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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jafirg. 27 
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achtzehn Jahre alt, und wenn du dich anstellst wie ein 
Lehrling, dann bist du bei mir einfach abgemeldet.“ 
Weit riß der Bräutigam den Mund auf; seine Augen 
wurden groß und größer, er fing zu stottern an. 
„Stottere nicht, handle!“ befahl sie. 
Da fiel er zurück auf die Bank, Tränen füllten seine 
Augen und er stieß hervor: „Hildegard, hat dich eines 
Mannes Liebe je berührt?“ 
„Ich war in der Selekta der Töchterschule“, er 
widerte sie kurz. 
Nun wußte er genug. Sie war in der Selekta der 
Töchterschule. 
Da wurde die achtzehnjährige energisch und sie 
sagte: „Mama ist verreist, alle Wege zum Glück stehen 
uns offen, also . . . .“ 
Der junge Mann besann sich. 
„Über was simulierst du so lange?“ fragte sie. „ln 
vier Wochen haben wir Hochzeit, nach einem so 
schweren und großen Tage möchte ich dann nachts 
meine Ruhe haben.“ 
„Du hast recht, Geliebte, ich verstehe dich.“ 
Als er das reizende Mädchenzimmer betrat, schloß 
er beglückt die Augen. „Wie lange bleibt Mama?“ 
fragte er. 
„Bis übermorgen, mein Schatz.“ 
„Und wie lange bleibt das Mädchen in der Stadt?“ 
„Ach, du Dummchen, ich habe sie ja zu ihrer Tante 
geschickt und sie wird wohl erst nächste Woche wieder 
kommen.“ 
Als Erich am nächsten Morgen etwas müde erwachte, 
jubelte er seine kleine reizende Braut an: „Hildegard, 
wir haben viel versäumt.“ 
Der <£eCa.ckmeierte CLutofafarer 
Er stand am Potsdamer Platz und schaute den kleinen 
Mädchen nach. Sie kamen alle entweder einzeln oder 
in Rudeln vorüber. Schöne, häßliche, alte, junge, runde, 
schlanke, elegante und gewöhnlich aussehende. 
Um einem Mädchen zu gefallen, lächelte er, wie er 
sich auszudrücken pflegte, erotisch. Die Damen re> 
agierten teils, teils fanden sie den Kerl albern. Eine 
ging vorüber und sagte zu ihrer Freundin: „Hast du 
den Affen gesehen?“ 
Die Freundin erwiderte: „Nee, der hat ’n Gesicht wie 
ein Rhinozeros.“ 
Das hatte August Steinbock gehört, rasch dreht er 
sich auf dem Absatz um und redete die beiden Damen 
an: „Das Fräulein, das Affe gesagt hat, soll meine Ge 
liebte werden.“ 
Wie aus einem Munde sagten die beiden Damen: „Sie 
irren, wir sagten beide Rhinozeros.“ 
„Geschwindelt“, erwiderte Steinbock, „was ich gehört 
habe, habe ich gehört.“ 
„Gott“, sagte die eine, „ist der Mann aufdringlich.“ 
Und die andere meinte: „Wenn Sie uns nun nicht 
gleich in Ruhe lassen, wenden wir uns an den Mann 
auf der Kanzel.“ 
Da lachten die andern zwei und sie sahen vor sich 
den Trompeter auf der Kanzel des Potsdamer Platzes. 
Die Sache war komisch, man lachte und der Bann 
war gebrochen. Man schlenderte gemütlich bis zur 
Bülowstraße, amüsierte sich, fand heraus, daß man ge 
meinsame Freunde hatte und August Steinbock schritt 
als Hahn im Korbe in der Mitte. 
„Und was machen wir jetzt?“ fragte er. 
„Wir werden jetzt hübsch nach Hause gehen“, meinte 
die eine, während die andere sich mehr für eine Likör 
stube entschied. 
Unterwegs küßte man sich nach Herzenslust
        
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