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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 22 
adja war ein schlankes, Junges Weib, 
leidenschaftlich, mit den glühenden 
Augen der Weißrussin und dem 
wilden Temperament der Frauen, 
deren Leben jenseits der bürgerlichen 
Geruhsamkeit liegt und voller Lust 
und voller Elend ist. Ihr Freund, Iwan 
Iwanowitsch, nannte sie seine Göttin 
und küßte in wilden Stunden den 
weißen Leib, der ihn wieder und immer wieder rasend 
machte. 
Nadja hatte ihr Haar giftgrün gefärbt und trug es 
kurz geschnitten. Sie war ein Kind der heißen, luster 
füllten Nachte und das Sonnenlicht tat ihren Augen 
weh. 
Iwan Iwanowitsch hatte eine Freundin, die er einmal 
zu heiraten beabsichtigte. Sie hieß Sonja und war ein 
blasses, blondes Mädchen, scheu und still. Sie lächelte 
unter Tränen, wenn der wilde Iwan ihren Rücken blutig 
schlug, um sie dann taumelnd und in toller Raserei zu 
küssen, bis sie die Besinnung verlor. 
Sonja wußte von Nadja und Nadja wußte von Sonja. 
Beide Mädchen liebten Iwan um seiner Wildheit willen, 
und beide Mädchen haßten sich, wie nur zwei Frauen 
hassen können, die denselben Mann lieben. Sonja hatte 
Sehnsucht nach Iwan, weil sie in ihm den Herrn ihrer 
Seele und ihres Leibes sah, den sie seit ihren jungen 
Jahren sich so brennend heiß gewünscht hatte. Iwan 
würde sie heiraten und ihr Glück wäre ein vollständiges 
gewesen, wenn Nadja nicht auch Iwans Liebe besessen 
hätte. 
Nadja liebte Iwan, weil seine Kraft und seine ur 
wüchsige Leidenschaft ihr gefiel, die sich ihren Launen 
sklavisch unterordnete. Plätte sie nicht fürchten müssen, 
daß ihre Nebenbuhlerin ihr einmal den Geliebten rauben 
könnte, so hätte ihr Triumph über Iwan und ihr leiden 
schaftlicher Stolz, den schönsten Burschen der kleinen 
Stadt zum willenlosen Geliebten zu haben, keine 
Grenzen gekannt. 
Die tolle Nadja tanzte allnächtlich vor Knechten 
und Bauern in einer verräucherten, kleinen Schenke 
schamlose Tänze. Sie tanzte wild und rasend, 
schleuderte ihren weißen Leib in eckigen und dann 
wieder in schmeichelnden Bewegungen hin und her. Die 
geilen Schreie der rohen Männer weckten in ihr 
hunderttausend Lüste, und wirbelnder und aufreizender 
noch tanzte sie in immer wilderen Sprüngen, bis rohe 
Fäuste nach ihr griffen und betrunkene Männer ihr 
nachtaumelten und sie mit gellem Hohnlachen der 
Schankstube entfloh. 
Eines Abends war ein baumlanger, starker Bursche 
während des Tanzes vor ihr in die Knie gesunken 
und hatte sie mit seinen gutmütigen, aber jetzt be 
gehrenden Augen um eine einzige Stunde der Liebe ge 
bettelt. Wladimir roch nach billigem Schnaps und 
schlechtem Tabak. 
Nadja lachte ihn aus und stieß den Knienden mit 
einem Fußtritt beiseite. Da blitzte ein Gedanke in ihr 
auf, als sie dachte, daß der Betrunkene gut genug für 
Sonja wäre. Sie hob den Burschen auf und führte ihn 
fwem Tisch. Sie küßte seinen nassen Mund und 
streichelte sein Flaar. Dann sagte sie: 
,.”J e ^ en Abend um neun Uhr kommt ein blondes 
Mädchen in ein Flinterstübchen dieser Schenke. 
Sie wird dir gefallen. Ich werde dich zu ihr führen. 
