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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 22 
Jatrg. 27 
immer stolz mit der Kette — seiner Kette — an seinem 
Hause vorbei stolzierte. 
Und Kasimir Broders brütete finster Rache. 
* 
Zwischen Horst Schwalm und Annette hatte sich ein 
richtiges Liebesverhältnis entsponnen, das beide ebenso 
heimlich wie oft an der Grenze zwischen Abend und 
Nacht in der verschwiegenen Laube des Schwalmschen 
Gartens zusammenführte. Was hier an verborgenen 
Dingen geschah, will der Erzähler lieber seinerseits mit 
dem Mantel der Liebe zudecken. Es sei nur noch ver 
raten, daß alle die Zärtlichkeiten, alle die Ahs und Ohs 
und sonstigen Geräusche, wenn sie mit Buchstaben 
überhaupt wiederzugeben gewesen wären, ein ganzes 
Diktionär allein gefüllt haben würden. So viel die alte 
Laubenbank auch erlebt, in ihrem langen Dasein hatte 
sie nie so oft wie jetzt zu seufzen brauchen. 
Und die Kette, die unsere Freundin stets bei ihren 
spätabendlichen Besuchen wie eine Trophäe trug, — sie 
wäre rot geworden vor Scham, wenn sie eine Seele ge 
habt hätte. So aber hing sie wie eine Schlange um den 
Hals ihrer schönen Trägerin. 
Freilich war der Zutritt zu dem Laubenparadiese 
nicht ganz leicht. Annette mußte den Weg über den 
Gartenzaun nehmen, und, weil die Gärten hinter den 
drei nebeneinander liegenden Häusern an ihren Enden 
durch eine hohe Mauer abgeschlossen waren, stets den 
Broders’schen Garten durchqueren. 
Da war denn der immer im Verborgenen lauernde 
Alte bald dahinter gekommen, und Neid hatte seine 
Seele schwefelgelb vergiftet. 
Zuerst hatte er Fußangeln gelegt. Aber Cupido hatte 
Annettes Schritte stets schützend an den Fährnissen 
vorübergeleitet. Als das nichts half, hatte Broders den 
Zaun durch Bretter höher machen lassen. Aber auch 
dieses Hemmnis hatten Anhettes rehschlanke Beine zu 
überwinden gewußt. Und aus dem Dunkel des nach 
barlichen Gartens beunruhigten Geräusche weiter all 
nächtlich den lauschenden Greis. 
Da kam ihm eine teuflische Idee! 
Unterhalb der Bretter in seinem Garten ließ er drei 
fachen Stacheldraht ziehen, und nun legte sich der Alte 
abends beruhigt aufs Ohr. 
So erreichte auch Annette eines Abends ihr Schicksal. 
Eben hatten ihre Beine die Bretter überwunden, und 
mit einem kühnen Sprunge wollte sie in den Garten 
setzen, als sie einen heftigen Ruck an ihrem Körper 
verspürte. Ihre Oberkleider hatten sich in den Stacheln 
des Drahtes verfangen. Auch die Halskette hatte sich 
über den Draht gelegt. Also hing sie zwischen Himmel 
und Erde und konnte nicht rück- und nicht vorwärts. 
Mochte sie strampeln und reißen, sie erreichte nichts 
mehr, als daß sich ihre Oberkleider immer mehr nach 
oben verschoben und ein Gebausch von Spitzen und 
noch manches andere freilegten. Der Draht hielt. Die 
Kette hielt. Nur ihre Unterwäsche hielt nicht. Und, 
je mehr sie zerrte, desto mehr Risse bekam diese. Es 
war ein Anblick für Götter. Sie befand sich wirklich in 
sehr verzweifelter Lage. Zu allem Überfluß begann es 
auch noch zu regnen. Da schrie sie laut und kläglich 
um Hilfe. Aber niemand antwortete ihr. Niemand als 
der Nachtwind, der ihr die Laute vom Munde riß und 
zum Hause ihrer Eltern führte und den Regen auf ihren 
reichlich entblößten Körper peitschte. So mußte sie 
wohl oder übel ihre Hilferufe einstellen. 
Bange Minuten der Scham und ohnmächtiger Wut 
vergingen. 
Endlich ein Türknarren. Ein Lichtschein. Tappende, 
schlürfende Schritte nahten. Unter einem Regenschirm 
erschien die dürre Gestalt Broders’, der, in einen Schlaf 
rock gehüllt, den Kragen hochgeschlagen, ihr nun mit 
einem wahrhaft teuflischen Grinsen ins Gesicht 
leuchtete, und, als er ihre Blöße gewahrte, in tausend 
fach schallendes Gelächter ausbrach. — 
Der Teufel, das konnte dem Alten gefallen! Da sah 
er alles, was sie ihm vorenthalten. 
Kichernd und schmunzelnd stand er vor ihr, rieb sich 
die Hände und badete seinen Rachedurst in ihren 
Qualen. 
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chlagen. 
Annette barst vor Scham und Zorn und zerrte aufs 
icue an ihren Banden. Endlich gab die Kette nach, und 
iie konnte sich befreien. 
Wund an Leib und Seele kroch sie, so schnell sie 
hre zerschundenen Beine tragen wollten, über den 
£aun zurück. Sie mußte noch froh sein, wenn ihre 
Eltern nichts merkten. 
Hinter ihr her aber klang noch lange das belfernde 
Oelächter des alten, erotischen Herrn. 
1. Fortsetzung 
'JL 
fe&e&nacnKs 
Bilder; Linge 
U nd dann trat George Danton in ihr Haus. Der 
Mann, um dessen Haupt schon bei seinen Leb 
zeiten die Legende ihre vielfarbigen Schleier 
wob; der Mann, der bis zu den Knöcheln durch 
Frankreichs edelstes Blut gewatet war; der Schrecken 
der Septembrisierten, der Abgott des Pöbels, der 
Despot der Freiheit, vor dem die untergegangene 
Despotie nicht mehr gezittert hatte, als es die augen 
blickliche Freiheit tat. Der Mann, der das Riesenmaß 
des Körpers wie des Geistes hatte, dessen Atem Ver 
fassungen umblies und Könige von ihren Thronen 
wehte, der Männer verachtete und Weiber entehrte 
und dem sie doch beide zujubelten, selig, von seinen 
Tritten zermalmt, von seiner Faust zerbrochen, von 
seinem Kusse vergiftet zu werden; der Mann, dessen 
heidnische Lasterhaftigkeit den strengen Catonen der 
Revolution in die Augen stach und die gletsrhprb„f+.» 
Tugend des gehässigen Würgers Robespierre gegen Sh 
bewaffnete; dieser Mann trat in das Haus de? Gräfin 
Balincourt, unter deren Freunden und Vprw. n ^ 
als ein übereifriger Schnitter Köpfe gSnäht^f? er 
Blutgerüst unter das Volk geworfen hX -S N V ° m 
der Republik und zu Ehren der Freiheit Der rv .™f n 
rat v°„ P., is cks Revolutions-Tribunal u„'d d.Tw“t 
fahrts-Ausschuß, die drei mörderischsten Körper 
schaften Frankreichs, mochten mit Recht beben vor 
einem Manne, von dem keiner wußte nb ^ t 
den blutigen Ernst ihrer Handhmgen gkuhtT^ “k 
er nicht auch für sie und ihre Tatenim^ V der - ob 
Seele jene Verachtung trug, die in den Win^f 6 se ! ner 
Auges so verräterisch%ufzucken ko nnt e 
er der Blutarbeit der Guillotine beiwohnt; und man’sich 
18
        
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