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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr. 22 
Jahrg. 27 
„Heute Nacht.“ 
„Und “ 
„Der Lohn? Du kannst seine Stelle einnehmen. Geh, 
rufe mir den Obersten der Garde, laß niemanden ein- 
treten.“ 
Der Oberst kam, ein in Kriegen ergrauter Soldat, und 
verneigte sich tief vor der Buhlerin des Casars. 
Sie lag nackt auf ihrem Lager und hieß ihn ganz nahe 
treten, daß er ihren Körper atmen konnte. 
„Höre“, sagte sie. „Erinnerst du dich, wie der Kaiser 
den alten Julian, deinen Vorgänger, von seinen Fischen 
fressen ließ?“ 
„Ja“, entgegnete mit zusammengepreßten Lippen der 
Krieger. „Ich entsinne mich.“ 
„Willst du sein Schicksal teilen?“ 
„Ich?“ Der Oberst griff zum Schwert. Dann lächelte 
er. 
„Ich bin meiner Soldaten sicher, Herrin!“ 
„Und der Princeps?“ 
„Ist in meiner Hand!“ 
„Und wenn er nun doch die Absicht hätte, dich töten 
zu lassen?“ 
„Wie?“ 
„Durch Meuchelmord. Ich habe es gehört.“ 
„Dann werde ich mich vorsehen“, entgegnete lang 
sam der Oberst. 
„Vorsehen?“ lachte Marcia. „Vorsehen willst du dich 
gegen die höllischen Geister der Nacht, die aus dem 
Boden wachsen? Gegen die Gifte, welche in deinen 
Speisen glühen? Gegen das Unglück, welches von ge 
schickter Hand herbeigeführt wird? Handle Kriegs 
mann!“ 
Der Alte sah sie an und lächelte. 
„Heliogabalus möchte Kaiser werden“, sagte er 
leise. 
„Es sei. Heute Nacht noch.“ 
n 
In den Polstern des kaiserlichen Schlafgemaches 
wälzte sich Commodus in den Armen seiner Geliebten. 
„Du bist ein Schaf!“ zischte er, „nicht imstande, auch 
nur einen Nerv zum Zittern zu bringen. Ich werde dich 
doch noch ersäufen lassen.“ 
Und er küßte ihre Schenkel. 
Da traf ihn ein sicherer Dolchstoß in den Rücken. 
„Hilfe!“ wollte der Kaiser schreien, aber Marcia er 
stickte das Wort in den duftdurchtränkten Kissen. 
In den Straßen klirrten die Waffen. Die Garde rief 
Heliogabalus zum Kaiser aus. 
Auf dem zuckenden Leibe des Princeps aber zahlte 
Marcia dem Sklaven den Lohn für ihre Freiheit. 
EHE, 
ESEL UND DRACHEN 
ERICH WALTHER UNOER 
D as Problem der Treue“, sagte Vetter Gaston zu 
der reizenden Antoinette, „ist bei mir zu Haus 
Tagesordnung. Die Meine hat eine seltsame Auf 
fassung. Ich sage zu ihr etwa: „Du machst der Natur 
Vorwürfe. Der Mensch hat keinen freien Willen.“ Und 
ich erzähle ihr die Geschichte von Buridans Esel. . .“ 
„Au!“ lächelte Antoinette. 
„Ja, siehst du“, sage ich, „das also ist der springende 
Punkt, der Floh des Lebens: Wenn ein Mann zwischen 
zwei Frauen steht “ 
„Er hat nicht zwischen zwei Frauen zu stehen!“ 
schreit die Meine. 
„Du hast recht“, erwidere ich, „er wird stets zwischen 
mehreren schwanken. Aber nimm einmal an, er stehe 
zwischen zweien, die gleich reizend sind, — was wird 
geschehen?“ 
„Er wird zu keiner kommen — nach deiner Ge 
schichte.“ 
Und ich lache: „Wenn er ein Esel ist, richtig. Wenn 
er aber kein Esel ist, — nun? Du wirst nicht 
wollen, daß dein Mann ein Esel ist, nicht wahr? Ziehe 
also die Konsequenzen!“ 
„Du bist ein Monsieur Übermut!“ drohte Antoinette. 
„Ach nein!“ erklärte Vetter Gaston, „das scheint 
bloß so. Ich bin ganz am Ende. Denke ich doch daran, 
mich demnächst in der Ahnengalerie aufzuhängen. Und 
das tut man nur in der Furcht vor dem Ausfall letzter 
Haare. Ich bin mir freilich noch nicht klar, welche Pose 
ich wählen werde. Euer Karel Pieter hat sich und 
noch einen Affen porträtieren lassen, — ich habe nicht 
übel Lust, etwas ähnliches zu arrangieren. Wie denkst 
du darüber, Antoinette? 
„Ja, was für ein Tier könnte denn zu dir passen?“ 
rätselte sie. „Ein Kauz vielleicht? 
„Weil ich auch einer bin, meinst du, — danke! Nein. 
Ich lasse mich mit einem Drachen in den Rahmen 
spannen.“ 
„Mit einem Drachen? Das ist ja fabelhaft. Wie 
kommst du zu einem Drachen? 
„Ich bin verheiratet, meine Liebe. Und 
Madame will durchaus, daß ich mich mit 
ihr malen lasse 
ABC 
(DER LE B E N S S F I E G E L) 
wird jeder schönen Leserin und jedem Herrn gefallen. Wb ««llte hole man 
aut schnellstem Wege das Versäumte nach. ABC verscheucht Langeweile und Melancholie.
        
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