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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jahrg. 27 
Nr. 21 
EGON • H.- JTRAHTBURGER- 
EJN KLEINER REINEALL 
Er — Sie — Es. (Er und sie sitzen am Teetisch. Sie ist eine Trau Ende 
zwanzig, er ist ein Jüngling von 19 Jahren.) 
■Sie: Paul, nehmen Sie doch von dien wundervollen Liebes 
knochen ein Stück.“ 
E r : Könnte ich nicht einen Mohrenkopf haib.cn? 
Sie: Nehmen Sie, soviel Sie wollen, dafür sind die Mohren 
köpfe ja da. (Er schmatzt lustig darauf los, und still 
schweigend verschlingt er den sechsten Mohrenkopf.) Sie 
lächelt über den göttlichen Appetit des jungen Mannes und 
nickt ihm freundlich zu. 
E r : Mehr darf ich aber nicht essen, denn wenn mein Magen 
zu voll ist, dann drückt er auf mein Herz und das Herz 
habe ich doch heute noch sehr notwendig. 
Sie: Wie meinen Sie das? 
E r : Ach, können Sie das nicht erraten? 
Sie: Vielleicht bin ich zu dumm dazu. 
E r : Aber, gnädige Frau, wie können Sie so was sagen, Sie 
sind ja so klug und geistreich. Sie sind ja geradezu weise 
und wollen Sie mir’s glauben oder nicht, Sie sind klüger 
als ich. 
Sie (lacht hell auf); Wissen Sie, junger Mann, Sie sind eine 
(Nummer für sich. 
E r ; Eine Nummer, das ist ja sehr lustig. 
(Beide schauen sich an, sie lacht wieder hell auf.) 
Sie: Gott, Mann, sind Sie komisch, haben Sie denn über 
haupt schon mal ein Mädchen geküßt? 
E r : Soll ich es Ihnen verraten? Ich bin schon zweimal Papa. 
Sie: Papa? Wie haben Sie denn das gemacht? 
E r : Nun ja, wie man das immer macht, ich fiel hinein. Ein 
mal hatte sie schwarzes Haar und hieß Else, und einmal 
hatte sie rotes, gefärbtes Haar, gerade wie Sie, und da hieß 
sie Elvira. 
Sie: Gefärbt sind meine Haare nicht, junger Herr. 
E r: Na, das kommt auf einen Versuch an. Wenn nämlich 
die Haare unter den Achselhöhlen gerade so sind wie auf 
dem Kopfe, dann sind sie nicht gefärbt. Wenn sie aber dort 
blond oder schwarz sind, dann sind sie gefärbt. 
Sie; Aber, junger Mann, jetzt erzählen Sie nicht weiter. Sie 
sind ja ein großer Aesthet. 
E r ; Hören Sie mal, gnädige Frau, ich möchte am liebsten Du 
zu Ihnen sagen. 
Sie Was wollen Sie? 
Er: Nä, ich möchte Du zu Ihnen sagen, es klingt netter und 
jnan kann sich mehr erlauben. 
S i e Erlauben Sie mal, was fällt Ihnen denn eigentlich ein? 
Meinen Sie vielleicht, weil wir uns so zufällig kennen gelernt 
haben? — 
Er (unterbricht sie): Aber Ihr Mann ist doch verreist? Sie 
haben gewiß so ’n alten Knacker, einen, der auf drei 
(Beinen läuft. 
Sie: Wie? 
Er: Na, also, zwei Beine und ’n Stock. Wie alt ist denn 
Ihr Alter? 
Sie: Sagen Sie mal, ich habe Sie doch gar nicht gefragt , . . 
Sie sehen allerdings recht fein und elegant aus. Was sind 
Sie denn beruflich? 
E r : Ich bin Kellner. 
Sie: Was sind Sie? 
E r : Kellner irti Central. 
Sie (errötet tief und verlegen): Herr Ober, ich möchte gern 
bezahlen. 
Er : Was, Sie bezahlen? Das ist doch heute umgekehrt. 
Sie (sehr nervös): Ich habe Ihre kostbare Zeit sehr in An 
spruch genommen, gestatten Sie, daß ich Ihnen ein Honorar 
von 50 Mark verabreiche . . . Mir ist die Sache ungeheuer 
fatal. 
Er; Fatal? Warum? 
Sie : Ich dachte. Sie seien ein kleiner Student und Sie hatten 
Manieren, als Sie mich im Cafe ansprachen . 
E r : Aber, Menschenskind. Manieren habe ich, ich weiß schon, 
daß man nicht mit dem Messer essen darf, daß man nicht 
mit den Nägeln die Zähne auspolkt. 
