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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 19 
Ja/irg. 27 
27 
Na, junger Herr, heute so ungeküßt nach Hause gehen? 
Die fremde Frau horchte bei der Melodie der Stimme 
auf, sah ein süßes Mädelgesicht, in dem ein paar große 
fragende Augen standen. Da glitt ein mitleidiges 
Lächeln über ihre Züge und ihre grauen Augen blickten 
unerhört scharf, als sie nun sprach: „Gewiß — es wäre 
nichts dabei gewesen, wenn ich nicht abgeschlagen 
hatte. Ich habe es auch nicht um Ihretwillen getan, 
sondern um meinetwillen. Sie fragen ehrlich — seien 
Sie mir nicht böse, wenn ich ehrlich antworte. Soll ich 
etwa einem Mann das Recht dazu geben, daß er mich 
einer Laune willen auf geben darf? Daß er mir eine 
schuldige Achtung versagt! Und das ist es, dieses 
Recht, was ich, die Ihrem Begleiter noch Fremde, ihm 
mit diesem einen, ersten Tanz geschenkt hätte. Für 
später einmal, irgendwann vielleicht . . . — 
Am Abend lag das blonde Mädel aus der kleiner. 
Stadt mit offenen Augen im Bett und sann nach über 
die Worte der fremden Frau. Sie dachte daran, wie sie 
ihn zuerst kennen gelernt hatte. Vor langer, langer 
Zeit. Bei einem Liedertafelball in der kleinen Stadt. 
Wo er mit einer Dame am Nebentische saß, und wo 
er sie um einen Tanz gebeten hatte. Nur sie allein 
außer jener Fremden. Und sie hatte mit ihm getanzt. 
Das war der Anfang gewesen. 
Das blonde Mädel sann und sann. . . . 
* 
Hans hat es nie verstehen können, warum die blonde 
Kleine am nächsten Tage wieder in die kleine Stadt 
zurückfuhr. 
Er hat sie nicht wiedergesehen.
        
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