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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 20 
Jafirg. 27 
zarten Oberkörper vornübergebeugt, — ein Raubtier, 
zum Sprunge auf die Beute bereit, — um die Lippen 
beißenden Hohn, im grünlichen Auge glimmendes 
Feuer: 
„Eine Hiobspost, Freund und Meister, — ich bin 
heute zum letzten Male hier, -— mein Gatte ist heute 
eingetroffen, — — — ich reise morgen. Und darum, 
mein Freund, heißt’s auseinander gehen — und zwar 
als Leute von Geist und Geschmack. Tränenreicher 
Abschied, nekrologische Beredsamkeit — mauvais 
genre!“ Ihre Hand greift nach dem Tristanglase. Euer 
Heil, mein Freund! Heil dem Tranke! Heil seinem Saft! 
Heil seines Zaubers hehrer Kraft!“ — Ein Sprühfeuer 
tanzt in den dämonischen Augen. Da ist der Mann env 
porgefahren, nicht mehr der rücksichtsvolle Ästhetiker, 
sondern der kraftvolle, körperlich überlegene Mann, in 
dem die Bestie gereizt und entfesselt worden. Mit 
einem gurgelnden Laut der Wut hat er die Hand er 
hoben gegen das diabolische Weib, das mit ihm ein kalt 
sinnig Spiel getrieben, und hat sie zu Boden ge 
schmettert. Dann ist er über sie hingesunken mit der 
befreiten Brutalität des lange beherrschten Empfindens. 
Und als die Schatten der Dämmerung noch tiefer ge 
sunken sind und weder der alte Niccolo von Uzzano, 
noch der römische Cäsar, noch die fliegende Walküre 
haben mehr deutlich sehen und unterscheiden können, 
da ist das Weib mit dem güldenen Haare dem stolzen 
Raum entschlüpft. An dem bronzenen Potikus aber hat 
sie noch einen Augenblick Halt gemacht. Das rote Haar 
und die grünlichen Augen haben im Dunkeln sieghaft 
geleuchtet. „Dank auch für den Schlag und 
— für so viel Liebe!“ Draußen aber klang es die 
Treppen hinab wie das gellende Lachen der Hölle, Und 
der Meister lag am Boden, hingestreckt auf den mar 
mornen, teppichverhüllten Fliesen, 
Tags darauf war der Meister verschwunden, das 
warme, lebenserfüllte Atelier lag tot und verlassen, — 
Den alten Niccolo stört eine arbeitsame Spinne, die 
zwischen ihm und einem verrosteten Ritterharnisch 
ein kunstvolles Gewebe zu knüpfen bemüht ist. Dem 
römischen Cäsar tanzt eine Fliege vorwitzig auf der 
klassischen Nase. Die Beethovenmaske drüben an der 
dunklen Wand wird von Sonnenfäden neckisch ge 
hänselt. Flatternde Sommerträume wehen durch den 
schweigenden Raum. Ein verlorener Hauch schwüler 
Sinnenglut, seligen Selbstvergessens irrt umher. L id 
Sehnsucht, die unsichtbare Fee mit den Zauberhänden 
gleitet auf und nieder, an alle Dinge mit zartem Griff 
zu rühren, daß sie leise erschauern. Nach Leben und 
Liebe, nach Manneskraft und Weibesschöne, nach 
Schaffensjubel und Daseinsrausch sehnt sich der ein 
same Raum. 
Auf dem breiten, mit Studien und losen Blättern be 
ladenen Schreibtisch des fernen Künstlers ruhen: ein 
zarter, duftiger Frauenschleier, ein Paar zierliche Leder 
handschuhe und einige welke entblätterte Rosen. Da 
neben eine geöffnete Flasche schweren, alten Weines 
und zwei hohe Kristallgläser, auf denen die Textworte 
des Tristan zu lesen sind: „O Heil dem Tranke! Heil 
seinem Saft! Heil seines Zaubers hehrer Kraft!“ 
In einem Becher steht noch eine trübsinnige Neige 
des feurigen Rebenblutes. 
I st es wahr, daß du dich verheiratest?“ 
Mit diesen Worten stürzte ich in das Sprechzimmer 
meines besten Freundes, des Doktor Beeren, dessen Ar 
beiten über nervöse Erkrankungen in der medizinischen 
Welt so viel Aufsehen gemacht hatten. 
