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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 21 
Jafirg. 27 
telligent, strebsam und eifrig war, wie ihr Paul, doch 
nicht imstande sein würde, eine Familie zu ernähren. 
Guter Wille und anständige Gesinnung sind zwar 
zwei sehr löbliche Eigenschaften, reichen aber in 
unserer ach so materiell eingestellten Zeit noch nicht 
zum Lebensunterhalt aus. 
So zerbrachen die beiden sich ihre Köpfe; anver 
trauen wollten sie sich niemand, und so machte ihre 
verzweifelte Stimmung von Tag zu Tag Fortschritte. Bis 
Helga eines Tages ganz vergnügt lächelnd zu Paul kam, 
und auf seine ungeduldige Fragen nur antwortete, es 
werde hoffentlich noch alles gut werden. 
Dann erzählte sie ihrem Liebsten kurz den folgenden 
Tatbestand: 
Ihre älteste Schwester Feodora habe sich vor sieben 
Jahren mit dem Majoratsbesitzer und -Herrn auf Gut 
Schlössikow, Grafen Walter von Kardell vermählt; 
diese Ehe sei leider bis zum heutigen Tage kinderlos 
geblieben und wenn das gräflich Kardellsche Ehepaar 
nicht bis zum Ende des kommenden Jahres einen 
Majoratserben vorzuweisen habe, müsse es von dem 
schönen Herrensitz im Frankenwalde herunter, weil 
nach dem Familiengesetz der Grafen und Freien Herren 
von Kardell auf Schlössikow in Franken dann der 
jüngere Bruder das Majorat bekäme, ganz gleich, ob 
der ältere mitsamt seiner Frau noch am Leben wäre. 
Paul war mit Recht empört über diese unmenschliche 
Bestimmung in dem gräflich Kardellschen Familienge 
setz, wußte aber nicht recht, was ihn und seine Helga 
diese mittelalterlichen Bestimmungen einer längst über 
lebten Feudalgesetzgebung angingen. 
Erst als seine Braut ihm berichtete, sie habe kurzer 
hand an ihre Schwester Feodora und deren Gatten, den 
Grafen, geschrieben, wie es um sie stünde, wurde dem 
harmlosen Paul klar, was man da für eine Intrige anzu 
spinnen im Begriffe war. 
„Aber das ist ja “ 
„Ach, schweige doch, du überkorrekter Herr; willst 
du lieber, dein Herzensschatz soll hier in Elend und 
Schande umkommen, nur weil die Borniertheit meiner 
Kaste mir nicht erlaubt, glücklich zu sein mit dem 
Manne, den ich liebe?“ 
„Ja, aber deine Geschwister, was sagen die dazu?“ 
Statt aller Antwort wies Helga ihrem Paul ein Tele 
gramm vor, das sie, wie sie hinzusetzte, vor einer 
Stunde „postlagernd“ erhalten habe. 
Es enthielt nur die Worte: „Komme sofort hierher. 
Feodora.“ 
„Na, und?“ warf Paul ganz ängstlich ein. 
„Ich habe schon mit Papa gesprochen; er ist durch 
aus damit einverstanden, daß ich zu meinen Ge 
schwistern fahre.“ 
„Also gut, dann fahre man!“ 
* 
Nach einigen Wochen bangen Wartens erhielt Paul 
Bücher aus Schlössikow in Franken die Nachricht, daß 
sich das gräflich Kardellsche Ehepaar herzlich mit der 
Schwester und Schwägerin gefreut habe, daß alle Pläne 
von den Geschwistern gutgeheißen worden seien, und 
daß Helga ihre Schwester Feodora sogar zu überreden 
gewußt habe, ihn, Paul, als Gast nach Schlössikow ein 
zuladen. 
In der Tat fuhr Paul Bücher auch wenige Wochen 
darauf nach Franken, wo er auf dem Kardellschen Gut 
sehr herzlich aufgenommen wurde. 
Selige Tage ungetrübten Beisammenseins verflossen 
für das junge Paar, welches von dem Grafen und seiner 
Frau nicht im mindesten in seiner Zärtlichkeit gestört 
wurde. 
Alle vier harrten dem Erscheinen des jungen Erden 
bürgers entgegen, der den nicht kommen wollenden 
Majoratserben der Grafen von Kardell ersetzen sollte. 
Paul war wohlgelittener Gesellschafter bei dem Herrn 
des Hauses, und die Damen erfreute er fast Abend für 
Abend durch sein vollendetes Klavierspiel. 
