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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 21 
Jabrg, 27 
19 
titre, den Marquis de Gremont, mit allen Vorrechten 
ihrer Huld belehnte, nicht getilgt werden konnte. Was 
aber die reizende Michele davon zurückhielt, ihre 
Freunde so häufig zu wechseln, wie es sich für eine 
Welt- und Modedame eigentlich schickte, und wie es 
in der Gesellschaft vom guten Ton geboten erschien, 
war nicht etwa irgend ein säuerlicher Tugendrest auf 
dem Grunde dieser leichten und liebenswürdigen 
Frauenseele oder gar eine überflüssige Rücksicht auf 
den legitimen Gemahl, den ebenso schätzbaren als 
langweiligen Grafen von Balincourt, der seinen eigenen 
standesgemäßen Vergnügungen nachging, sondern es 
war lediglich der verwunderliche Umstand, daß 
Michele in der Beständigkeit einer außerehelichen 
Neigung ein bisher unerschüttertes Glück gefunden 
hatte, das jedes Be 
dürfnis nach den 
prickelnden Zerstreu 
ungen des Wechsels 
erstickte. 
Sie verwöhnte ihren 
Leichtfuß von Gelieb 
ten mit jener schran 
kenlosen Gnadenfülle, 
deren nur die weib 
liche Genialität des 
Schenk ens fähig ist. 
Jeder Blutstropfen in 
ihr war eine Gewäh 
rung, jedes Lächeln 
eine Gabe, jede Be 
wegung ihrer Hände 
streute Spenden aus. 
Und der wohlsoi- 
gnierte Kavalier, hinter 
dessen weißer Aristo 
kratenstirn eine vor 
nehme, von dem Bil 
dungsfirnis der nach- 
enzyklopädistischen 
Zeit übertünchte Ge 
dankenlosigkeit wohn 
te, nahm alle Segnun 
gen dieses reichen 
Frauentums mit 
schmucker Selbstge 
fälligkeit entgegen. 
Henri de Gremont 
war eine jener Zier 
pflanzen des Salons, 
die in den höfischen 
Gewächshäusern gezüchtet worden, und die nun in 
allen Boudoirs der großen Welt einen bevorzugten und 
anspruchsvollen Platz einnahmen. 
Seine Fingernägel waren so zierlich gefeilt wie seine 
schöngeistigen Madrigale, und die Grazie seines Tanzes 
kam seiner Kunst zu lieben gleich. 
Denn die seltsamen Helden dieser Zeit, denen 
Drommetenschall ein höchst unwillkommenes Geräusch 
gewesen wäre, und die das Waffenhandwerk nur aus 
verschollenen Ritterromanen kannten, waren unbe 
siegbar in den Turnieren der Galanterie, geübte 
Strategen in der Kriegsführung der Geschlechter, Kon 
quistadoren des — Schlafgemachs. Der elegante 
Müßiggang, der ihnen ebenso heiliger als unantastbarer 
Lebenszweck war, erlaubte ihnen, ihren Herrinnen in 
jedem Augenblick zu Willen zu sein und all ihren 
Kapricen unverzüglich zu dienen. Sie erfüllten das 
erste und unverletzlichste Gebot, das für den Beruf des 
Liebhabers existiert: das der Allgegenwart; der 
ständigen, ununterbrochenen Bereitschaft. 
Michele de Balincourt, deren eigener lebhafter und 
züngelnder Geist sich an den Philosophen von Gent 
und Ferney geschärft hatte, bei den Montesquieu, 
Diderot und Galiani in die Schule der Dialektik ge 
gangen war und mit abstrakten Begriffen wie mit 
Er kniete zu ihren Füßen 
leuchtenden Bällen zu jonglieren verstand; die kluge 
Michele war viel zu hellsichtig, um die wunderlich auf 
geblasene Hohlheit ihres Geliebten nicht zu erkennen. 
Aber ihre schlanken, geschmeidigen Glieder er 
schauerten unter seinen zärtlichen und erfahrenen 
Händen; ihr liebedurstiger Leib trank alle Süßigkeiten 
der Wollust, mit denen die passionierten und doch 
ästhetisch erzogenen Sinne dieses Weltmannes sie um 
hüllten. 
Die Stunden der Liebe, die diese zwei schönen und 
gepflegten Menschen vereinten, waren deliziös in den 
Einzelheiten des Vergnügens. Und die beiden Fein 
schmecker des Genusses setzten ihren Ehrgeiz darein, 
immer neue Nüancen ihres Glückes zu finden und zu 
erfinden. 
Michele de Balincourt 
liebte das Leben. Sie 
liebte es mit Bewußt 
sein und darum ge 
staltete sie es zu 
einem Kunstwerk. Die 
Minuten ihres eigenen 
Daseins waren der 
Stoff, den zu bilden 
und zu modeln sie 
unermüdlich bestrebt 
war. Überzeugte Ma 
terialistin und Athe 
istin — auch darin 
das echte Kind eines 
glaubenslos geworde 
nen Jahrhunderts •— 
spielten in ihren 
Überlegungen und 
Gedanken, die sie ab 
seits ihres Verkehrs 
mit dem Kavalier 
spann, weder ein Gott 
noch die Möglichkeit 
eines Jenseits die ge 
ringste Rolle. Sie emp 
fing in ihrem Salon 
Abbes wie Philoso 
phen. Aber die Herren 
in der geistlichen 
Tracht waren meist 
noch irdischer ge 
sinnt als die im welt 
lichen Kleid und die 
violette Scherpe hatte 
nur mehr einen deko 
rativen Wert. Gott und Heiland waren zu ehrfürchtigen 
Mythen geworden, denen man gelegentlich eine höfliche 
Reverenz erwies, ohne sich im übrigen sonderlich viel 
um die altersgrauen Herrschaften zu bekümmern. 
Arbeit und Volk kannte Michele nicht. Diese Be 
griffe waren ihr und dem Kreis, in dem sie geboren und 
erzogen worden, so fremd und ungeläufig, wie es viel 
leicht die Münzart irgend eines unendlich fernen, über 
seeischen Staates sein mochte, die wohl gelegentlich 
einmal dank einem Zufall durch ihre Finger rollte, um 
gleich wieder verwundert und uninteressiert beiseite 
gelegt zu werden. Arbeit war etwas Unstandesgemäßes, 
Verächtliches -— Volk war Crapule. Das war das eizige, 
was Michele de Balincourt von diesen beiden Motoren 
des Erdballs wußte. 
Und darum riß sie ihre wundervollen blauen 
Augen ganz weit auf, spitzte die rosig gefärbten 
Ohrmuscheln mit ungezügelter Neugier, als die ersten 
Donnerstöße der neuen Weltordnung krachend gegen 
den alten, morsch gewordenen Menschheitsbau fuhren. 
Das Merkwürdigste aber war, daß ihr Herz in wilden 
Pulsen zu jagen begann. Gerade so, als wenn irgend 
eine versteckt gehaltene Sehnsucht plötzlich _ losge 
bunden worden wäre und nun mit großen rauschenden 
Flügeln um sich schlagen wollte. Im Unterbewußtsein
        
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