„Ja, es ist wahr! Wunderst du dich darüber?“ 
„Natürlich. Nach den Ansichten, die du sonst über die 
Ehe zu äußern pflegtest, war ich auf diesen Schritt nicht vor 
bereitet. Wer ist es? Ist es eine gute Partie? Ist cs eine 
Liebesheirat? Na, sprich doch endlich ein Wort!“ 
„Es ist eine Liebesheirat“, antwortete der Doktor, „und 
außerdem ist es der Ausfluß meiner innersten Überzeugung, 
daß niemand seinem Geschicke entgehen kann. Hast du eine 
Viertelstunde Zeit? Dann will ich dir alles erzählen.“ 
Mein Freund reichte mir die Zigarrenkiste, wir steckten uns 
jeder eine Zigarre an, und er ließ sich vor seinem Schreib 
tisch nieder. Bequem in den Sessel zurückgelegt, begann er 
seine Geschichte: „Es sind jetzt gerade achtzehn Jahre — er 
innerst du dich, damals lernte ich auch dich kennen, — da 
betraten eines Tages zwei Damen mein Sprechzimmer. Mutter 
und Tochter. Ich war damals noch ein ziemlich unbekannter 
Arzt, und der Besuch eines Patienten daher immerhin eine 
Seltenheit. Wie es sich bald herausstellte, waren die Damen 
von meinem alten Professor, an den sie sich gewandt hatten, 
zu mir geschickt worden, weil das Leiden der Tochter und 
die Behandlung mehr Zeit in Anspruch nahm, als der be 
rühmte Spezialist erübrigen konnte. Die Mutter, eine Frau 
der Dreißiger, war der Typ einer vornehmen Dame, kühl, ge 
messen, überlegt in jedem Wort, in jeder Miene, die Tochter 
ein entzückendes, kleines, blondes Mädchen von siebzehn bis 
achtzehn Jahren, mit der interessanten Blässe, die blutarmen 
Personen eigen ist. Ich stellte meine Fragen mit unendlicher 
Vorsicht, da ich das spöttische Lächeln, das die Lippen der 
Mutter stets zu umspielen schien, fürchtete. Im übrigen war 
die Diagnose sehr einfach. Das junge Mädchen, sehr lebhaft 
veranlagt, war in der fast klösterlichen Stille, in der sie ihr 
Leben verbringen mußte, nervös geworden. Die Mutter, eine 
Witwe, war sehr religiös veranlagt und hatte sich fast gänzlich 
/on der Welt abgeschlossen, und die Erziehung des Mädchens 
var eine derart strenge, daß ihr sogar nicht erlaubt war, mit 
Gleichaltrigen Freundinnen zu verkehren, die vielleicht frivole 
Ideen in das junge Köpfchen hätten pflanzen können. Die 
Kleine hatte die Beantwortung meiner Fragen fast ganz der 
Mutter überlassen, und als ich nun zu einer körperlichen 
Untersuchung schreiten wollte, blickte sie entsetzt auf diese. 
Wider alles Erwarten war die würdige Dame io diesem Punkte 
aber sehr tolerant; , TT ^ , 
„Sei nicht so kindisch, Marion, der Herr Doktor muß dich 
doch untersuchen,“ 
Die Untersuchung fiel genau so aus, wie ich erwartet hatte, 
das Herzchen schlug etwas ängstlich, sonst war alles in bester 
Ordnung. Ich verordnete ihr also, wie ich es in solchen Fällen 
stets zu tun pflege, vor allem eine geregelte Tätigkeit, um sie 
aus ihrer Lethargie zu reißen, und dann, ohne dich mit allen 
Einzelheiten langweilen zu wollen, täglich zweimal vor den 
Mahlzeiten einen Löffel eines schwachen Strychninpräparates. 
Bei dom zweiten Besuche, den sie mir nach acht Tagen 
machte, konnte ich bereits einen Erfolg konstatieren. Der 
Schlaf war besser geworden, und meine kleine Patientin hatte 
nicht mehr die Wein.krämp-fe, über die sich die Mutter so sehr 
beunruhigt hatte. Ich riskierte es, einige kleine Zerstreuungen 
vorzuschlagen, und ich hatte mit Frau \V allberg eine lange 
Diskussion, welche Vergnügungen wohl einem wohlerzogenen 
Mädchen erlaubt waren. Augenscheinlich hatte der günstige 
Erfolg meiner Kur ihr Vertrauen zu mir erweckt, und ich 
konstatierte bei dieser Gelegenheit, daß sie ihr Kind ab 
göttisch liebte, und daß sie im Grunde eine herzensgute Frau 
war. Sie versprach mir, mit ihrer Tochter in das Theater zu 
gehen, und außerdem ihr Reitunterricht geben zu lassen. Nach 
weiteren zwei Monaten war Marion Wallberg nicht wiederzu 
erkennen. Die Nervosität war verschwunden und nur ein 
leichtes Herzklopfen war die Ursache, daß sie ihre Besuche bei 
mir noch fortsetzte. Sie hatte sich übrigens inzwischen an 
mich gewöhnt, und sie zitterte nicht mehr wie Espenlaub 
wenn ich sie auskultierte. Wir waren alle drei gute Freunde 
geworden. Eines Tages merkte ich, daß nun Frau Wallberg 
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