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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 2o 
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etwas leidend aussah, und ich riet ihr dringend, meinen Pro 
fessor aufzusuchen. 
„Es ist wahr“, antwortete sie min „ich fühle mich nicht 
wohl. Es scheint, daß ich jetzt so nervös bin, wie Marion 
war, aber eine lange Kur gebrauchen, das ist mir zu lang 
weilig. Im übrigen folge ich bereits Ihren Anordnungen, denn 
ich nehme seit einiger Zeit das Strychnin, das meiner Tochter 
so gut getan hat.“ 
Ich hatte nichts dagegen, aber bei dieser Gelegenheit muß 
ich dir sagen, daß das Strychnin außerdem noch die Eigen 
schaft hat, na, wie soll ich es dir sagen, etwas anregend auf 
die Nerven zu wirken. Ich hatte oft auch in diesem Falle 
Gelegenheit, diese Wirkung zu beobachten. 
Da Marions Zustand sich zusehends besserte, hielt ich es 
für überflüssig, daß sie mich jede Woche besuchte und ich 
schlug vor, daß sie nur jeden Monat einmal zur Untersuchung 
kommen möge-. Wie überrascht war ich aber, als ich bereits 
eine Woche später das junge Mädchen, und diesmal ohne ihre 
Mutter, in meinem Wartezimmer wiedersah. Sie erzählte mir, 
daß Frau Wallberg an einer furchtbaren Migräne litt, und 
daß sie selbst in der Nacht wieder derartige Herzbeklem 
mungen gehabt hätte, daß sie glaubte, sterben zu müssen, Ihre 
Mutter, die sehr besorgt war, ließe mich bitten, sie gründlich 
zu untersuchen und ihr -schriftlich Bescheid zu geben. Das Herz 
klopfte in der Tat stärker als je, und während ich Marion noch 
beklopfte, machte sie plötzlich einen Schritt nach hinten, daß 
sie gefallen wäre, wenn ich sie nicht in meinen Armen auf 
gefangen hätte. Sie schlang ihre Arme um meinen Hals, und 
als ich sie besorgt fragte: „Fräulein, was ist Ihnen?“ fiel ihr 
Kopf schwer auf meine Schulter und ihr Gesicht wurde so 
bleich, daß ich, an eine Ohnmacht glaubend, sie sorgfältig 
auf einen Diwan bettete. Aber schnell schlug sie wieder die 
Augen auf: 
„Es ist nichts, es ist schon vorüber . “ 
Zehn Minuten später verabschiedete sie sich mit einem Brief 
von mir an ihre Mutter in der Tasche, aber an der Tür blieb 
sie noch einmal errötend stehen. 
„Nicht wahr, Herr Doktor, ich darf nächste Woche wieder 
kommen? Ich bin bedeutend ruhiger, wenn Sie mich öfter 
untersuchen.“ 
Selbstverständlich sagte ich ihr, daß sie jederzeit auf mich 
rechnen könne. Als ich wieder allein war, dachte ich ernsthaft 
über den Fall nach. Das Mädchen hatte sicher zu viel Strychnin 
genommen. Ich war der einzige Mann in ihrem Leben, und, 
unterstützt oder vielleicht hervorgerufen durch dieses Mittel 
hatte dieses unschuldige Kind sich in mich verliebt. Ich muß 
dir gestehen, daß dieser Verlauf der Kur sehr unangenehm 
war, denn auch ich war ihr gegenüber nicht ganz unempfindlich 
geblieben, und, abgesehen von den Skrupeln, die ich hatte, als 
armer, junger Arzt ohne Praxis um ein steinreiches Mädchen 
zu werben, kam nun der Umstand, daß das, was sie für Liebe 
hielt, nur die Folge des Strychningenusses war. Ich hörte nun 
mit der Strychninbehandlung auf und schlug ihr vor, auf Reisen 
zu gehen. Aber sie schützte eine Erkältung vor, die sie an das 
Bett fesselte und mich zwang, sie zu Hause zu besuchen. Ich 
wußte nicht mehr, wa-s ich beginnen sollte. Fast jeden Tag 
war Fräu Wallber-g in meiner Sprechstunde, denn auch sie kon 
sultierte mich jetzt über ihre Gesundheit, und auch sie ge 
brauchte das Strychnin. Endlich, eines Tages gab ich ihr den 
Rat, ihre Tochter zu verheiraten. Die Antwort, die sie mir 
gab, brachte mich in die größte Verlegenheit, denn ich glaubte 
daraus entnehmen zu können, daß sie die Gefühle ihrer 
Tochter kannte und auch billigte. Sie sagte mir, daß eine Ehe 
ohne Liebe das Schrecklichste auf Erden wäre. Ich antwortete 
ausweichend und sagte-, daß ich gern Bekannte bei ihr ei-n- 
führen würde, und daß wir dann alles andere der Zukunft 
überlassen wollten. Sie dankte mir herzlich, so herzlich, daß 
ich mich mindestens in bezug auf sie getäuscht haben mußte. 
