, 
der nicht von heute ist 
und nicht von gestern, 
sondern der von Ewigkeit 
zu Ewigkeit sein wird. 
Denn wenn es das gibt, 
was du das Licht nennst 
und die Anderen viel 
leicht Freiheit heißen, 
oder Glück, oder Frieden, 
oder Liebe, so stiehlt ja 
jeder seinem Nächsten 
einen Teil davon, durch 
das, was er selbst für sich 
begehrt. Und darum 
werdet ihr, wenn ihr uns 
alle gemordet habt, an 
fangen müssen, unter 
euch selbst zu morden. 
Und eure Gleichheit wird 
euch ein ebenso starker 
Feind sein, wie es unsere 
Ungleichheit war. Denn 
nun werdet ihr alle ein 
ander das Licht rauben 
und ihr werdet euch um 
so unbarmherziger zer 
fleischen, als euch der 
Vorwand eurer Ver 
brechen fehlt, der große 
Gestus: — im Namen der 
Menschenrechte. Aber es 
muß wohl ein Gesetz 
walten über euch wie uns, 
das seine Absichten voll 
streckt, ohne euch oder uns zu fragen, und dem ihr 
so gut als Werkzeug dient, wie wir. Unser Unter 
gang ist Gesetz, weil jede Vollreife in Fäulnis über 
geht und Fäulnis neues Leben gebiert. Aber darum ist 
auch dieses junge Leben nicht euer Verdienst, nicht 
das des doppelzüngigen Mirabeau, nicht das des groß 
sprecherischen Marat, nicht des verleumderischen 
Schurken Hebert, nicht des kalten Eiferers Robespierre 
und nicht das deine, George Danton. Handlanger des 
Schicksals seid ihr alle und solltet euch schämen, daß 
jeder von euch glaubt, er brauche nur in den Schmink 
topf der lieben Herrgotts zu greifen, um selbst ein 
Weltenschöpfer zu werden.“ 
Wild stöhnte es unter den weißen, kühlen Fingern 
Micheles auf. 
„Lästere nicht, Weib. Und vor allen Dingen, rühre 
nicht an Dinge, an die nicht gerührt werden darf. Kluge 
und geistreiche Frau du, beschwöre alle guten und bösen 
Geister über uns. Nur den Zweifel laß ruhen, verstehst 
du — den Zweifel. Reize seinen Giftzahn nicht. Gesetz 
sagst du? — Du hast Recht. Also vorherbestimmt 
unwiderlegbar, unabänderlich. Was geschah, mußte ge 
schehen. Und der Zufall nur gab die Septemberleute in 
meine Gewalt. Das Gesetz aber führte meine Hand, 
als sie ihren Tod dekretierte. Nicht wahr, so ist es 
doch, so muß es doch Sein? SMußfolgt. 
o,, und träumte auf ihren Knien selige Märdien
        
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