Frau Gräfin von Kardell erinnerte sich sogar daran, 
daß sie, als sie noch Feodora von Minden hieß, einst 
eine recht nette Sopranstimme gehabt habe. 
Es war ganz natürlich, daß man jetzt, unter der 
kundigen Leitung Pauls, auf die alten Gesangstudien 
von ehemals zurückgriff, und bald verging kein Vor 
mittag, an dem nicht Frau Gräfin Feodora unter Herrn 
Pauls Leitung gesungen hätte. 
Helga, deren eigenes, verändertes Wesen sie selbst 
ganz und gar in Anspruch nahm, bemerkte von der 
Intensität dieser gemeinsamen Gesangsstudien nichts, 
noch weiniger fielen sie dem Herrn Grafen von Kardell 
auf, der fast den ganzen Tag auf den weiten Feldern 
seiner Güter umherritt oder seiner stärksten Passion, 
der Jagd, frönte. 
Als endlich die Stunde kam, da der Majoratserbe von 
Schlössikow durch Tante Helgas persönliches Bemühen 
das Licht der Welt erblicken sollte, trat eine Art feier 
licher Erwartungsstimmung bei den vier Nächstbe 
teiligten ein. 
Frau Feodora legte sich pro forma zu Bett, während 
in einem Zimmerchen eines rückwärts gelegenen 
Flügels des Schlosses Fräulein LIelga, nur betreut von 
einer durch eine ganz außerordentlich hohe Summe ge 
wonnene und zu ewigem Schweigen verpflichtete Dame, 
die im Privatleben der edlen Hebeammenzunft der 
Stadt Nürnberg angehörte, dem künftigen Schloßherrn 
von Schlössikow das Leben schenkte. 
Wer aber beschreibt das Entsetzen des gräflichen 
Paares und nicht minder das Helgas und Pauls, als Frau 
Brauhers, so hieß die gütige Dame aus Nürnberg, nach 
sachkundiger Prüfung feststellte, daß der von Fräulein 
von Minden dem Geschlecht der Grafen von Kardell 
geschenkte Erbe — ein Mädchen wäre. 
Nachdem man sich von seinem ersten Schrecken er 
holt hatte, beratschlagten die vier Beteiligten, was unter 
den obwaltenden Umständen zu tun sei. 
Schon wollten die beiden Männer alle Hoffnung auf 
geben, als Gräfin Feodora sich schüchtern zum Wort 
meldete und die nicht unwesentliche Bemerkung fallen 
ließ, sie glaube, mit Bestimmtheit sagen zu können, daß 
sie zur Geburt eines Majoratserben fremder Hilfe, auch 
der der eigenen Schwester nicht mehr bedürfe, sie fühle, 
mit anderen Worten, daß sie selbst 
Gerührt sprang Graf Kardell auf und drückte seine 
Gattin an sich, sie innig dankbar auf die Stirn küssend. 
Feodora aber gab diesen Blick der Dankbarkeit an 
Paul Bücher weiter, dessen gesanglicher Unterricht bei 
der Gräfin Wunder gewirkt haben mußte. 
Helga ahnte von diesen geheimnisvollen und doch so 
natürlichen Zusammenhängen nicht die Spur. 
Sie war selig, als sie, wenige Wochen später, in der 
kleinen Hauskapelle der Grafen von Kardell ihrem 
Paul ehrsamst angetraut wurde. 
Genau ein Jahr, nachdem man im intimsten Kreise 
die kleine Pauline Bücher dortselbst getauft hatte, hielt 
man mit allem festlichen Prunk den von Frau Feodora 
geborenen wirklichen und echten Sprossen der Grafen 
von Kardell über das uralte, silberne Becken mit dem 
heiligen Wasser. 
Unter seinen Paten befand sich auch sein Onkel Paul, 
der über seine eigene Tüchtigkeit so erstaunt war daß 
er den kleinen Schreihals während der heiligen Hand 
lung beinahe hätte fallen lassen. 
Auch Papa von Minden, der alte General, war ver 
söhnt und umarmte gerührt seine Schwiegersöhne 
indem er zu Paul Bücher sagte: 
„Mein Sohn, du wirst noch manches in unseren 
Kreisen kennen lernen, wovon du bisher vielleicht keine 
Ahnung hattest.“ 
Der Angeredete stimmte fröhlich zu und stieß beim 
Taufdiner kräftig mit seinem Schwiegerpapa auf das 
Gedeihen der ganzen lieben Familie an. 
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