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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 3 
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Die Zigarettenspitze 
6 d d y 
rau Sybille, was haben Sie für eine reizende 
Zigarettenspitze“ sagte Edgar, der junge Ele 
gant, zu der entzückenden, blonden Frau. 
Sybille saß ihm gegenüber; es war in der 
Hoteldiele im Adlon, und sie paffte aus ihrer 
dunkelroten Emaillespitze duftige Rauchwölkchen 
zu ihrem Visavis hinüber. 
„Nicht wahr? Die Spitze ist süß, mein Mann 
schenkte sie mir zum Geburtstage, wir sahen sie in Monte 
Carlo bei einem französischen Juwelier, ich glaube, er war der 
Vertreter von Tiffany in Paris. Es gibt diese Spitze nur zwei 
mal in der Welt“, fuhr sie fort und reichte Edgar das corpus 
delicti, das er behutsam in seine gepflegten Hände nahm und 
vorsichtig betrachtete. „Die Emaille ist auf Platingrund und 
die Sternchen sind echt. Die zweite Spitze hat die Prinzessin 
von Signy, die schönste Frau von Paris“. 
„Und die erste die schönste Frau von Berlin“, sagte Edgar, 
und gab ihr die Spitze wieder, indem er ihr mit einem viel 
sagenden Blick die Hand drückte. 
Die Kapelle spielte einen neuen Schlager, Sybille saß ver 
sonnen auf dem Korbsessel und die Worte Edgars waren 
Balsam für ihr krankes Herz. Sie war eben eine unverstandene 
Frau, trotzdem dieser Typ gar nicht mehr modern war. Was 
hatte sie von ihrem Auto, das mit grauem Moiree ausge 
schlagen und mit Parmaveilchen garniert war, was hatte sie 
von den Reisen, wenn ihr langweiliger, steifer Gatte der 
Reiseführer war; sie sehnte sich nach Liebe, sie wollte ihre 
durstige kleine Frauenscele in Zärtlichkeiten baden, sie wollte 
glühen, zittern und kämpfen, und nicht nur ihre Dämmer 
stunden in der Erwartung hübscher Dinge verbringen, erleben 
wollte sie ihr Glück, berauschen wollte sie sich an Gefühlen, 
die ein anderer in ihr auslöste, und dieser Edgar, dieser 
Frauenkenner par excellence, sollte ihr Schicksal werden. 
Edgar war überrascht von diesem schnellen Sieg, er war 
zwar immer ein guter Stratege, aber die kühle Blondheit dieser 
berauschenden Frau hatte ihn an Berge von Hindernissen 
glauben machen. Er hatte auf drei Wochen gerechnet, um zum 
Ziel zu kommen, und sein Gefühl sagte ihm schon heute, daß 
er alles wagen dürfe. Er blinzelte aus seinen etwas schläfrigen 
Augen, die alle Frauen verrückt machten, zu Sybille. 
„Was sitzen wir hier und vertrödeln diese Stunde“, sagten 
seine Augen. 
Sybille senkte die Augen, ihre Wimpern waren ganz schwarz, 
was zu ihrer Blondheit in wundervollem Kontrast stand. Eine 
Blutwelle ergoß sich plötzlich über Sybilles Gesicht und verlor 
sich in dem zarten Gekräusel ihrer Spitzenuntertaille. Edgar 
fühlte, die Situation ist günstig, schoß noch einen seiner be 
kannten Verführerblicke zu ihr hinüber, der sie ganz und gar 
berauschte, und zahlte dem Kellner die diskret überreichte 
Rechnung. Sybille erhob sich wie im Bann und folgte ihm. 
Als sie zwei Stunden später seine Wohnung verließ, hatte sie 
ihrem Geliebten die Zigarettenspitze als Andenken geschenkt. 
„Dank, tausend Öank“, flüsterte Edgar unter heißen Küssen, 
„sie hat deine Lippen berührt, sie trägt ein Stück Seele von 
dir, und wird mich niemals verlassen“. 
Sybille ging wie tanzend durch die stillen Straßen ihrer 
Wohnung zu. Sie fühlte sich unendlich glücklich und öffnete 
ihre Pelzjacke dem Wind; sie war so brennend heiß und mußte 
Kühlung haben. 
