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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 22 
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ROBERT rtEYMANN 
M it einer Gebärde der Faulheit stieg der Cäsar 
von seinem Ruhebette, um sich ins Bad zu 
begeben. 
Sein fetter Körper war mit tausend 
Runzeln bedeckt, und die von übermäßigem Weinge 
nuß geröteten und triefenden Augen verschwanden fast 
in dem schwammigen Gesichte. 
Als Commodus die Vorhänge zurückschlug, welche 
das Bad von dem Schlafgemache trennten, blickte er 
nach dem Lager zurück. 
Ein hämisches Lächeln entfloh den vollen Lippen. 
„Du hast noch vieles in der Liebe zu lernen, bis du 
genußfähig bist“, sprach er langsam. „Aber du bist 
störrisch. Was meinst du, wenn ich dich jetzt zum Ver 
gnügen ersäufen ließe? Denkst du nicht auch, daß es 
sich herrlich ausnehmen müßte, wenn du so im Wasser 
herumzappeltest, während die Fische bereits dein 
saftiges Fleisch fräßen?“ 
Aus den zerwühlten Polstern richtete sich langsam 
ein junges Weib auf. 
„Gewiß, mein hoher Herr“, lächelte sie, während ihre 
Lippen sich langsam verfärbten. „Es müßte ein Ver 
gnügen für Euch sein, dem Schauspiel beizuwohnen. 
Aber denkt Ihr nicht, daß ich als gelehrige Schülerin 
im Stande sein werde, Euch noch viel süßere Ver 
gnügungen zu bereiten?“ 
Der Kaiser gab keine Antwort, denn er war bereits 
hinter den Vorhängen verschwunden und hatte die 
letzten Worte des Weibes wohl kaum mehr vernommen. 
Gleichwohl lächelte dasselbe noch immer, die Augen 
krampfhaft nach der Türe gerichtet. 
Denn wer bürgte ihr, daß Commodus nicht durch 
eines der Löcher in der Wand ihr Mienenspiel beob 
achtete, um sie beim geringsten Verdachte durch seine 
Eunuchen in den Kerker schleppen zu lassen? 
Wer wußte, wie eben seine Laune war? Vielleicht 
langweilte er sich, während ihm die Sklaven den Leib 
striegelten, und machte seinen Scherz zur grausigen 
Wahrheit. 
Erst als einige Minuten verflossen waren, ließ Marcia 
ihren Leib langsam in die Kissen zurücksinken. 
Sie war schön. 
Kaum achtzehn, war ihr Leib noch nicht durch die 
wüste Kunst der römischen Sittenlosigkeit zur Reife 
gebracht, wie sonst bei den Mädchen ihres Alters. Die 
Linien ihrer Lenden hatten noch etwas herbes in der 
Kontur, und die Rundung der Brüste war ohne jede 
Falte. 
Sie war wie jene Blumen, welche die Legionen von 
ihren Beutezügen aus Asien mit nach Rom gebracht. 
Denn auch ihre Wiege hatte im fernen Orient ge 
standen, von wo man sie in den Harem der Dreihundert 
des Cäsars verkaufte. 
Der Übersättigte empfand für sie mehr, als für die 
anderen. Sie hatte er auserlesen, seine ermatteten 
Nerven aufzupeitschen. An der tierischen Brunst der 
andern ward seine Kraft zunichte. Ihr lehrte er alle 
Künste, welche die Wollust und Entartung erfunden. 
Aber ihr unschuldiges Verlangen begriff langsam. Als 
sie endlich sich bewußt ward, was aus ihr geworden, da 
war ihr Herz mit einem schrecklichen Ekel erfüllt. Sie 
war des Cäsars Favoritin geworden und hatte einen 
Geliebten zu finden gemeint. Und des Cäsars Favoritin 
war noch schlimmer daran, als das schlechteste Werk 
zeug der Wollust. 
Auf ihrem Ruhelager lagen taubedeckte Rosen. 
Lächelnd nahm sie den Kranz in die Hand und küßte 
die blühenden Perlen aus den Kelchen. 
Vor der Türe stieß die Wache heftig die Lanze zu 
B °Das Mädchen erschrak und starrte lange unbeweglich 
auf den Ausgang. 
Es war so stille ringsum. Kein Laut — nur von unten 
das Lärmen des Volkes, welches aber hier bereits, 
durch hundert Teppiche gedampft, sich nur wie 
schwaches Murmeln anhörte. , 
Leise schob Marcia die Vorhänge auseinander. Vor 
ihr stand Narzissus, der Sklave, welcher die Wache vor 
ihrer Türe hatte, sich tief und ehrerbietig vor ihr ver- 
ne r s d ah ihn lange durchdringend an, während ein selt 
sames Lächeln ihre Lippen umspie e. 
Wird dir die Zeit nicht lang, Narcissus? fragte sie, 
wie zufällig mit dem untersten Saume ihres Mantels 
spielend, daß ihr Bein sich in seiner ganzen Grazie dem 
Blicke des Soldaten darbot. . , . . T u 
Die Zeit wird mir nicht lang, wenn ich dem Leben 
bewache“, antwortete errötend der Jüngling. 
Wirklich’“ lächelte Marcia, eine Rose in die 
Höhlung ihres Busens steckend. „Ist dir mein Leben 
teuer?“ 
6 Das Auge des Narcissus blitzte auf. 
Dein Leben? Teuerer als das des Lasars! 
Scheu sah sich das Mädchen um. 
„Wirklich?“ flüsterte sie, ihn mit herabgezogenen 
^J^^errin^Ich verstehe mich nicht auf die Lüge!“ 
„Du liebst mich also, Sklave? 
Ob ich dich liebe?“ versetzte der Soldat, vor sich 
niederstarrend. 
Ja!“ 
”y nc j würdest du um deiner Liebe willen mir 
dienen wollen? __ 
Ich? Ich ziehe für dich gegen des Hades, wenn du 
es wünschest.“ . ,. , .... „„ 
Gut Ich kann also auf dich zahlen. 
Das Auge des Jünglings verfinsterte sich. Er ant 
wortete nicht. 
Da begann Marcia zu sprechen, wirr, wie im Fieber 
der Verzweiflung, unaufhaltsam, von Tränen unter 
brochen. Sie sprach zu ihm von ihrer Jugend, von dem 
Cäsar, der nur mehr eine Bestie sei, von ihrer Sehn 
sucht, von der Freiheit des Volkes und seiner eigenen, 
von dem fetten Bauche Commodus und ihrem Reich 
tum und ihrer Nacktheit, ihrer blühenden, weichen 
Nacktheit. 
„Ist dir die nicht das Leben eines Hundes wert?“ 
Es entstand eine Pause. 
„Und wann?“ entgegnete endlich finster Narcissus.
        
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