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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 19 
Jafirg. 27 
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Eine Stunde später saßen beide wieder sittsam sich 
gegenüber, sie nahm eine Zigarette, zündete sie an und 
paffte mit Wohlbehagen blaue Ringe in die Luft. Der 
Baron schmunzelte. 
,Man kehrt eben immer wieder zu seiner ersten Liebe 
zurück.“ 
Sie meinte: „Eine Geliebte ist sicher milder in jeder 
Beziehung als die Gattin.“ 
Er entgegnete:„Ach Gott, ihr Frauen gewöhnt euch an 
alles, ob ihr Freundinnen heißt oder Ehefrau.“ 
Über diese Prosa hüpfte sie rasch hinweg und fragte: 
„Möchtest du von mir nun auch ein Kind haben?“ 
„Ich danke für die Alimente“, lachte er hell auf. 
Sie wurde nervös: „Es ist eigentlich ärgerlich, daß 
deine Frau drei Kinder hat und ich gar keine.“ 
„Aber Herzchen, wir sind doch verheiratet, und zur 
Ehe gehören Kinder, wie zu jedem Topf ein Deckel.“ 
„Und was gehört zur Geliebten?“ explorierte sie mit 
fast schmerzlichem Tone. Er stand auf, nahm ihr kleines 
öhrchen in die Hand und wisperte ganz zart hinein; 
„Liebe, viel Liebe.“ Sie seufzte und langsam um 
schimmerten zwei Tränen ihre Augen. 
„Jetzt, mein kleiner Schatz, werde nur nicht enti- 
mental. Du weißt, das zerstört jede Gemütlichkeit. Sie 
beherrschte sich, nahm das Glas zur Hand und beide 
stießen an. Nun wollte er wissen, wie der Bräutigam 
aussehe, was er sei, und ob seine Absichten reeller 
Natur. In ihrem Gefühlsüberschwang meinte sie kurz 
und bündig: „Ach, der!“ 
Nun wußte er ja Bescheid; „Ach, der!“ 
Bei der dritten Flasche Rüdesheimer waren sie sich 
einig, daß sie sich jede Woche zweimal treffen wollten. 
Und weil er ja, wie sie sagte, doch ein Gemütsmensch 
sei, wenn er auch die Sentimentalität nicht liebe, riet 
sie ihm, man möge sich bei ihr Mittwoch und Sonnabend 
treffen. Er war vollständig einverstanden, nachdem er 
kurz überlegt hatte, daß er auch imstande sei, zween 
Frauen zu dienen. 
Als man um 11 Uhr bezahlt hatte, wollte er plötzlich 
wissen, wer die schöneren Strumpfbänder trüge: sie oder 
seine Gattin. Da sah er sofort, daß seine Geliebte zwar 
nicht den Geschmack seiner Frau habe; aber wieder war 
er Gentleman und meinte: „Dieses Strumpfband ist ein 
Gedicht“. Er beugte sich nieder und streichelte es ganz 
leise mit der Hand. „Aber nicht küssen!“ wehrte sie. 
„Gehen wir“, sagte sie und warf den Rock über ihr 
rechtes Bein. Draußen angekommen,schützte sie Müdig 
keit vor. „Schatz“, sagte sie, „nimm mir ein Auto“. 
„Aber du wohnst doch gerade um die Ecke, mein 
Kind“, lachte er. 
„Gib mir zwanzig Mark für das Auto.“ Das empörte 
ihn. 
„Das ist aber Nepp“, kam es über seine Lippen. 
„Gut“, meinte sie, „dann gib mir 10 Mark.“ 
Er sah sie groß und fast böse an: „Sieh, Else, wenn 
du mich um ein Kostüm, um eine Bluse, um Schokolade 
oder weiß Gott, um was gebeten hättest, ich hätte es 
dir geschenkt, oder dir das Geld dafür gegeben, aber 
diese Einkleidung gefällt mir nicht.“ 
„Du wolltest mir seinerzeit zweitausend Mark. Ab 
findung geben, aber ich habe dir das Geld vor die Füße 
geworfen!“ trumpfte sie auf, „dann werde ich dir doch 
noch zehn Mark wert sein.“ Ohne ein Wort zu reden, 
griff er in die Brieftasche, entnahm ihr was sie wünschte 
und sagte: „Ich weiß, ich habe dir deine kostbare Zeit 
geraubt.“ Sie wollte etwas erwidern, er aber zog förmlich 
den Hut, machte kehrt und war verschwunden. Auf dem 
Heimweg zog er wieder Vergleiche zwischen ihr und 
seiner Frau und dann murmelte er durch seine Lippen: 
„Die Ehefrau ist doch das bessere Weib und vor allen 
Dingen das Sichere.“ Er atmete erleichtert auf. 
Zu Hause angekommen, fand er seine Frau noch 
lesend auf der Chaiselongue liegend. Sie freute sich, 
daß er heute so früh nach Hause kam. Er wurde sehr 
zärtlich, wie einer, der eine Sünde begangen hat, dann 
flüsterte er ihr ganz unvermittelt zu: „Weißt du. an 
was ich den ganzen Abend gedacht habe?“ 
„Nun?“ 
„An dein entzückendes Strumpfband, mein Schatz!“ 
Die Windsbraut Plantikow
        
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