Nach dem Abendbrot saß ihr Gatte mit ihr am Teetisch 
und bot ähr eine Zigarette an. 
Tb e u t fa 
„Wo hast du deine Zigarettenspitze?“ forschte er, und sie 
gestand ihm, daß sie sie verloren habe.“ 
Edgar aber schenkte die Spitze der schönen Exzentrik 
tänzerin Barbina in der ersten Schäferstunde. 
„Sie ist ein Geschenk der Fürstin von Signy, die sie mir in 
Monte Carlo gab“, hauchte Edgar und machte sein freches 
Dummenjungengesicht dazu, das die Frauen so liebten. Bar 
bina war entzückt, steckte die Spitze in den Busenausschnitt 
und verließ ihren neuen Freund in Eile. Sie hatte noch eine 
Verabredung. 
Sie traf Theodor, Sybillens Mann, der sie wie eine Königin 
aushielt. 
„Wo hast du diese Zigarettenspitze her?“ fragte Theodor 
plötzlich, und hob das rote Emailledings vom Fußboden auf. 
„Das ist eine lange Geschichte“, sagte Barbina, und setzte 
sich auf seinen Schoß. „Als ich im Frühjahr in Monte Carlo 
war, hat sie mir die Fürstin Ligny für einen Schleiertanz 
geschenkt, den ich nur für sie getanzt habe. Du ahnst ja gar 
nicht, was ich für Beziehungen habe.“ 
„Sonderbar, höchst sonderbar“, sagte Theodor, und hielt die 
Spitze in der Hand, „ich hätte geschworen —“ 
„Was hättest du geschworen, mein kleines, dickes Wonne 
möpschen“, sagte Barbina etwas ängstlich, denn sie hatte ein 
schlechtes Gewissen, „was soll Barbina für dich tun?“ Und 
als er nicht antwortete, fuhr sie fort: „Mir liegt gar nichts an 
der dummen Spitze, gar nichts an allen Andenken der Welt, 
komm her, ich schenke dir die Zigarettenspitze der Prinzessin 
Ligny.“ 
Theodor aber legte die Spitze seiner kleinen Sybille heimlich 
auf ihren Toilettentisch. Sybille schrie auf, als sie sie am 
andern Morgen bemerkte. 
„Was hast du denn“, forschte der Gatte, der die Szene vom 
Schlafzimmer aus beobachtet hatte. 
„Meine verlorene Zigarettenspitze ist wieder da“, sagte 
SybiEe, und war totenbleich vor Schreck. 
„Du hast sie gewiß in der Wohnung verloren“, sagte der 
listige Theodor, und kniff ein Auge zu. 
„Nein, nein“, rief SybiEe, „ich habe sie unterwegs verloren, 
aber das ist doch nicht mögUch, das wäre doch eine Gemein 
heit sondergleichen.“ 
„Was wäre'eine Gemeinheit“, sagte der Gatte ganz geknickt, 
denn er hatte ein sehr schlechtes Gewissen. 
SybiEe aber hörte ihn gar nicht, sie schrie und tobte im 
Zimmer herum, trat ihrem Kingcharles versehentlich auf den 
Fuß, daß er aufheulte, kurz, machte eine Szene, daß dem 
armen Theodor Angst und Bange wurde. Nun galt es klug 
sein. Sie ahnte etwas, sie mußte auf eine falsche Spur gelenkt 
werden. 
„Höre mal zu, ByEchen“, sagte er und sprang mit dem 
seidenen Pyjama aus dem Bett. 
SybiEe tobte, das fehlte ihr gerade noch, daß der Liebling 
sie ByEchen nannte. Er aber trat hinter sie und schloß sie 
zärtlich in die Arme. 
„Weißt du, wo ich die Spitze herbekommen habe?“ 
forschte er. 
SybiEe erschrak tief, nun war aEes verraten, sie lenkte ein 
und drängte ihren duftigen, blonden Kopf an Theos breite 
Männerbrust; der Trick versagte nie. 
Theodor streichelte ihr Haar; sie atmete auf. Und dann 
sagte er: „Ich habe sie der Prinzessin Ligny für dich abkaufen 
lassen, sie war in großer Geldverlegenheit! “
        
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