Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 21 
4 
ratur zurückgezogen — bis Markus Sittikus, der Fürst 
bischof, ihr begegnet war und ihrer Laute den Gesang, 
ihren Büchern die Philosophie zugeführt hatte. Eine 
warmherzige Freundschaft, eine sehnsüchtige Neigung 
war zwischen den beiden reifen Menschen entstanden, 
während der Rittmeister, von dem nur einmal, im Frü- 
jahr 1619, eine Nachricht nach Salzburg gekommen war, 
schwieg und schwieg. 
Die kleine Gesellschaft, in deren Kreis der Bischof 
und Frau von Mabon standen, hatte sich an die Freund 
schaft zwischen den beiden gewöhnt; niemand fand an 
ihrem Verhältnis etwas auszusetzen; es gab sogar — 
unter den Geistlichen wie den weltlichen, unter den 
Herren wie den Damen — viele, die es dem würdigen 
Herrn mit einer Art Schadenfreude gönnten, daß er an 
die ernste, jeder leichten Lebenslust offenbar abge 
neigte Dame geraten war. So wären die beiden, als sie 
erst in ihren Träumen und Gedanken begannen, die 
Arme nacheinander anszustrecken, bereits unbeobachtet 
genug gewesen, es'in Wirklichkeit zu tun. — 
Sophie Henriette freute sich, den Freund wieder 
einmal außer aller Gesellschaft, zu zweien allein, treffen 
zu sollen, und verbarg sich nicht, daß der Strom der 
Gedanken sie tiefer aufwühlte als die Region des 
Geistes reichte. Von ihrem Gatten trennten sie nicht 
nur unabschätzbare Länderstrecken, sondern auch 
innere Abstände ohne Maß; dagegen war sie in Markus’ 
Wesen schon so tief hineingeraten, daß selbst eine 
Frau ihrer Art nicht mehr anders konnte, als ihm mit 
allem gehören. Aber sie vertraute darauf, daß sich 
zwischen ihnen nie eine Gelegenheit ergeben würde, die 
den wahren Zustand ihrer gänzlichen Hingegebenheit 
zeigen könnte. Denn sie scheute die Schwelle, an der 
die Frau ein Zeichen ihres Willens geben muß — um 
nichts in der Welt hätte sie dies Zeichen geben mögen. 
# 
Am nächsten Tage führte Markus Sittikus sie durch 
seinen Garten. Viel Schönes war neuentstanden; die 
Brunnen waren vermehrt, die Grotten frisch verziert, 
die Beete verdoppelt. Markus war in der übermütigsten 
Laune. „Ihr schwärmt wie sämtliche Liebhaber der 
Penelopeia zusammen“, sagte Sophie Henriette lächelnd, 
„aber es steht diesem ernsten Gewand, das ich auf 
Euern Wunsch trage, nicht an, Euern Übermut zu 
teilen.“ Da lächelte Markus Sittikus stiller, und, wie 
es schien, auch tiefer, als sie es bisher gesehen hatte, 
und sie begann, ein Geheimnis zu fürchten. 
Aber Markus lenkte sie ab, indem er über des Opicii 
Teutsche Poemata zu sprechen fortfuhr — „sicherlich 
ist es die wichtigste Neuerscheinung dieses Jahres und 
geeignet, einen Abschnitt in unserer Literatur zu er 
zeugen.“ Da. schrie Sophie Henriette entzückt auf: sie 
hatte in dem Bassin, an dem sie eben vorbeischritten, 
eine Stufe entdeckt, über die das silbrige Wasser wie 
über eine Schleuse rauschte, und die Stufe war mit 
einem bunten Mosaik belegt, das sonnenglitzernd durch 
das Wasser leuchtete. 
Sie hielt an und beschaute ganz versunken dies herr 
liche Schauspiel. Da war es ihr plötzlich, als ob es zu 
regnen beginne, sie sah auf und bemerkte erst jetzt, 
daß Markus in einige Entfernung von ihr getreten war. 
„Soll es regnen?“ fragte sie harmlos zu ihm hinüber, 
„der Himmel scheint doch ohne alle Wolken blau.“ 
Aber schon regnete es stärker; sie wandte sich um und 
sah erschrocken, wie die Geweihe an dem gegenüber 
liegenden Portal aus allen ihren vielen Spitzen sie mit 
unübersehbaren Strahlen bespritzten; sie schrie und 
wollte flüchten: da schossen aus dem Boden ganze 
Garbenfelder von Wasserstrahlen auf, sie drehte sich: 
wohin sie sich wandte, sprangen ihr neue Garben ent 
gegen. Sie schrie unaufhaltsam, aber in das Entsetzen 
mischte sich Wollust: mit wohliger Wärme rieselte das 
Wasser an ihrem Leibe nieder. 
An ihrem Leibe? Ja — sie sah an sich nieder und 
schlug die Arme über der Brust zusammen: das leichte 
griechische Gewand war fest an ihren Leib gegossen, 
das rosige Fleisch schimmerte hindurch — nichts war 
verborgen. 
Sie blickte ratlos zu der Stelle hinüber, wo sie Markus 
zuletzt gesehen hatte: er war verschwunden; vor ihm 
stand, auf den rauschenden Wassern glitzernd, ein 
Regenbogen 
Nach und nach versiegten die Wasser, der Regen 
bogen erlosch, und, mit den Fingern an ein paar 
Knöpfen im Gemäuer spielend, kam Markus Sittikus 
zum Vorschein. 
Sophie hätte fliehen können. Irgendwohin, ins Ge 
büsch, hinter Bosketts; sie tat es nicht. Sie begriff und 
hielt stille. 
„Ich habe dich nackt gesehen!“ rief Markus zu ihr 
hinüber. Sie hob die Augen; sie sahen sich an; dann 
schlug sie die Blicke nieder. 
Mit einem Sprung war Markus bei ihr und warf ihr 
einen samtgefütterten Pelz über, hob sie auf die Arme 
und trug sie fort ins Schloß. 
❖ 
Man sieht heute, wenn man den Park von Hellbrunn 
betritt, an einem kleinen Berg ein Schlößchen liegen. Es 
heißt das „Monatsschlößchen“, weil es in einem Monat 
erbaut ist. In diesem eilig gebauten Schlößchen hat die 
Frau von Mabon einige — und zwar die schönsten — 
Monate ihres Lebens zugebracht. Der Regenbogen war 
wieder einmal eine Brücke zur Hoffnung gewesen. 
ABC 
(DER LE B E N S S P I E G E L) 
ist das Leib* und Magenblatt der gebildeten Welt
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.