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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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nach Mitteln, um seine rachgierigen Wünsche möglichst 
bald erfüllt sehen zu können. 
Da kam ihm ein unverhoffter Zufall zu Hilfe. Jimmy, 
der singalesische Boy des Generalkonsuls, hatte das 
Amt, den deutschen Herrn jeden Morgen unmittelbar 
nach dem Bade zu rasieren. 
Bei dieser Gelegenheit geschah es, daß Jimmy eines 
Tages unterhalb des linken Auges von Felix einen ganz 
kleinen und feinen, rotunterlaufenen Strich entdeckte. 
„Was haben Master German hier?“ fragte Jimmy 
plötzlich und erschrak im gleichen Augenblick, als er 
bemerkte, daß er — ganz gegen das Landesgesetz und 
den Brauch es gewagt hatte, ungefragt, einen Sahib 
(Europäer) anzureden. 
Aber die Frage war heraus und Felix’ Aufmerksam 
keit auf den kleinen roten Striemen in seinem Gesicht 
gelenkt, den er vorher gar nicht bemerkt und beachtet 
hatte. 
Jetzt sah er im Spiegel deutlich die Spur, die die 
Spitze von Ediths Reitgerte in seinem Gesicht zurück 
gelassen, ohne daß er bisher etwas davon bemerkt hatte. 
„Damned!“ stieß Felix unwillkürlich hervor. „That’s 
nothing, Jimmy, rasiere weiter“ 
„O, doch, Master German“, fuhr der Eingeborene 
in seinem drolligen radebrecherischen Englisch fort, 
„Jimmy alles gesehen, von ganz nah im Wald, als Lady 
Master German mit Reitgerte eins gepeitscht hat.“ 
„Unsinn“, wollte Felix erwidern, aber ein Blick in 
das todernste Gesicht des Singalesen belehrte ihn, daß 
hier kein Ableugnen etwas helfen konnte. Dabei be 
merkte Felix, wie ein unheimlicher Rachefunken in den 
dunklen Augen des Eingeborenen aufglomm. 
„Master German“, fuhr dieser jetzt im Flüstertöne 
fort, „Lady Edith viel grausam zu allen Männern; will 
immer, daß alle sie anbeten wie Brahma, und wenn 
Männer — ganz gleich, ob bleiche oder braune, vor ihr 
niederfallen, dann lacht Lady Edith oder schlägt nach 
den dummen Männern mit Peitsche.“ 
Es hatte ganz den Anschein, als ob der braune 
Bursche hier aus eigenster Erfahrung spräche, und ob 
gleich es für Felix nicht gerade ein erhebendes Gefühl 
war, Master Jimmy als Schicksalsgenossen und Rivalen 
um Lady Ediths Gunst zu wissen, so konnte er sich 
doch nicht überwinden, dem Geplauder des Burschen 
mit Neugier zuzuhören. 
Also einfach eine herzlose Kokette war diese Edith, 
eine, die allen Männern — ganz gleich, ob weißen oder 
farbigen — ä tout prix den Kopf verdrehen mußte, um 
sie dann zu verhöhnen, oder bei etwaigen Annäherungs 
versuchen zu demütigen. 
Eben wollte sich Felix losmachen von seinen Ge 
danken und über die ganze fatale Angelegenheit zur 
Tagesordnung übergehen, als Jimmy .mit geheimnis- 
volleni Ton in der Stimme sich anschickte, seine Be- 
richte über Lady Edith fortzusetzen. 
„Und doch ich wissen“, flüsterte der braune Mann, 
„daß Lady Pemborough sich gern abgibt mit Männern; 
nur nicht so, daß andere es wissen.“ 
„Was heißt das?“ fuhr jetzt Felix auf, den diese un 
geheuerliche Behauptung des Singalesen halb neugierig, 
halb eifersüchtig gemacht hatte. 
„Wenn Master German schlau sind, können Master 
German die Herrin überraschen.“ 
„So — schnell erzähle, wie, wo, wann!“ 
„Morgen kommt wieder großes German Dampfschiff 
nach Colombo, welches regelmäßig kommt Von Aden 
nach Colombo und weiterfährt nach Singäpore. An 
Bord sind viele Leute, welche mit Urlaub kommen an 
Land. Für diese Germans hat Lady Edith Viel, viele 
Liebe; sie sich verkleidet und geht in Hafenkneipe, wo 
sie mit den Leuten trinkt und ganze Nächte Liebe 
macht.“ 
„Das lügst du, Bursche!“ fuhr Felix jetzt auf, in 
welchem sich das beleidigte Europäertum gegen den 
frechen Eingeborenen regte. 
