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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 21 
Jihrg. 27 
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vrCTOR HELLING 
chade! So etwas war nun Lehrerin. 
Dieses Mädchen, das sich vor keiner 
klassischen Göttin zu verstecken 
brauchte! Das ganz so aussah, wie Hilrs- 
pfarrer Floristan aus Leitmeritz a. d. Elbe 
sich die Königstochter Kalypso oder^gar 
die schöne Helena vorstellte, die noch 
den zahnlosesten Greisen der heiligen 
Ilion den Kopf verdreht hatte! Der göttliche Rhapsode 
Homer, der diese schönen Frauen durch seine Gesänge 
huschen ließ, bildete nämlich Hilfspfarrer Floristans 
Lieblingslektüre — von geistlichen Liederbüchern 
selbstredend abgesehen. Außerdem fuhr er . " 
morgendlich mit dem schönen Kinde vom sächsischen 
Bodenbach dritter Klasse ins Römische hinein. Seit 
Wochen. Da hatte er Muße gehabt, seine klassischen 
Vergleiche auszuspinnen. ^ 
Er fuhr stets mit ihr im selben Abteil. Sie hieß Anita 
Geiger. Bei der Paßvisitierung hatte sich das herausge 
stellt. Und war, wie gesagt, Lehrerin an einer deutschen 
Privatschule in einem tschechoslowakischen Ort unweit 
Leitmeritz. Mehr wußte Hilfspfarrer Floristan nicht. 
Eine knappe halbe Stunde fuhren Sie täglich zusammen 
vom Sächsischen ins Tschechoslowakische. Eine halbe 
Stunde der Augenlust und Versuchung für den zur 
ewigen Ehelosigkeit verdammten jungen Priester. Un 
sichtbar zwischen beiden saß der Teufel der Versuchung 
— aber hart an Bruder Floristan herangerückt. Die 
Lehrerin schien nicht von ihm beklemmt zu werden. 
Die war ganz neugeborene Unschuld. 
Der Zollbeamte, Herr Schubra aus Bodenbach, war 
gleichfalls in sie verliebt. Ein Blinder mußte das sehen. 
Jeden Morgen riß er artig vor ihr die Kupeetür auf 
was gar nicht seines Amtes war, und machte eine 
kleine Bemerkung über das Wetter, die, wie Hufs 
pfarrer Floristan dachte, höchst überflüssig war. r rau 
lein Anita dankte einsilbig und errötend, wie das einem 
Unschuldsengel eignet und gebühret. Sobald der Zöllner 
die Tür zuschlagen wollte, schlüpfte stets noch ge 
schwind der Pfarrer ins Abteil. Josef Schubra hätte 
ihn, obwohl er nicht blutdürstig war, jedesmal kalt 
lächelnd von hinten erdolchen mögen. Denn dieser auf 
dringliche Pfaffe genoß ja das Glück, mit Fräulein 
Geiger fahren zu dürfen. Bruder Floristan hinwieder 
grollte dem Schicksal, daß dieser Zollbeamte der freie 
Herr seiner Wahl war. So waren sie beide eifersüchtig 
aufeinander. Jeder traute dem anderen die Schlechtig 
keit zu, daß er ihm bei Fräulein Anita den Rang ablief. 
Wenn Blicke hätten töten können, so wäre jeden 
Morgen sowohl der Hilfspfarrer, der Fräulein Geiger 
gegenüber Platz nahm, eine Leiche gewesen, wie auch 
Herr Schubra, der seinen unternehmungslustigen 
Schnurrbart jeden Morgen kecker aufwärts wichste. 
Das ging Wochen so. Dann erschien Flerr Oberzoll 
rat Ruppel auf der Bildfläche. Dieser Mann schien 
für die Schönheit dieser Welt blind zu sein. 
„Ich habe da“, sagte er zu Joseph Schubra, der gerade 
hinter Fräulein Anita und ihrem unausstehlichen Reise 
begleiter die Kupeetür zugeworfen hatte, „einen ano 
nymen Brief bekommen. Achten Sie auf das ^Weibsbild, 
aber verbrennen Sie sich nicht die Finger!“ 
„Wie soll ich das verstehen?“ stotterte Herr Schubra. 
„Dienstlich“, sagte der Oberzollrat. „Hier geht etwas 
vor.“ 
„Mit — dem Pfaffen?“ fragte der Assistent schnell. 
