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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 22 
Jahrg. 27 
19 
nicht klar wurde, ob seine Verachtung eigentlich den 
Gerichteten oder den Richtern galt; oder ob er in 
einer Deputierten-Versammlung gegen den fanatischen 
Geiferer St. Just wetterte und man nicht ganz sicher 
war, ob er nicht in und mit St. Just auch alle anderen 
Deputierten verachtete. 
Gemeinderat, Revolutions-Tribunal und Wohlfahrts- 
Ausschuß mochten zittern — Michele de Balincourt 
brauchte keine Furcht zu hegen. Ihre hochmütige 
Schönheit stellte sich dem Manne, der den Tod in den 
Fingerspitzen trug, als eine ebenbürtige Macht ent 
gegen. 
Im verführerischsten Deshabille, auf einer Ottomane 
ausgestreckt, den neuesten Moderoman zur Hand, 
blickte die Gräfin 
Balincourt nur teil 
nahmslos auf, als 
der Bastillenstürmer 
mit lautem Schritt 
ihr Gemach betrat. 
Und nichts verriet 
die lauernde Neu 
gier ihres Blutes. 
Das Gesetz gegen 
die „Verdächtigen“ 
führte täglich neue 
Scharen von Roy 
alisten auf das 
Schaffott. Auch in 
der Wohnung der 
Gräfin Balincourt 
war eine Haus 
suchung angeordnet 
worden und George 
Danton kam nun, 
das Material aus 
den Händen seiner 
Schergen entgegen 
zunehmen. 
Der Frauenkenner 
sah ein schönes 
Weib in einer lust 
bereiten Haltung 
nachlässig auf dem 
Diwan ruhen. Eine 
gebieterische Hand 
bewegung scheuchte 
die Hüter des Ge 
setzes aus der Tür. Und die Männer des Volkes 
schoben sich mit widrigem Lächeln und schamlosen 
Gesten hinaus. Man wußte es ja; der größte Teil des 
Anhangs, den die George Danton und Camille Des- 
moulins hatten, war bei den Dirnenschwärmen zu 
suchen, die hinter ihnen her surrten und die Lüfte 
mit dem Lärm ihrer Lüste erfüllten. Und das wußte 
man auch, daß die großen Demagogen zwar die Aristo 
kraten köpften, aber ihre Weiber nicht verachteten. 
Und auf den Gassen lief manch saftiges Zotchen um 
von den sauberen Liebesfreuden, tzu denen manche 
Herzogin und manche Marquise gezwungen worden, 
ehe der schmale Aristokratenhals durchschnitten ward, 
und der eben noch wider Willen mit Küssen besudelte 
Frauenkopf in den Korb des Menschenfreundes 
Guillotin rollte. Denn was sich die Führer erlaubten, 
warum hätten die Henker und Henkersknechte das 
nicht tun sollen, — waren sie doch alle gleich vor dem 
Gesetz. Der unbekannte Bürger Simon so gut wie der 
namhafte Bürger Mercier oder der berühmte Fahre 
d’Eglantine. — Und so kam es, daß die Damen der 
Halle einander bisweilen mit häßlichem Lachen und 
unflätigen Bemerkungen ein Brüsseler Spitzenhemd 
oder ein anderes zu intimem Gebrauch bestimmtes, 
luftiges und duftiges Kleidungsstück zuwarfen, das 
einer ihrer Männer in einer Stunde brutaler Willkür 
von seinem Opfer errafft und erbeutet hatte. Und die 
Megären des Marktes freuten sich voll inniger Gemein 
heit. Es war schön und befriedigend zu wissen, daß die 
gehaßten Vornehmen noch im Tode gezwungen wurden, 
sich mit dem Volk zu verschmelzen; daß es hochge 
borene, herrschende Frauen gab, deren wohlbehütete, 
verwöhnte Sinne alle Rauheiten und Roheiten des 
Volkes zu schmecken bekamen, ehe eben dieses Volk 
ihnen die Köpfe herunterhieb. Die Weiber selbst hetzten 
ihre Männer auf zu den Freveln an ihrem Geschlecht, 
zu immer neuen, immer ekleren Schandtaten. Denn im 
Weibe, als dem naiven, unverbildeten Teil der Volks 
seele, lebte der unauslöschliche Haß auf die Klasse der 
Besitzenden: dieser inbrünstige Haß, der nichts anderes 
ist, als eine Verkehrung demütiger Liebe und knechti 
scher Unterwürfigkeit, und der eben darum so leicht 
wieder in seine ur 
sprüngliche Form 
umschlägt, sobald 
nur Rutenstreiche 
eines Herrenwillens 
ihn treffen. 
Auch Michele de 
Balincourt war über 
die abscheulichen 
Vorgänge unter 
richtet, die aus 
manchen der leicht 
lebigsten und fri 
volsten F reundinnen 
an der Schwelle 
des Todes Märty 
rerinnen gemacht 
hatten. Und in ihrer 
eigenen Seele lebte 
die Vorstellung des 
Unterganges mit 
einer solchen Ge 
wißheit, daß die 
Schrecken sich mil 
derten durch die 
Schärfe der Kon 
turen, in denen die 
Zukunft gezeichnet 
schien. 
Als George Dan 
ton vor ihr stand, 
in der Einsamkeit 
eines warmen und 
gar traulichen In 
terieurs, ging es einen Augenblick wie der Odem des 
Schicksals durch den Raum. Michele hatte kein Glied 
gerührt, nicht mit einem Wort noch einer Bewegung 
ihren ungebetenen Gast gegrüßt. Nur ihr blaues Auge 
hatte sich weit geöffnet und heftete einen starren Blick 
auf den, der da kam, ihr Leben auszustreichen im 
Namen der — Menschlichkeit. Dieses helle, schöne und 
gütige Leben, das niemandem zu Leide und vielen zur 
Freude gewesen war. 
Michele de Balincourt war soeben einem mit köst 
lichsten Essenzen bereiteten Bade entstiegen. Auf ihrem 
Leibe blühte spinnwebdünner Batist; spanische Kanten 
rahmten den Brustansatz schmeichlerisch ein; die Haare 
waren sorglich frisiert und mit Goldstaub bepudert; das 
ganze zierliche Geschöpf war übergossen von dem wol 
lüstigen Behagen an seiner eigenen Person; jener selt 
samen ungeschlechtlichen Sinnlichkeit, wie sie be 
sonders schönen Frauen zuweilen eigen ist. Michele 
empfand in eben dieser Stunde das Leben so stark, so 
wonnig süß, daß es förmlich die blauen Adern an den 
weißen Armen und Schläfen zu sprengen drohte. 
George Danton, der Wissende, Vestehende, ließ sein 
Auge auf dieser reizvollen Offenbarung des Lebens 
ruhen. Und er, den der asketische Tugendmann Robes- 
pierre einen verderbten Wüstling schalt, besaß viel zu 
viel sensuelle Feinfühligkeit, um nicht die Lust- und 
Lebensschauer, die da über diese gelösten Frauenglieder 
huschten, verständnisvoll zu erfassen. Wie durch einen 
Als der Bastillenstürmer mit lautem Schritt ihr Gemach hetrat
        
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