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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 Nr. 2o 
Hildegard, wir haben viel versäumt. .. 
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^ G 0N M. JTRA-CTBUR- 0 ^ Bi [den WeCCmann 
bekehrte, Bräutigam 
in Bräutigam saß mit seinem Bräutchen 
in der Laube von Jasmin. Eine Laube 
von Jasmin hat immer etwas Eroti 
sches, etwas Betäubendes, etwas un 
sagbar Süßes. Das empfand sowohl die 
Braut, als auch der Bräutigam. 
Da die beiden schon vier Monate 
nter der Aufsicht einer treusorgenden 
Mama dahinlebten, war es keinem der Teile vergönnt, 
das Glück der Liebe bis zum letzten Rest auszukosten. 
Die Braut sah ihren Bräutigam oft mit den Blicken - 
einer verliebten Nachtigall an und sein Herz schlug 
groß und gewaltig. 
Aber seine Schwiegermutter hielt auf Anstand und 
gute Sitten. Die beiden wurden nicht eine Minute allein 
gelassen, denn die bejahrte Dame wußte aus ihrer 
Jugendzeit, daß auch sie sich einstmals an einem 
schwülen Sommerabend vergessen hatte, was ihr 
späterer Herr Gemahl ihr merkwürdigerweise nie ver 
zeihen konnte und was er ihr zu gelegener und unge 
legener Zeit wie Butter gern aufs Brot strich. 
Der Bräutigam begann: „O, du meine Geliebte, unser 
Glück ist ein vollständiges.“ 
Die Braut erwiderte: „Aber, ich bitte dich, Erich, 
Mama ist doch verreist. Es könnte noch ergänzt 
werden.“ 
Der Bräutigam flötete: „Geliebte.“ Und schwärme 
risch küßte er ihre rechte Hand. 
„Huch!“ sagte die Braut, „wie wird mir?“ 
Der Bräutigam legte rasch seinen rechten Arm um 
sie und fragte besorgt: „Was ist dir, Hildegard?“ 
„Meine Sinne sind wie betäubt.“ 
Der Bräutigam wurde plötzlich poetisch: „Hildegard; 
aus den Blütenkelchen von Jasmin steigen die Geister 
und klopfen an dein Herz.“ 
Hildegard sah ihn groß und fragend an; „Was tun 
sie?“ 
„Sie klopfen an dein kleines, liebes Herz.“ 
Da stand Hildegard lachend auf und sagte: 
„Herzchen, du hast wohl ’n Vogel?“ 
Er war betroffen und forschte: „Warum hab ich 
einen Vogel?“ 
Erst schwieg sie, dann kam es über ihre Lippen; 
„Hör mal, Erich, Mama ist verreist, das Dienstmädchen 
ist in der Stadt, das Telephon funktioniert heute nicht, 
du wolltest schon lange einmal mit mir ganz allein 
sein “ 
Er unterbrach sie: „Ja, aber .... Hildegard, du bist 
doch so rein, so unschuldig ..... du bist wie ein 
Märchen aus 1001 Nacht.“ 
„Nun habe ich aber bald genug“, erwiderte sie, „ich 
bin ein modernes Weib, ich bin nicht für Späße, ich bin 
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