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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Schlaf wohl, mein Lieblingi 
Wellmann 
ihn -wie Dolchspitzen durchdrangen — „was bist du besser als 
ichl Treibst dich mit Dämchen umher —“ 
„Was ist’n dabei?“ fiel er verdutzt ein. 
„Dagegen würde ich ja auch nichts sagen“, fuhr sie unbeirrt 
fort, „aber daß du meine Freundinnen verführst und sogar 
Karla auf Abwege gebracht hast, das ist entschieden ver 
kommen.“ 
Er war etwas geknickt. Daß sie auch das wußte, war 
furchtbar fatal. Karlas Mann, der ahnungslose, der ihm das 
von Annemaries Untreue gesteckt hatte, war ein heißblütiger 
Hüne —• es durchschauerte ihn ahnungsvoll. Und zu alledem 
hatte der noch Boxunterricht genommen und sogar schon 
einen Professionalboxer knockout gemacht. 
Sie stand auf — stolz und kühl sah sie ihn an. 
„Annemarie, du bist falsch unterrichtet“, sagte er, sich 
künstlich entrüstend. 
„Ich habe gleichfalls Beweise, Schatz; Briefe von ihr, die 
an dich gerichtet sind, du bist eben unvorsichtig gewesen, 
mein Lieber. Und Karla ist unmodern. Man schreibt heutzu 
tage keine Briefe, wo man das Telephon hat.“ Sie nahm zwei 
Briefe aus einem Fach ihres Toilottentischchens und hielt sie 
ihm unter die Nase. 
Nun wurde er doch betreten; er suchte sich zu fassen. 
„Aber, warum hast du dich nur mit Henri ..." Er fuhr 
wieder auf. „Diesen häßlichen, spindeldürren Trauerkloß mir 
vorzuziehen!“ 
Sie hob leicht die Achseln und sah ihn überlegen an, dann 
sagte sie nachdenklich: 
„Darüber wollen wir nicht streiten. Er hat seine Vorzüge, 
glaube mir.“ 
Es entstand eine unheilvolle Pause, denn beide fühlten, daß 
etwas geschehen müsse. 
Die Angst vor Karlas Mann, dem Boxer, hatte Peters Zorn 
niedergedrückt. Er begann zu überlegen. Das beste wäre 
Scheidung. Natürlich saubere Scheidung, ohne großes Auf 
sehen. Kurz entschlossen ging er auf das Ziel los, „Du wirst 
einsehen“, begann er. 
„Ich sehe gar nichts ein“, warf sie dazwischen. Zärtlich fast 
legte er die Hand auf ihren Scheitel, doch gereizt entzog sie 
sich ihm. „Ruiniere mir meine Frisur nicht!“ — Und sorg 
fältig ordnete sie ihr Haar. 
„Laß uns alles in Ruhe besprechen“, begütigte er sie. Selbst 
verständlich können wir nicht mehr Zusammenleben, das wäre 
doch gegen allen Anstand und könnte unser sittliches Gefühl 
verletzen. Es ist unbedingt nötig, daß wir uns scheiden lassen. 
Wir brauchen uns ja nicht wehe zu tun . . . ; im Gegenteil! . . . 
unsere Kinderlosigkeit . . . ein wahres Glück! — Ich erkläre 
mich für den schuldigen Teil. Kannst mir’s glauben, es gibt 
eine saubere, glatte Scheidung.“ 
Er hielt ihr die Hand hin. Sie überlegte einen Augenblick, 
dann nickte sie beruhigt; einen Seufzer lang ruhten ihre sinn- 
“ c hen Augen auf ihm — darauf schlug sie ein. 
Eine Woche später zog Annemarie vorläufig in eine, für viel 
Geld gemietete, elegante Vierzimmerwohnung am Bayerischen 
Platz und die Angelegenheit nahm den üblichen Verlauf. Sie 
engagierten sich ihre Advokaten, ließen den Sühnetermin 
resultatlos verlaufen und sahen sich erst wieder, als die 
Schlußverhandlung einsetzte. 