Sie (erhebt sich): Also, gestatten Sie, daß ich Ihnen Ihren 
Zeitverlust honoriere, es ist mir ungeheuer peinlich . . , 
Er; Ich habe heute meinen freien Nachmittag und habe gar 
nichts zu verlieren, ich wollte bei Ihnen was erleben, also 
jetzt machen Sie keenc Menkenke, behalten Sie Ihr Honorar 
und machen wir es uns ’n bißchen gemütlich. Else, sage Du 
zu mir! (er will sehr liebenswürdig werden.) 
Sie: Bitte, mein Herr, bitte, mein Herr, ich bin eine an 
ständige Frau. 
E r : Sie, das müssen Sie Ihrem Ollen sagen, der glaubt’s 
Ihnen vielleicht. (Nach einer Pause): Sie haben doch eine 
kinderlose Ehe, wenn ich so als . . . wie sägt man gleich: 
als Hausfreund mit aus der Schüssel äße? 
Sie: Liesbeth! 
Er : Was soll denn die? Wer is’n das? 
Liesbeth: Gnädige Frau befehlen? 
Sie: öffnen Sie doch dem Herrn die Haustür, er will noch 
den Zug nach Magdeburg. 
Liesbeth: Sehr wohl, gnädige Frau. 
Er (bleibt stehen): Was will ich, nach Magdeburg? 
Schwindeln Sie nur dem Mädchen nichts vor! 
Sie: Also, Liesbeth, Sie schließen gleich auf. 
E r : Nee, wissen Sie, ich hab’ schon viel erlebt, aber so was 
in meinem ganzen Leben noch nich. Erst geben Sie mir 
einen Rendezvous bei Ihrem wässerigen Tee, dann muß ich 
sechs Mohrenköpfe verschlingen und nun schicken Sie mich 
sogar nach Magdeburg. Wissen Sie, was Sie sind? 
Sie (ängstlich): Also, bitte, also, bitte —- 
E r : Hysterisch sind Sc, ’n Knall haben Se — 
Sie (erblaßt): Wollen Sie mich jetzt verlassen? 
E r : Das kann ich Ihnen noch zum Abschied sagen; Wenn 
ick das Bild hier an der Wand sehe, Ihren Alten wohl, und 
ich betracht’ mich hier im Spiegel, so bin ich doch der, der 
mehr Mark in den Knochen hat. Pfui Teufel. — 
Er (geht vor Liesbeth): Komm schon, Kleine 
★ 
DIE GÜTIGE GELIEBTE 
Lulu, zwanzig Jahre alt. Ein Herr von sechzig, ein Geheimrat, ein Herr von 
fünfundzwanzig, ein Preishoxer 
Geheimrat: Wie kamen Sie dazu, meiner Freundin Zärt 
lichkeiten zu erweisen? 
■ Der andere: Auf ganz einfache Art und Weise, Herr 
Geheimrat. Ich bin dem Mädchen vorigestellt worden, fuhr 
mit ihr im Auto nach Hause und fertig war die Laube. 
Der Geheimrat: Aber,Sie wußten doch, daß Lulu meine 
Geliebte ist? 
Der andere: Na, wenn schon? 
Der Geheimrat: Sie wußten ferner, daß Lulu von mir 
ausgehalten wird, daß ich sie zur Tänzerin ausbilden lasse, 
daß ich alles für das Mädchen geopfert habe. 
Der andere - Na, da sind Sie schon dumm gewesen, Herr 
Geheimrat, ich gebe für die Weiber gar nichts aus. 
Der Geheimrat: Na, dann werden Sie nie Glück bei 
Frauen haben. 
Der andere: Sie sehen doch, es ging ja auch ohne money, 
das Mädchen hat mich geküßt, hat mich umarmt und war 
lieb und nett zu mir, und warum war sie lieb und nett zu 
mir? Weil Sie bezahlen, und ich nicht. 
Der Geheimrat: Ich war immer Kavalier. 
Der andere: Deswegen .sind Sie auch immer betrogen 
worden. Je frecher und hundeschnäuziger man gegen diese 
Frauen ist, desto lieber essen sie einem aus der Hand. 
Der Geheimrat; Herr, Sie sind kein Idealist. 
Der andere; Sie als Idealist haben das Zusehen und ich 
als Realist habe das Vergnügen. 
Der Geheimrat (mit rotem Kopfe): Ekelhaft! 
Der andere: Nee, schön. 
Der .Geheimrat: Sehen Sie, lieber Freund, man sagt mir 
nach, ich sei geistreich. 
Der andere: Dann sind Sie bei Weibern schon abgemeldet. 
Der Geheimrat: Man sagt mir nach, ich habe Witz. 
Der andere: So was brauchen die Mädchen nich. 
Der Geheimrat; Nun, was brauchen sie denn?
        
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