VV enn du mir ein Zeichen bringst, daß sie dir angehört 
hat, bin ich eine Nacht dein.“ 
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„Sie wird mich nicht wollen“, meinte Wladimir. 
Da lachte Nadja gell auf: „Bist du ein Russe, Wladi 
mir? Du hast vor einem Weibe Angst, wenn ich als 
Preis gelte?“ 
„Wo ist sie?“ keuchte der Betrunkene. 
Aber Nadja reichte ihm mit kokettem Lächeln noch 
viele Schnäpse und setzte sich auf Wladimirs Schoß. 
Sie ließ es zu, daß seine zitternden Flände sie betasteten 
und führte ihn in ein Hinterzimmer, als es neun Uhr 
schlug. 
In einer dunklen Ecke wartete sie, bis Sonja kam 
und leise in das Zimmer gehuscht war. Da warf Nadja 
lachend die Tür ins Schloß und nahm den Schlüssel 
an sich. 
Sie hörte im Zimmer Sonja aufschreien und mit 
einem Manne verzweifelt ringen. 
Im Gastzimmer saß Iwan und als er sie herein 
kommen sah, lächelte er dumm und glücklich. 
„Einen Tanz zu Ehren Iwan Iwanowitschs“, rief 
Nadja ausgelassen. Die Geiger spielten einen rasenden 
Mazurka und Nadja tanzte einen Tanz, der wilder 
und schöner und herausfordernder war, als alle bis 
herigen. Sie tanzte einen Tanz des Triumphs, der Lust 
und der Rache. Iwan war so begeistert, daß er Sonja 
vergaß und nur nach Nadja sah und an Nadja dachte. 
Nach dem Tanz fragte die Tänzerin den überglück 
lichen Iwan, der alle anderen Männer von oben herab 
angesehen hatte, höhnisch: 
„Was macht dein Bräutchen, Iwan Iwanowitsch? 
Pfui, du bist ihr untreu, Abend um Abend, Nacht für 
Nacht!“ 
„Laß mich mit Sonja zufrieden, mein Täubchen“, 
lallte Iwan. 
„Recht hast du!“ schrie Nadja wie toll auf, „recht 
hast du, Iwan Iwanowitsch. Dein Bräutchen ist nicht 
besser, als du.“ 
Und sie lachte gellend auf und alle Männer gröhlten 
laut mit und sahen jetzt Iwan von oben herab an. 
Iwan aber war bleich geworden und blickte die 
lachende Nadja mit stieren Augen an. 
Dann brüllte er auf und schrie: „Du lügst! Sonja wird 
mein Weib und ist mir treu.“ 
Da lachte Nadja noch toller und rief: „Zehn Meter 
von hier betrügt sie dich um dieselbe Stunde. Sie ist 
nicht so dumm wie du und vergilt Gleiches mit 
Gleichem.“ 
Da lachten die anderen Männer noch lauter auf und 
tranken einen Schnaps zu Ehren des Bräutigams Iwan 
Iwanowitsch. 
Der aber war aufgesprungen und umspannte mit 
zitternd zusammengekrampften Händen Nadjas 
schlanken Hals. 
„Du lügst, Dirne! Sonja ist nicht so eine, wie du!“ 
Da schlug ihm Nadja mit der geballten Faust ins 
Gesicht und rief: „Laß mich los, ich will dir dein Bräut 
chen zeigen!“ Sie führte den Wankenden zu dem 
Hinterzimmer und schloß auf. 
Iwan sah Sonja nackt in einer Ecke hocken. Der 
Mond schien auf ihre junge, weiße Brust und ihre 
schmalen Schultern; sie sah wunderschön aus. Wie eine 
gemeißelte Figur hockte sie regungslos in der Ecke. 
Auf dem Bette aber lag der Betrunkene Wladimir 
und lallte in einem fort: „Ich habe sie geliebt, ich habe 
sie geliebt.“ 
Als Sonja ihren Geliebten sah, schrie sie leise auf. 
„Vergieb mir, geliebter Iwan“, schluchzte sie und kam 
auf ihren Verlobten mit flehend erhobenen Armen zu 
geeilt.
        
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