Nein, sie dachte nicht daran, mich als Schwiegersohn haben zu 
wollen, sie dachte an etwas anderes, und das kam auch vom 
Strychnin. Ich hielt mein Versprechen, und acht Tage später 
machte einer meiner Freunde, der Doktor Springer, den Damen 
seinen Besuch. Und es kam, wie es kommen mußte. Springer 
verliebte sich in das junge Mädchen, dem ich, nicht genug die 
Vorzüge meines Freundes rühmen konnte, und als ich von 
einer längeren Reise zurückkehrte, waren die beiden verlobt. 
Aber wenn ich nun glaubte, meine Ruhe wiedergewonnen zu 
haben, batte ich mich getäuscht. Frau Wallberg .setzte ihre 
Besuche bei mir unermüdlich fort, und bei einer derartigem 
Gelegenheit schilderte sie mir ihre liebeleere Zukunft, -die ihr 
nach der Verheiratung ihrer Tochter bevorstand, in .so be 
redten Worten, daß mir endlich die Augen aufgingen. Was 
konnte ich tun? loh riet ihr auch, sich wieder zu verheiraten, 
und — wozu soll ich dir alle die unzähligen Plackereien, die 
ich als Heiratsvermittler auf mich nahm, erzählen — sie wurde 
die Gattin meines alten Professors. Mutter und Tochter 
waren also glücklich verheiratet, aber wenn du denkst, daß die 
Geschichte jetzt zu Ende ist, dann irrst du dich gewaltig. Vor 
ungefähr zwei Jahren zog Springer sich bei einer Operation 
eine Blutvergiftung zu, und drei Tage später war er eine 
Leiche. Ich kondolierte der Witwe schriftlich und erhielt keine 
Antwort. Stelle dir nun meine Überraschung vor, als ich 
Marion vor ungefähr drei Monaten in meiner Sprechstunde 
wi-edersehe. Sie war noch schöner geworden. 
„Erschrecken Sie nicht, Herr Doktor“, sagte sie mir, „ich 
komme nicht als Patientin, ich komme, um mit dem alten 
Freunde wieder zu plaudern von der Zeit, als wir beide noch 
jung waren.“ 
„Sie haben doch wirklich keine Veranlassung, sich alt zu 
fühlen, gnädige Frau.“ 
„Ach, lassen Sie doch die Redensarten. Ich kam hierher, um 
an Sie eine Frage zu richten. Weshalb wollten Sie damals von 
meiner Liebe nichts wissen?“ 
Du wirst begreifen, daß ich im ersten Augenblick sprachlos 
war. Ich sah, daß ich diese Frage nur mit brutaler Offenheit 
beantworten konnte, und ich erzählte ihr von der Kur, die ich 
ihr verordnet hatte, und von den Wirkungen des Strychnin. 
„Das muß wirklich ein wunderbares Medikament sein“, ant 
wortete sie lächelnd, als ich geendet hatte. „Ein wunderbares 
Mittel, denn ich spüre heute noch seine Wirkung.“ 
„Ich verstehe nicht . . . . “ 
„Sehr einfach. Ich heiratete damals, weil- ich ,wußte, daß es 
Ihr Wunsch war, und ich brachte meinem Gatten Zuneigung, 
aber niemals Liebe entgegen. Ich habe in all der Zeit nicht 
aufgehört. Sie zu lieben, und nur die Hoffnung, es ( Ihnen ein 
mal sagen zu dürfen, hat mich aufrecht gehalten.“ 
„Deshalb heirate ich. Es ist ja Bestimmung . . . “ 
Und deine Schwiegermutter?“ fragte ich. 
„Sie ist glücklich. Kürzlich vertraute sie mir an, daß sie 
auch einmal so weit war, sich in mich zu verlieben. Aber ihr 
erzählte ich nicht die Geschichte vom Strychnin. Es wäre mir 
weniger angenehm gewesen, wenn auch bei^ ihr das Mittel 
eine so außerordentliche Wirkung hätte . . . 
SIE HABEN EINE TODSÜNDE BEGANGEN! 
NUN STAUNEN UND ERSCHRECKEN SIE 
JAWOHL, SIE HABEN DAS NEUESTE 
ABC 
NOCH NICHT GELESEN! 
HOLEN SIE SCHLEUNIGST DAS VERSÄUMTE NACH UND 
ALLES KANN NOCH GUT WERDEN 4 INHALT: 100 SEITEN
        
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