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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 2o 
JaBrg. 27 
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Am Abend hatte der größte Teil der Mannschaft des 
stolzen Ostasienfahrers Landurlaub erhalten. 
Unter den Heizern und Matrosen, die in der zweifel 
haften Schankstube der „Qeen. of Irland“ mit den dort 
anwesenden „Damen“ der käuflichen Venus von 
Colombo ihre absolut eindeutigen Scherze trieben, be 
fand sich auch einer, ein Heizer, mit Ruß bedeckt, die 
Kleider voller Schmieröl, den seine Kameraden nicht 
kannten, der sieh aber gleich sehr vorteilhaft bei ihnen 
einführte, indem er Wisky und Bargeld verteilte, wenn 
sie versprachen, kein Wesens davon zu machen, daß 
er köiner der Heizer sei. 
Kurz vor Mitternacht hatten zwei Frauen die Schenke 
betreten, in denen Felix — kein anderer steckte unter 
der Verkleidung des fremden Fleizers — sofort Mahela, 
die braune Zofe und Lady Edith, die blonde Gattin des 
Generalkonsuls Pemborough entdeckt hatte. 
Die zügelloseste Ausgelassenheit herrschte hier in 
diesem Kreise, die Zügelloseste aber und Ausgelassenste 
aller Anwesenden war Edith, die sich das rote Blond 
haar stumpf bräunlich gefärbt hatte und so für einen 
Uneingeweihten sicher nicht zu erkennen gewesen wäre. 
Felix hielt sieh absichtlich von ihr zurück, das schien 
sie zu bemerken und zu reizen. 
„Höre mal, du da, bist du auch ein Deutscher?“ 
redete sie ihn in einem allerliebsten Gemisch von 
Deutsch und Englisch an. 
Er nickte bejahend, als fürchtete er, sich durch seine 
Stimme zu verraten. 
„Heizer von der „Prinz Ludwig?“ forschte sie weiter, 
und als er abermals nickte, sprang sie ihm mit der Geste 
einer Hafendirne auf den Schoß. 
„Du“, fuhr sie fort, „ich liebe die deutschen Seeleute, 
besonders die Heizer, wenn sie so gerade aus ihrer 
heißen Arbeit heraufkommen zu uns ans Land. Donner 
wetter, hast du Muskeln!“ 
Dabei strich sie ihm liebkosend über seine braunen, 
mit Ruß und Maschinenöl „einparfümierten“ Ober 
arme, 
„Du, sei nett, spendiere mir einen Whisky — Soda, 
oder besser noch, einen Absynth!“ bat jetzt die Lady- 
Dirne ihren Gentleman im unverfälschten Londoner 
Straßenmädchen jargon. 
Sofort erfüllte Felix die Bitte der ihm, ach, so be 
kannten Unbekannten, und bald saßen sie beide 
zechend zusammen. 
Eine Stunde später bekam Felix in einer der wenig 
anmutsvollen Gaststuben des Hotels „Queen of Irland“ 
all das zu kosten, worum er wochenlang vergeblich ge 
bettelt hatte. Einen Zwanzig-Rupienschein hatte die 
Pseudodirne ihrem Gast, der sie nach herrschender 
Landessitte im voraus für ihre Gunst entlohnen wollte, 
mit den Worten zurückgegeben: 
„No, my dearling, von dir nehm’ ich nichts, du bist 
gerade mein Typ, wie ich ihn mir wünschte und ich bin 
so ausgehungert auf German Heizer von die großen 
Schiffe!“ 
In der Tat hatte Felix in seinem Leben noch kein so 
feuriges Weib in seinen Armen gehalten, wie diese 
Lady, die so gern eine Hafendirne sein wollte. 
Er selbst stand seinen Mann, und als er eine Be 
merkung darüber machte, ihre braunen Locken, die sie 
ganz gelöst hatte, müßten doch gefärbt sein, da hatte 
sie ihm lachend auf den Mund geklopft, denn die 
Gründe seiner Beweisführung waren ihr etwas allzu 
deutlich gewesen. 
