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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr, 21 
Jafirg. 27 
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einer starken und trotzigen Frauenseele läuteten die 
Sturmglocken einer gegenstandslosen und gerade darum 
um so gefährlicheren Leidenschaft. 
Der Name Mirabeau flog durch die Straßen von 
Paris. Die Luft trank ihn ein und trug den Namen des 
adligen Empörers in die von Liebe, Kunst und Sinnlich 
keit erfüllten Gemächer Micheles. Und es war, als 
wenn dieser bloße Laut den Dingen und Menschen, an 
denen er vorüberwirbelte, ein hitziges Fieber mitteilte. 
Michele de Balincourt ging hin, den Feuerkopf, dem 
die Worte wie glutende Speere von den Lippen fuhren, 
reden zu hören. Ihr zur Seite saß, in schlecht verhehltem 
Unbehagen, der Marquis de Gremont. Er trug Strümpfe 
von Neapolitanischer Seide, die ein italienischer 
Fournisseur nur ihm zu liefern berechtigt war, 
Schnallenschuhe, gefertigt von einem Meister, der sich 
selbst wie ein Herzog kleidete und eine Herzogstafel 
unterhielt, ein Spitzenjabot, aus dessen kranker Blässe 
Venedigs erlesenste Künste sprachen, eine sorglich ge 
puderte Perücke mit einem zierlichen, von einer 
Samtschleife geschmückten Zöpflein daran, in der 
Hand ein gebrechliches, goldbeschlagenes Rohr, das 
einst als Geschenk des Sonnenkönigs in die Familie 
Gremont gelangt war und von jedem Erben mit den 
Ehrfurchtsschauern inbrünstiger Loyalität getragen 
wurde. 
Und auf der Rednertribüne sprach ein Mann von 
Bajonetten, Volk, Hunger und Menschenrechten. 
Sprach nicht, sondern donnerte. Blitzte mit den Herren 
augen des Genies über die Menge hin, die die Er 
kenntnis ihrer eigenen Existenz und — Existenzbe 
rechtigung in eben diesem Augenblick erst von Gnaden 
dieser Herrenaugen empfing. 
Michele de Balincourt verstand nicht eigentlich, was 
der aristokratische Rebell dort wollte. Aber die zün 
dende Rhetorik, die den Weltbrand in die Massen zu 
tragen verstand, wußte ihn auch in Frauenherzen zu 
werfen. — Am Abend desselben Tages noch erhielt der 
Marquis de Gremont — der untadeligste Kavalier 
seiner Zeit — von seiner Dame den Abschied. In dem 
Augenblick, da Michele das Abbild wahrer, sturmer 
füllter Männlichkeit erblickt hatte, genügte ihr die paro- 
distische Fratze nicht mehr. In ihre Sinne aber wühlte 
sich die Sehnsucht nach solchem Kronen brechenden, 
Wurzeln lockernden Sturm ein. 
Stunden und Tage, Monate und Jahre brausten über 
Frankreich dahin. Jede Minute dieses eisernen Zeit 
laufes schien einen heißen, keuchenden Flammenmund 
zu haben, der unerhörte Begebenheiten, grausige 
Schrecknisse in das wehrlos zuckende Land spie. 
Graf Mirabeau — der Pionier, der kühne Bahn 
brecher — war tot. Sein Werk aber lebte. Und lohte 
— über sieh selbst hinaus begehrend —• mit purpurnem 
Schein in die Wolken. Maß und Ziel waren längst ver 
gessen. Eine Naturgewalt war entbunden worden und 
aus dem Schoß der Vernichtung sprang der Tod in 
tausend und abertausend grotesken Verkleidungen. 
Der Wahnsinn des Bluts — der primitivste und ur 
sprünglichste Aberwitz der Menscheit — brüllte auf. 
Es war, als wenn hier Rache geübt werden sollte für 
alle Knebelungen und Knechtungen, die das Menschen 
geschlecht seit seiner Erschaffung erfahren und er 
duldet hatte. Es war nicht nur ein Aufruhr der 
Dienenden gegen die Herrschenden, war nicht eine 
Privatstreitigkeit zwischen Volk und Fürsten; es war 
ein Prozeß des Menschen gegen den Menschen — eine 
Rechtssache der ganzen Menschheit, in der jeder in 
jedem seinen Feind sah und — bekämpfte. Und alle 
Leidenschaften warfen mit zynischer Geste das Jahr- 
tausende wider Willen und wider die Natur getragene 
. ej d der Scham ab. Aus den Urgründen, den geheim- 
nisvollen Untertiefen der Menschheitsseele brach 
endlich der lang verhaltene Raubtierschrei empor, der 
die Witterung blutigen Fraßes verkündete. Und Raub 
tierzähne bleckten, Raubtierpranken schlugen zu. Als 
Beute aber verblutete sich Galliens aristokratische 
Hochkültur. 
