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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 2/ 
Jaßrg. 27 
Der andere; Muskeln, Muskeln, Herr Geheimrat! 
Der Geheimrat: Entsetzlich, entsetzlich. 
Lu ln: Was ist denn los, meine Herren? Alex, Sie zeigen 
meinem Freunde die Muskeln? 
Der andere: Ich habe eben dem Herrn Geheimrat gesagt, 
daß ihr Frauen keinen Geist braucht, keinen Witz braucht, 
daß ihr nur Muskeln braucht. 
Lulu : Aber ich bitte Sie, Alex, für mich ist der Geist maß 
gebend. 
Der Geheimrat: Aber, liebes Kind, du hast mich doch 
hier nicht wegen des Geistes und wegen des Witzes be 
trogen? 
Lulu: Nein, ich will dir ganz offen sagen, lieber Franz, ich 
tat es, um mich in die Seele dieses Mannes hineinzufühlen. 
Der andere (lacht höhnisch): Se hat sich in meine Seele 
hineingefühlt; neugierig sind doch diese Frauen. 
Der Geheimrat: Ja, meine lieben Herrschaften, es ist 
eine dumme Geschichte, ein Mann von sechzig Jahren, ein 
Mädchen von zwanzig Jahren, ein anderer von fünfund 
zwanzig Jahren. Vielleicht habe ich den Kontakt zum 
Erdenparadies verloren. 
Lulu: Aber, Alterchen, nicht gleich weinen, du weißt doch, 
ich habe dich lieb, wie man einen Vater lieb hat. 
Der Ge heim rat (springt empört auf): Das ist eine Frech 
heit, ich bin nicht dein Vater, ich bin dein Liebhaber, bin 
dein Freund. 
Der andere; Herr Geheimrat, regen Sie sich doch nicht 
auf, Ihre Ader an der Stirn wird so groß. Eins, zwei drei 
haben Sie einen Schlaganfall und dann ist es aus mit dem 
Vergnügen. 
Der Geheimrat; Es ist noch gar nicht aus mit dem 
Vergnügen, bei mir fängt das Vergnügen erst an, merken 
Sie sich das, junger Mann. 
Lulu: Aber, Schatz, errege dich doch nicht so. Du weißt 
doch, deine Arterien . . . 
Der Geheimrat: Also, was soll jetzt werden, kurz und 
bündig, was soll werden? Wollen Sie das Mädchen als 
Freundin haben oder soll ich sie als Freundin behalten? 
Der andere: Herr Geheimrat, wenn ich ganz offen zu 
Ihnen reden soll, ich bin ohne Engagement und kann nicht 
für das Fräulein aufkommen. 
Der Geheimrat: Aber amüsieren wollen Sie sich doch 
mit ihr? 
Der andere: Das geschieht kostenlos. 
Lulu: Aber, ihr lieben, dummen, albernen Männer, was 
habt ihr denn? Mein kleiner Gcheimrat sorgt für die Be 
köstigung und die W ohnung und mein kleiner Frcisboxer 
gibt dem Geheimrat ein Dreimonatsakzept Bis dahin wird 
er wieder Arbeit haben und seinen Wechsel .einlösen. 
Der Geheimrat (perplex): Ja, was soll dieser Herr hier 
auf die Dauer? , , , . , , , . 
Lulu: Aber, Franz, ich will dich doch schonen und dem 
Leben erhalten. 
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Bilder: Linge 
ie war hell, schön und gütig. Sehr stolz 
> und von jener ganz besonderen Vor 
nehmheit, die aus der Seele uralter Ge 
schlechter stammt und die nicht kraft 
eines jungen Adelsbriefes verliehen 
werden kann, sondern die unvergänglich 
und immerwährend ist, wie das Lächeln 
der Sonne oder die Gnade Gottes. Auch 
, war sie sehr klug und fein, verstand es, 
die Menschen zu erkennen und — ihnen doch nicht 
■böse zu sein. In ihr wohnte eben die Gabe der Heiter 
keit, jene seltene und wunderherrliche Macht, die das 
Leben als Spiel betrachtet und die menschliche Existenz 
als ein Gleichnis. Das Geschick des Menschen schien 
ihr wie eine Windharfe, der kosende Lüfte süße Töne, 
selige Melodien entlocken, über die aber gelegentlich 
auch ein rauher und unzärtlicher Atem hinstreichen 
kann, der dann die empfindsamen Saiten wehleidig er 
zittern läßt. 