Annemarie hatte — der Bedeutung des Tages angemessen 
— eine kostbare Halbtrauer-Toilette angelegt; perlgrau, was 
ihr entzückend stand. 
Peter sah sie von der Seite an. „Rasse!“ murmelte er. 
„Rasse! —• Ach, was!“ Und leicht summte er vor sich hin: 
„Souvent femme varie, bien fou qui s’y fie.“ 
Dann musterte er den hohen Gerichtshof.. — Zwei Richter, 
von- denen der eine sich durch eine große Brille und eine noch 
größere Nase auszeichnete, ferner ein Assessor und der Ge 
richtsschreiber. — Das waren die Menschen, die ihm zu einem 
neuen Lebensabschnitt verhelfen sollten. Menschen wie er, 
von denen der eine mit der großen Brille und der größeren 
Nase entschieden nicht geistreich aus.sah.. Im Gegenteil! 
Man trat in die Verhandlung ein, die sich in der Tat recht 
glatt und wenig aufregend abwickelte. Eine Stunde später 
wurde das Urteil verkündet: Scheidung — glattweg Scheidung 
— saubere Scheidung. Peter atmete auf: „Gott sei Dank!“ 
Er warf einen verstohlenen Blick auf Annemarie. Ihr Ge 
sicht war grau geworden, wie ihr Kleid. Die endgültige 
Trennung von ihm mußte ihr doch wohl tüchtig nahe gehen! 
Sie wollte sich erheben — wankte aber. Galant sprang er 
auf und stützte sie. „Warum nicht?!“ rechtfertigte er sich 
innerlich. „Man soll gegen fremde, hübsche Dämmen immer 
galant sein.“ — „Annemarie“, sagte er zögernd mitleidig — 
willst du“ — er verbesserte sich — „wollen Sie sich nicht 
stärken? Komm, laß uns ein Glas Wein zusammen trinken.“ 
Dankbar nahm sie an. In der Tat, sie fühlte eine leichte 
Schwäche — da war wohl ein Gläschen Haut Sauterne am 
Plätze 
Sie wandten sich zum Gehen. Peter überlegte: Ob er 
ihr? Na, natürlich, als Mann von Welt mußte er ja der armen, 
kranken Frau den Arm anbieten. Sein Advokat verabschiedete 
sich lächelnd. „Geschieden sind Sie ja nun , sagte er sehr 
höflich, „jetzt können Sie sich ja wieder heiraten. 
Peter machte ein dummes Gesicht. 
Als sie glücklich beim Haut Sauterne saßen, prustete Peter, 
wie wenn er eine große Arbeit hinter sich hätte. Der Richter 
mit der großen Brille und der mächtigen Nase war ihm gar 
zu unsympathisch gewesen und hatte ihm Unbehagen gemacht. 
Nach dem Essen fühlten sie sich gemütlicher. Der 
moralische Kater hatte sich wieder verkrochen. Ein Pulleken 
Sekt stieg . 
Vor Annemaries Wohnung, die nun nicht die seinige war, 
trennten sie sich. Peter sah ihr nach, wie sie mit ihrer 
graziösen Haltung die Treppe hinaufstieg, schick, patent. Und 
diese Vollblutformen! Diese Fesseln — delikat! 
Als die Tür oben zuklappte, verspürte er ein eigenes Ge 
fühl; eine Mischung von Sehnsucht — Sinnlichkeit — Ärger. 
„Dumm“, murmelte er, „bin ein kolossales Nilpferd gewesen! 
Desgleichen, wie diese Frau, werde ich nie mehr finden!“ 
Er blieb sinnend stehen. „Hm, was nicht ist . . . 1‘“ 
Eine Woche später machte er bei ihr seinen Antrittsbesuch. 
Annemarie nahm ihn freundlich auf — sehr freundlich sogar. 
Als er ging, glänzten seine Augen. Er spitzte die Lippen! 
„Pfft . . . daß sie solch ein Feuer besitzt — hätt’s nie für 
möglich gehalten. — Alte Sache! So gefühlvoll kann nie die 
Frau sein — nur die Geliebte.“ 
„Lassen wir es dabei!“
        
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