Am anderen Morgen, als die helle Tropensonne schon 
recht kräftig in die niedrigen Fenster des Hotel- 
zimmerchens schien, erwachte Felix an der Seite seiner 
unersättlichen Gefährtin. 
Die war selbst schon erwacht und war nun so lieb und 
zärtlich zu ihm, daß er das dreimalige Heulen einer 
Dampfsirene aus dem Hafen ganz überhörte. 
Erst als seine hübsche Kameradin den wieder müde 
gewordenen Heizer darauf aufmerksam gemacht hatte, 
daß der „Prinz Ludwig“ soeben das letzte Signal vor 
seiner Abfahrt gegeben habe, da kuschelte sich Felix 
ganz nahe an die schöne Frau heran und flüsterte ihr 
ins Ohr; „Was geht mich der „Prinz Ludwig“ an, mag 
ja ein sehr schönes Schiff sein; aber ein deutscher 
Forscher ist noch lange kein deutscher Seemann, selbst 
wenn die braune Kate aus der Schankstube der „Queen 
of Irland“ die rotblonde Lady Edith Pemborugh sein 
sollte. 
Da erkannte Edith, daß sie von Felix überlistet 
worden war und bewies ihm ihre Anerkennung für 
seine Schlauheit durch doppelte Zärtlichkeit. 
Am anderen Tage kehrte Felix betrübten Antlitzes 
in das Flaus des Generalkonsuls Pemborough zurück 
und erklärte diesem, er habe in der Nacht vor der Ab 
fahrt des „Prinzen Ludwig“ so lange und eifrig an der 
Ausarbeitung seiner wissenschaftlichen Notizen ge 
sessen, daß er die Abfahrt des Dampfers versäumt 
hätte. Jetzt müsse er warten, bis wieder so ein braves 
Schiff von Aden kommend über Colombo nach dem 
Osten fährt. 
Generalkonsul Pemborough wunderte sich auch dies 
mal nicht und drängte seinen deutschen Gastfreund 
auch keineswegs zur Abreise, als ein neuer Ostasien 
fahrer unten im Flafen vor Anker gegangen war. 
Wenige Monate später brach der Weltkrieg aus, und 
Felix, der von Pemborough auf Betreiben von dessen 
Gattin als Schweizer rekognosziert wurde, durfte volle 
fünf Jahre in dem gastlichen Hause des Generalkonsul 
paares verweilen. 
Frau Edith war nämlich der Ansicht, daß eine 
englische Lady auch trotz des Krieges auf einen 
deutschen Heizer nicht Verzicht zu leisten brauchte. 
★ 
GELIEBTE, KOMM./ 
VOLKSLIED A US A TG H AN IST AN. 
DEUTSCH VON HANS BETHGE. 
O komm, Geflehte! Immer wieder ruf icß; 
Komm zu mir/ Sefßst die Papageien kfagen 
Und weinen faut nach dir. Geßießte. komm! 
Die Lippen meines Mundes sind wie Zucker, 
Wie Honig ist das Tfeisch um meine Zähne, 
Mein Herz ergfänzt von Ließe. Komm, okomm! 
Die Hyacinthe hat in deine Tfechten 
Den wundervoffsten Duft gemischt. Dein Hafs 
Ist wie ein Bfütenstengef schlank und fein. 
Auf deinem Antfitz haßen Rosen sich 
Entfaftet, und ein Schönheitsfleck vereinigt 
Zu ßofdem Bogen deine Augenbrauen. 
Mein Lehen ist wie Schutt und öde Trümmer, 
Aus meinen Augen rinnen ßfutige Tränen, 
Die Trennung tötet mich. Gefießte, komm! 
Ich hin nicht meiner Herr mehr. Ich hin trunken 
Und toff. Seit einem Jahr fieg' ich im Sterken, 
Und du nur kannst mich heißen, — afso komm!
        
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