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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 2 
JaBrg. 27 
Der kleine Schauspieler, etwas verhungert, aber schwär 
merisch veranlagt, schwelgte im siebenten Himmel 
„Fabelhaft! . . . Fabelhaft!“ 
Sie streichelte seine Wangen und seine Ohren. 
_ „Ist das nett?“ wollte sie wissen. 
Der junge Mann wurde plötzlich sehr nachdenklich: „Wes 
halb betrügen Sie eigentlich einen Mann, dessen Land so herr 
liche Küche führt?“ 
„Was hat der Magen mit dem Herzen zu tun?“ antwortete 
sie logisch. 
Das sah er ein und bald erzählte er ihr im Boudoir die 
entzückendsten Geschichten, während die Lampe ihren Halb 
dämmer verbreitete. 
Er öffnete ihr Kleid und küßte ihren Nacken. Kein Wort 
fiel mehr von Untreue. 
Da trat überraschend der italienische Freund herein und 
donnerte: 
„Gemeine Weib . . . ich räche mir an dir. Wer gab dir so 
herrliche Küche; wer Rezepte für Reis und Makkaroni? Nur 
ich . . . Verfluchtes Kanaille!“ 
„Du hast recht“, sagte sie und öffnete ihren Schreibtisch, 
aus dem sie das neapolitanische Kochbuch nahm. 
„Nimm es . . . ich bin dir nichts mehr schuldig.“ 
Und ihm blieb nichts anderes übrig, als schleunigst den 
Rückzug anzutreten. Der kleine Schauspieler war betroffen. 
Er hatte ein Angstgefühl: „Soll oder muß ich dir nun ein 
deutsches Kochbuch bringen?“ fragte er zaghaft. Sie lächelte: 
„Ohne Sorge, ein Frau von Welt hat immer noch ein ameri 
kanisches und holländisches in der Reserve.“ 
Da atmete der kleine Schauspieler erleichtert auf und trat 
erst morgens 10 Uhr aus der Tür des Hauses. 
Brief-Fragmente aus der Sammlung eines Junggesellen 
ELVIRA: Wenn Du glaubst, ich betrüge Dich, irrst Du OLGA: Ich bitte Dich, nie wieder etwas von Ehe zu 
Dich. Nie kann eine Frau treuer sein, als wenn sie jeden reden. Dafür habe ich Max. Unsere Verlobungsringe 
Abend mit ihrem jüngeren 
Freund zusammen ist. 
* 
FRITZI: Schatz, tu mir den 
einzigen Gefallen, nimm 
meine Mama 14 Tage bei 
Dir auf. Ich sorge dafür, 
daß sie blind und taub ist... 
Im übrigen weiß sie schon 
von selbst, daß sich das 
gehört. 
■* 
MARIECHEN: Sei so 
freundlich und schicke mir 
wenigstens meine Wäsche 
zurück. Behalte die Blusen. 
Dann ist ja etwas von mir 
bei Dir. Deine unglück 
liche Ma. 
24 
ißiOCiTiN 
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XX 
möchte ich nicht durch solche 
Gedanken befleckt wissen. 
HILDE: Weshalb hältst Du 
mir immer meine langjährige 
Ehe vor. Du weißt doch, 
daß ich als junges Mädchen 
zu Dir kommen soll. 
ELSE: Ich weiß, Du betrügst 
mich, aber das macht meine 
Liebe eben so leidenschaft 
lich. 
* 
AGATHE: Wenn Du mich 
nicht heiratest, schieße ich 
mir heute eine Kugel durchs 
Herz. Auf Wiedersehen, Ge 
liebter, morgen um 6 Uhr. 
„Olli, eigentlich großer Blödsinn, mich auf der Leinwand 
anstreichen zu wollen.“ 
„Dein Körper ist apollohaft!“ erwiderte sie fast enthu 
siasmiert. 
„Na, in dem Sinne . . . Kognak, äh . . . drei Sterne , . . 
äh prost, Kleinchen! Prost Madonna Lubrun!“ 
Der Assessor trank vier Glas, denn die Zentralheizung ver 
sagte gerade an diesem Tage. 
„Ich wüßte, wo es in diesem Augenblick wärmer wäre!“ 
blinzelte er ihr bedeutungsvoll zu. 
„Pst! Stille!“ sagte sie. „Du machst jnich unruhig, lieber 
Hannibal!“ Bald konnte sie nicht mehr weiter malen und ihn 
fror trotz der drei Sterne. 
Rasch kroch er in dis warmen Federn. Als die Malerin ihn 
so sah, entsetzte sie sich; 
„Unästhetisch sind diese Männer“, sprach sie. 
„Aber du wolltest mich doch so malen!“ entgegnete er. 
„Zwischen Kunst und Leben besteht ein gewaltiger Unter 
schied“, dozierte sie. 
„Sagst du!“ gab er zurück und drehte sich mit der Ge 
schwindigkeit von 0,5 verachtend auf die andere Seite. 
Da entdeckte sie eine wunderbare Rückenlinie an ihm und 
rasch warf sie eine Skizze davon auf das Papier. 
Die Kunst blieb Siegerin. 
* 
Das Kochbuch. 
Die Freundin eines Italieners hatte den Schauspieler F. zu 
sich zum Abendessen geladen. Es gab Reis mit Tomaten und 
Fleisch, das in herrlichem öl schwamm. Dann zum Dessert 
neapolitanisches Eis, jene weiße mandeldurchsetzte kühle 
Speise, bei der ein Feinschmecker vor Verzückung einst den 
Verstand verloren hatte.
        
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