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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 22 
JaBrg. 27 
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V* i A-, 
„Nun, wer ist der Dümmere?“ zischte Nadja in Iwans 
Ohr. 
Da brüllte der betrogene Betrüger auf wie ein wundes 
Tier, ergriff einen Schemel und schlug auf Sonja ein. 
Die sank lautlos zu Boden und ihr Blut färbte den 
Boden dunkelrot. Sie lag in ihrer Nacktheit da, schön 
wie ein Gemälde, und ihr Gesicht trug den leidenden 
Ausdruck der Mutter Gottes im Kreml. 
Da sank Iwan stöhnend über der Leiche seiner Braut 
zusammen. 
Als Nadja zu ihm trat und sein Haar streicheln wollte, 
um ihn zu trösten, wehrte er müde ab. Sie aber war 
ihres Sieges nunmehr sicher und beugte ihren Kopf mit 
den giftgrün gefärbten Haaren ganz nahe zu Iwan herab. 
Er aber spie ihr ins Gesicht und nannte sie eine 
Dirne. Dann beugte er sich über die schöne, blonde, 
bleiche Sonja ünd weinte bitterlich. 
Auf dem Bett aber gröhlte der Betrunkene: „Nun 
werde ich Nadja eine lange, heiße Nacht lang besitzen.“ 
Da eilte Nadja mit gellem Lachen in die Schank- 
stübe zurück. Dieses Lachen aber klang häßlich und 
sehmerzenswild. 
„Einen Tanz zu Ehren der toten Sonja!“ schrie die 
Tänzerin mit sich überschlagender, schriller Stimme. 
Die Geiger spielten disharmonische, grausige Melodien, 
die wie das Lachen der Hölle klangen. 
Die Männer standen entsetzt und wie gelähmt da. 
Aber Nadja tanzte einen wilden Tanz, so wild und so 
rasend, daß die Schnapsgläser von den Tischen fielen. 
Das Kleid riß sich die tolle Tänzerin ab und das Hemd 
riß sie sich vom Leibe. Sie tanzte und tanzte immer 
wilder und wilder, einen Tanz der Verzweiflung, der un 
gestillten Lust und der wahnwitzigsten Enttäuschung. 
Sie hörte nicht auf, sie tanzte eine Viertelstunde, eine 
halbe Stunde, immer toller und toller. Ihre Augen 
weiteten sich, der süße, schlanke, schöne Leib bebte 
und zitterte und Blut spritzte aus ihrem Munde. Auf 
einmal fiel die tolle Nadja schwer auf den Boden. 
An ihrer Leiche standen die Männer ohne Begehren 
und schüttelten wie abwesend die bärtigen Häupter. 
Sie konnten nicht verstehen, wie das schönste Weib, 
das die heiße Sehnsucht von ihnen allen gewesen war, 
nun nicht mehr da war. 
Nadjas gebrochene Augen stierten zur Decke und 
ihr grünes, kurzgeschnittenes Haar leuchtete wie kleine, 
züngelnde Flammen. 
Iwan kam mit schweren Schritten in die stille Gast 
stube. Er schob die regungslosen Männer zur Seite und 
schien nicht überrascht, als er Nadja leblos auf dem 
Boden liegen sah. 
Er beugte sich langsam zu ihr herab, seufzte schwer 
auf und drückte der schönen Tänzerin stumm und 
starr die Augen zu. 
Von diesem Abend ab mieden alle Männer scheu und 
ängstlich den stummen, finsteren Iwan Iwanowitsch, 
der einsam ward und gebückt durch die nächtlichen 
Straßen der kleinen Stadt in Weißrußland lief, wenn 
er sich etwas Mehl und Fleisch für seinen Lebens 
unterhalt kaufen ging. 
In keiner Schenke aber ist der bleiche Mann gesehen 
worden. 
enus herrschte über die Erd 
scheibe, und die Nacktheit glühte 
als Isisstern von Ägypten bis 
Israel, Syrien bis Lydien, Medien 
bis Bithynien. 
Rings um die heiligen Tempel 
Melittas zu Babylon saßen die 
Jungfrauen Syriens, ihre strah 
lende Nacktheit gegürtet mit 
Schnüren aus Bast, und zwischen den weißen Reihen 
ihrer Körper wandelten die Fremdlinge, die Eine zu 
suchen 
Und sie wählen und eilen in die Schatten der heiligen 
Bäume, die Schamgürtel im Feuer der Liebe zu zer 
reißen und ein wollüstiges Opfer zu bringen, auf daß 
sie der Göttin der Fruchtbarkeit angenehm seien. 
Und so in den Töchterhütten zu Karthago, so zu 
Babylon, wo dem strahlenden Adonis zu Ehren, 
zwischen Sonnen-Auf- und -Niedergang, Kraft und 
Schönheit erhabene Orgien feierten, so zu Zela und 
Comanes, wo die Jungfrauen im Schweiße der Wollust 
ihr Heiratsgut erwarben, so zu Susa und Ekbatana bis 
zu den Amazonen, da die gattenberaubte Venus sich 
an heißen Schwesterkörpern schadlos hielt. 
Ägyptens schönste Pyramide hat Rhodopis erbaut 
von dem Golde, das ihr Schoß erworben unter dem 
Schutze Astartes. 
So herrschte Venus, wo Menschen lebten, und nie, 
war die Liebe göttlicher als zu jenen Zeiten der mensch 
lichen Reife. 
Und schon strahlte Isis über Kypern, der Tempel 
des Kinyras wuchs zu Paphos empor, und die Meerent 
sprossene brauchte sich wahrlich nicht des Heiligtums 
zu schämen, wo Cypris, eines Königs Beischläferin, 
ihren Schoß zwanzigmal des Nachts den Fremdlingen 
geöffnet. 
Keuscheit jedoch herrschte zu Amathunt, der herr 
lichsten Stadt am weißen Strande des Mittelmeeres. 
Allabendlich ergingen sich daselbst die Jungfrauen und 
Matronen der Kühlung, wenn die Sonne zum letzten 
Male ihre roten Küsse über die Klippen sandte. 
Die Jungfrauen von Amathunt boten kaum den blen 
denden Hals dem Abendtau; ihre Glieder lagen in 
feinen Geweben auf Byssos, und ihr Haar war in 
welligen Knoten über dem Nacken geschürzt. 
Denn keines Sterblichen Auge durfte die Reize der 
Jungfrauen bewundern außer der, welcher den Weg 
zu dem starren Herzen der Schönen gefunden. 
Und einstmals, in einer strahlenden Nacht, kam 
Venus über das Meer. 
Auf einer Welle purpurroten Schaumes trieb sie an 
das Ufer von Amathunt, schwebte aus den Wogen, ihr 
nasses Goldhaar mit den zierlichen Händen windend, 
daß sich der Strand mit tausend weißen Perlen füllte,’ 
und schritt über den Kies in lächelnder Nacktheit. 
Rings am Gestade aber standen in ihren weißen Ge 
wändern die Jungfrauen von Amathunt und starrten 
auf die Göttin, welche ihre Glieder dem Abendwinde 
zum Kusse bot und deren Nacktheit blühender war als 
ihre Lippen. 
Und sie standen still und sahen und lachten. 
Die Jungfrauen von Amathunt lachten über die 
nackte Göttin, die gekommen war, ihnen die Liebe zu 
lehren. 
Gäbe es einen größeren Frevel, als über die Nackt 
heit zu spotten? 
Damals wohl nicht, denn die Strafe war furchtbar.
        
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