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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

19 
Nr. 19 
Jahrg. 27 
DAS FINDELKIND. In dem Kostüm machte schon Moses im Binsenkorb Karriere Linge 
DER ENTSCHEIDENDE AUGENBLICK 
FRANZ RICHTER 
E gon war seit ungefähr einem Vierteljahrhundert ein 
weibbarer Jüngling, keusch, rein, zurückhaltend — sehr 
zurückhaltend, bevor in seinen Phantasien ein Mädchen 
auftauchte und ihm nächtlicherweile ungeahnte Aufregungen 
wie Schlaflosigkeit usw. verursachte. Das Wirtstöchterlein 
oha! Das Aufregende an ihr waren: hellgraue Strümpfe und 
eine spitze, rosenrote Zunge, die immerzu die Lippen leckte. — 
Gesehen hatte Egon sie zum ersten Male mit sehenden Augen, 
sie war in seinem Zimmer, als er heimkaim und wollte Fenster 
putzen, stieg, kurzgeschürzt, auf eine Leiter und bat ihn, diese 
zu halten, den Eimer zu reichen, das Leder zu geben, immer 
wieder streiften seine Augen graubestrümplte Waden . . . 
Kniee . . . ohhl . . . Sie glitt von der Leiter mit einem er 
schreckten: uuch! und lag aufgeregt fünf Minuten in seinen 
Armen (die er steif und hölzern von sich hielt), um sich vom 
Schreck zu erholen. — 
Sie kam öfters — oft — immer — immer mit der Leiter — 
die Fenster spiegelten ohne Unterlaß — alle Spinnweben ver 
schwanden im Entstehen aus den entferntesten, unzugäng 
lichsten Zimmerecken ... Er träumte von den Beinen 
— — von der Zunge wie sie sonst aussah, wußte er 
nicht. 
Sie gingen abends spazieren: 
Er wollte . . . wie mache ich’s bloß!? 
Sie wollte . . . wie treib’ ich ihn bloß!? 
Sie schwiegen gründlich. Sie bückte sich, hob in der 
Höhe des Knies leicht den Rock, als ob ... er sah beiseite . . . 
sie seufzte ... er schwieg! Nach einer Weile bückte 
sie sich zum Rock, preßte ihn an das Knie, schob ihn über 
dieses etwas hinauf . . . tat verlegen ... er ging zögernd 
langsam voraus ... sie seufzte ... er schwieg . . . 
„Ich glaube, mein Strumpfband ist geplatzt.“ 
„Wie peinlich!“ 
„Haben Sie nicht ?“ 
Verlegenes Schweigen . . . auffordernde Blicke ... er stülpte 
die Hosen über einen grauwollenen Sommerstrumpf hoch . . . 
über behaarten, mageren Waden war eine Konstruktion von 
Restgummi und Bindfaden kunstvoll verankert sie er 
schrak, wendete sich mit Grausen ab er bot hin 
sie nahm mit spitzesten Fingern verschwand im Gebüsch. 
Er wartete wartete — — wartete. schielte in das 
Gebüsch — — seine Konstruktion lag im Grase er 
suchte sonst nichts -—— eilte heim. 
Seine Wirtin kündigte ihm, weil er — so ein Frauenjäger, 
unmoralischer Kerl — es gewagt hatte, ihrer Tochter seine 
behaarten Waden zu zeigen. — 
Er ging entrüstet fort . . . suchte seine Strumpfhaltervor- 
richtung, fand sie — sie war nicht gestohlen, wie er be 
fürchtete. Die Ehrlichkeit seiner Mitmänner freute ihn 
und half ihn tröstend über die große Enttäuschung, die ihm 
das Mitweib gebracht, hinfort.
        
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