„O, Master German können fragen Mahela, meine 
Schwester, die ist als Zofe bei Lady Edith, muß sie 
immer umkleiden und begleiten. Aber Mahela an 
ständiges Mädchen, lacht nur und trinkt, Lady aber bis 
zum Morgen mit Matrosen im Hotel „Queen of Irland“ 
schläft.“ 
Das Hotel, das der Braune jetzt erwähnte, ar ein 
übel berüchtigtes Hafenwirtshaus, in welchem die 
minderwertige Halbwelt Colombos sich für billiges 
Geld an die seefahrenden Gäste aus aller Herren Länder 
verkaufte. 
Jimmy schien mit seinem Bericht noch nicht zu Ende, 
er räusperte sich ein wenig und fuhr dann im Flüster 
ton fort, während er das Rasiermesser kunstgerecht 
über Felix’ Wangen gleiten ließ: 
„Größte Liebe hat Lady für Heizer vom Dampf 
schiff, müssen ganz voller Ruß sein, so wie sie kommen 
vom Kesselraum. Wenn einer ist schön gewaschen und 
frisiert, Lady nichts will wissen von ihm. Muß sein ganz 
natürlich.“ 
„Also so Eine bist du, stolze Edith“, dachte Felix, 
„eine von den übersättigten Weibchen der oberen Zehn 
tausend. Heizer von deutschen Lloydschiffen mit 
Kohlenstaub und Arbeitsausdünstung, die sind deine 
Spezialität. Ist ja vielleicht zu begreifen, eine gewisse 
unbefriedigte Sehnsucht nach gesunder Natürlichkeit. 
Aber deswegen einen Mann wie mich s o zu behandeln, 
mit Zuckerbrot und Peitsche, als ob ich in den drei 
Jahren Ceylonischen Urwaldlebens nicht natürliche, 
gesunde Sinnlichkeit in genügendem Maße aufge 
sammelt hätte.“ 
In diesem Augenblick durchzuckte sein Gehirn ein 
diabolischer Gedanke. Rache und Sinnengenuß ver 
einen, süßeste Liebeslust kosten und dann triumphieren 
über die besiegte Gegnerin. Ja, das wollte er. 
Und laut, zu Jimmy gewandt, fragte er den 
Singalesen: „Weißt du, wann wieder ein deutscher 
Dampfer Colombo anläuft?“ 
„Morgen nachmittag, Master German, kommt die 
„Prinz Ludwig“, direkt von Aden. 
„Glaubst du, daß dann abends Lady Edith wieder im 
Hotel „Queen of Irland“ sein wird?“ 
„Bestimmt, Master German, ganz sicherlich.“ 
„Schön“, sagte Felix, und zog seine Brieftasche, hier 
hast du 100 Rupien, die darfst du behalten, wenn du 
mir noch heute nachmittag eine Unterredung mit 
deiner Schwester, der Zofe Mahela verschaffst. Sie soll 
ebenfalls 100 Rupien von mir bekommen, wenn sie mir 
helfen will, meinen Plan auszuführen.“ 
Und dann setzte Felix dem über das Geldgeschenk 
beglückten Jimmy alle Einzelheiten seines Planes aus 
einander, der beiden Männern immer besser gefiel, je 
eingehender sie sich damit beschäftigten. 
* 
Pünktlich am Nachmittag des folgenden Tages lief 
xf r Yf m P^ er ”P r ^ nz Ludwig“ von der Ostasienlinie des 
Norddeutschen Lloyd in Colombo ein. 
Schön am Abend vorher hatte Dr. Felix Rücker seinen 
englischen Gastgebern erklärt, daß er leider seinen 
Aufenthalt bei ihnen abbrechen müsse, da er — einer 
wichtigen Arbeit wegen — mit dem „Prinz Ludwig“ 
nach Honkong fahren müsse. 
Konsul Pemborough hatte diese Erklärung seines 
deutschen Gastes entgegengenommen, ohne weiter viel 
über die Gründe dieses etwas plötzlichen Abreise 
beschlusses nachzudenken. Frau Edith war sich dagegen 
sofort darüber im Klaren, daß Felix den Peitschenhieb 
und die Zurückweisung im Walde sich so zu Herzen 
genommen habe, daß er beschlossen hatte, das Haus 
seiner grausamen Angebeteten so schnell wie möglich 
zu verlassen. 
Schon am Morgen des folgenden Tages hatte Felix 
das Pemboroughsche Haus verlassen, angeblich um sich 
auf den „Prinz Ludwig“ einzuschiffen.
        
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