Mit hellen, schönen und gütigen Augen sah Michele 
de Balincourt in die Brandung des öffentlichen Lebens 
hinaus. Witwentrauer floß an ihrem schlanken Leib 
hernieder. Der biedere und gänzlich harmlose Graf von 
Balincourt war als Opfer eines Straßentumults gefallen. 
Aber auch das Herz der schönen Michele war ver 
witwet. Vergebens hatte Henri de Gremont die 
süßesten Erinnerungen, die ihnen gemeinsam waren, 
heraufbeschworen, vergebens jene zarten und zärtlichen 
Annäherungen gesucht, die nur als scherzhaftes Ge 
plänkel vor einem schärfer zu eröffnenden Feuer 
dienen sollten. — Lächelnd und ohne Groll tat Michele 
ihren Willen — den Willen einer Königin — kund: den 
schal gewordenen Trunk der Liebe nicht fürder 
schlürfen zu wollen. Und der wohlerzogene Vasall 
kniete zu den Füßen seiner Herrin nieder und küßte 
die Spitzen der roten Stöckelschuhe. Dabei verschob 
sich das weiß gepuderte Toupet des Chevaliers ein 
wenig und ein Schönheitspflästerchen löste sich von 
seinem Gesicht und hinterließ einen häßlichen und 
törichten Fleck. Der Marquis merkte dieses desastre 
und trat einen schleunigen Rückzug an. 
Mit einem ganz feinen, belustigten, aber auch ein 
klein wenig wehmütigen Lächeln hatte Michele der 
seidenen und samtenen Gliederpuppe nachgeblickt, die 
vor dem vermeintlichen Fluch der Lächerlichkeit so 
eilig geflohen war, ohne zu wissen, daß diese Ver 
dammnis ihr zum Schicksal geworden, lang, ehe sie 
darum geahnt hatte. 
Die Leichlebigkeit der vornehmen Dame war nach- 
denksamer, grüblerischer geworden. Durch die tausend 
Nichtigkeiten, mit denen der Tag einer Frau von Welt 
an- und ausgefüllt war, blickte großäugig und hungernd 
der Zweifel. Die liebenswürdigen und koketten Toi 
lettenakte, die streng zu nehmenden Pflichten der Ge 
selligkeit, das ewige Auf und Ab von Jugend, Reichtum 
und Eleganz war wie in einen leichten Dunstschleier 
von Mißtrauen und Mißmut gehüllt. Zwar empfing 
Michele de Balincourt während ihres Levers noch 
immer den Cercle der Intimen; zwar ritt und fuhr sie 
noch immer zur vorgeschriebenen Stunde ins Bois; zwar 
ließ sie noch immer bei dem teuersten Marchand de 
modes die köstlichsten Stoffe und Lingerien durch 
ihre Finger gleiten, aber es fehlte ihrer sonst so ge 
fälligen und erfinderischen Art, den Stunden ihre 
Minuten zu stehlen, die rechte Überzeugung und Sach 
lichkeit. Es war eine Leere in ihr, die sich nur schwer 
betrügen ließ und eine quälende Unruhe, die ihr den 
Genuß alles Tändelnden, Spielerischen jählings ver 
gällt hatte. 
Und dann — schien das Gleichgewicht ihrer per 
sönlichen Existenz so eigentümlichen, man mochte 
sagen geschmackswidrigen Ärgernissen ausgesetzt, daß 
sie es vorzog, ihr Dasein im eigenen Heim zu begrenzen. 
Denn die Öffentlichkeit bedrohte jene aristokratischen 
Lebensbedingungen* in die sich der hochmütige Eigen 
sinn einer untergehenden Menschheitsklasse verbiß. 
Zum ersten Male war es Michele auf der Straße von 
einer Horde trunkener Kokardenmänner geschehen, 
daß sie sich „Bürgerin“ hatte anreden hören. Als die 
plumpen Gassenhelden sie mit dröhnender Aufdring 
lichkeit und selbstbespiegelnder Vertraulichkeit um 
ringten, und ihr immer von neuem ein grohlendes und 
rülpsendes „Citoyenne ins Gesicht warfen, war sie 
weder erschrocken noch entrüstet, sondern hatte nur 
sehr belustigt gelächelt und hatte plötzlich ihre 
schmalen, weißen, ringgeschmückten Hände mitten 
unter die Menge gestreckt und dazu mit unbefangener 
Liebenswürdigkeit gesagt: „Ich danke euch, liebe 
Freunde, für euren gefälligen Gruß. Ich bin überrascht 
so viel gütiger Teilnahme zu begenen und möchte euch 
die Hand dafür reichen.“ 
Die schmalen,blassen, ringgeschmückten Hände waren 
unbeweglich ausgestreckt geblieben. Keiner der wüsten
        
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