Und gerade jetzt grollte so ein unbarmherziger Sturm 
durch die Welt. Wolken ballten sich zu dräuenden und 
trotzigen Gebilden. Hie und da aber riß plötzlich ein 
schwefliger Blitz die bleigrauen Vorhänge ausein 
ander und Öffnete den Blick in ein scharlachnes Meer: 
in die heiße, aufrauschende Blutorgie, deren großartiges 
Schauspiel die Regisseure der Menschheit vorbereiteten. 
Und die gereizte, von dem Übermut ihrer Bewohner 
beleidigte Erde schickte unterirdischen Donner als 
dumpfe Begleitung empor. Das Orchester des Kosmos 
intonierte mit feierlichem Dröhnen die Lamentationen 
einer sterbenden Zeit und den gellen, wilden, unge 
bärdigen Gesang der neuen Morgenröte. 
Michele de Balincourt hatte den schönsten und ver 
führerischsten Frauenleib, dessen entzückende und be- 
f Kickende Geheimnisse je von einem Boucher oder 
rägonard indiskret enthüllt, von einem Casanova oder 
Boccacio witzig ausgeplaudert worden sind. Diese 
lieblich-weiße Weichheit, auf der rosige Reflexe 
sich in neckischem Wirbel jagten, wuchs aus dem 
amoureusen Zauber von Spitzen, Falbeln, Chiffons, 
Seidengekräusel und anderen Sinnverwirrungen empor. 
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Und die tausend Möglichkeiten und Geltungen, die 
das galante Jahrhundert gleich einem duftigen Kranz 
um die sorglich coiffierten Köpfe seiner Frauen flocht, 
umschmeichelten das reizende Weltkmd, das seine 
Stöckelschuhe und seinen Lockenautbau mit jener 
Selbstherrlichkeit trug, die allen Königinnen von Schön- 
heits Gnaden eignet. 
Dieses köstliche Meisterwerk einer schöpferischen 
Natur war überblüht von heimlichen Seligkeiten, von 
den Rosen genußfroher Stunden. Die warm pulsende 
Haut bewahrte die Einnerungen an die hinreißend 
leichtfertigen Küsse, die sie mit bereitwilligem Ent 
gegenkommen empfangen und weiter gegeben hatte an 
den ungeduldigen Blutstrom, der das junge und unge 
stüme Herz der schönen Michele versorgte. Eine Zeit, 
die noch voll war von den Überlieferungen der prunk 
vollen Grandezza, mit der eine Madame de Pompadour 
sich ihre Sünden hatte von Frankreich bezahlen lassen; 
eine Zeit, die eine Dubarry verachtet hatte, nicht weil 
sie gegen die Sitte, sondern gegen den guten Geschmack 
verstieß; eine Zeit, die den bukolischen Spielen einer 
Marie Antoinette und ihres Hofes lächelnd zuschaute 
und über der Grazie erotischer Idylle die Krämpfe ver 
gaß. in denen das Weltall sich wand: eine solche Zeit 
kannte keine Vorurteile und verlangte von ihren Frauen 
nichts anderes als — gefällig zu sein. Gefällig — in des 
Worts verwegenster Bedeutung. 
Vielleicht entsprach Michele de Balincourt streng 
genommen nicht einmal den freien und freudigen 
Bräuchen ihrer Epoche. Vielleicht war sie nicht ver 
schwenderisch genug mit sich selbst, um denen, die die 
Satzungen des Genusses prägten, als ein Muster der 
Lebenskunst zu gelten. Es war vielleicht eine läster 
liche Ökonomie mit der eigenen Person und ein bißchen 
spießbürgerlich, daß Michele nur einen Liebhaber und 
noch dazu immer den gleichen besaß. Der Anflug von 
Philistrosität, der in dieser Tatsache lag, ließ sie ihren 
Zeitgenossen ein klein wenig lächerlich erscheinen. Ein 
Makel, der selbst durch den Freimut ihres Benehmens 
und durch die Offenheit, mit der sie ihren amant en
        
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