„Er war mir schon immer verdächtig. Ein Wolf im 
Schafspelz?“ 
»Jch rede von keinem Pfaffen.“ 
Er drängelt sich doch tagtäglich zu ihr ins Kupee.“ 
„So, so? Und weiter ist Ihnen nichts aufgefallen?“ 
„Ich dächte, das genügte.“ 
„Nein, das genügt nicht. Im übrigen werde ich morgen 
früh mit dem Hilfspfarrer reden.“ 
Joseph Schubra stand wie versteinert. Er verstand 
nichts mehr. Was hatte der hohe Vorgesetzte gesagt? 
Er sollte sich nicht die Finger verbrennen? Er, dem 
schön das Herz lichterloh brannte? Und eine anonyme 
Anzeige? Und ihm sollte etwas aufgefallen sein? Etwas 
anderes, als daß Fräulein Geiger bildhübsch war? Und 
der Pfaffe sollte seine Hände nicht im Spiel haben? 
Was denn sonst noch? Und dienstlich lag etwas vor? 
Eine verworfene Kreatur hatte es fertig gebracht, Fräu 
lein Anita anzuschwärzen? Das war der Gipfel! 
Herr loseph Schubra hatte eine schlaflose Nacht. Er 
teilte hierin das Los mit Hilfspfarrer Floristan. Der 
hatte neuerdings auch schlaflose Nächte. Der böse 
Teufel der Versuchung begnügte sich nicht mehr damit, 
im Abteil nahe an ihn heranzurücken — er setzte sich, 
frech wie solche Geister sind, bereits neben das Feld 
bett, in dem Bruder Floristan nachts seinen asketischen 
Leib ausstreckte. 
Am nächsten Morgen, als er gerade den Karten 
schalter auf dem Bahnhof Bodenbach verließ, eilig be 
müht, noch rechtzeitig das Kupee Fräulein Anitas zu 
erreichen, sah er sich vom Oberzollrat Ruppel ange 
sprochen. 
„Einen Augenblick, Ehrwürden! Ich höre, Sie hatten 
öfters Gelegenheit, die angebliche Lehrerin Anita 
Geiger zu beobachten. Ist Ihnen nichts aufgefallen?“ 
„Mir? An der —- Lehrerin?“ Dem Hilfspfarrer wollte 
der Atem stocken. 
„Ein anonymer Briefschreiber —“, sagte der Zollrat. 
„Unerhört! Welch ein Frevel!“ brauste der Pfarrer 
los. Er lief blaurot im Gesicht an. 
„Die Person soll äußerst raffiniert sein. Eine 
Schmugglerin großen Stils.“ 
„Verleumdung!“ stieß Bruder Floristan hervor. „Ich 
lege für ihre Unschuld meine Hand ins Feuer!“ 
„Lieber nicht! Also auch Ihnen ist — hm — während 
der Fahrt nie etwas Vedächtiges aufgefallen?“ 
„Eine junge, tugendhafte Lehrerin und schmuggeln! 
Eher geht die Weltgeschichte in Trümmer. Und dann . . 
hm . . . dieses sylphenhafte Geschöpf! So gertenschlank 
und von unbeschreiblicher Zartheit. Kein Gepäck zur 
Hand, außer ihrer Unterrichtsmappe mit den Lehr 
büchern! Nein, bester Herr Oberzollrat, an diesem 
achtenswerten Wesen prallt jeder böse Verdacht ab. 
Das anonyme Schreiben richtet sich von selbst. Darf 
ich es sehen?“ 
Der Oberzoilrat kratzte sich den Stoppelbart. 
„Morgen. Ich denke, es ist besser so. Ich möchte Ehr 
würden in keine Verlegenheit bringen.“ 
„Das verstehe ich nun wieder nicht. Ich könnte das 
Terrain vorsichtig abtasten. Allerdings darf ich Ihnen 
schon jetzt sagen, daß an Fräulein Geiger kein Fehl 
zu finden sein wird.“ 
Der boshafte Ruppel schmunzelte. „Auch Seelen 
hirten können irren“, sagte er. „Und vor allem — Sie 
dürfen der Geiger keinen Wink geben, nicht wahr? 
Steigen Sie gleich hier ein . . . . “ 
„Erste Klasse? Das ist nicht mein Platz “ 
„Eilen Sie! Der Zug geht ab!“ 
Der Oberzollrat winkte hinterher. An diesem Morgen 
fuhr Fräulein Anita allein in ihrem Abteil. Und auch 
Joseph Schubra hate sie heute nicht begrüßt. Das hätte
        
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