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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jaßrg. 27 
Nr. 19 
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i,Kennen Sie mich wirklich nicht, Vicomte Prosper 
D’Albetrasse?“ fragte er mit halblauter Stimme, „ich bin 
doch Giacomo, der Sohn des Italieners Pirani, der auf 
dem Gutshofe Ihres Herrn Vaters in der Dordogne als 
Stellmacher und Wagenbauer tätig war. Erinnern sich 
der Herr Vicomte gar nicht an alle die tollen Streiche, 
die wir beide in unserer Jugend zusammen ausgeheckt 
haben? Wie wir als Knaben auf die Obstbäume ge 
stiegen sind, und als wir älter geworden, wie wir da die 
Mägde belauscht haben, wenn sie im Flusse badeten; 
ich glaube, der Herr Vicomte wußten ebenso gut, wie 
meine Nanette gebaut war, wie ich die genaue Figur von 
der Rosine kannte, die damals der Schatz des Herrn 
Vicomte gewesen.“ 
Ob sich Prosper erinnerte; er kannte den munteren 
italienischen Jungen nur zu gut. Wie lange war es denn 
her, daß sie beide all den Unfug gemeinsam verübt 
hatten, an den Giacomo jetzt ihn gemahnte. Aber was 
in aller Welt konnte der Italiener, der hier in ihm, 
Prosper, doch den Feind seines Landes, in welches er 
mit seinem Vater bei Ausbruch der Revolution zurück 
gekehrt war, sehen mußte, von ihm wollen? 
Sicher irgendeine Erpressung, wenn nicht etwas 
Schlimmeres, dachte Prosper, hütete sich aber, seine 
Gedanken laut vor Giacomo zu äußern. Der wartete 
nun eine kleine Weile, und als Prosper beharrlich 
schwieg, fuhr der wackere Stellmacherssohn unbeirrt 
in seiner Rede fort, wobei er sich bemühte, das harm 
loseste Gesicht von der Welt aufzusetzen: 
„Herr Vicomte, ich begreife nicht, warum Sie hier so 
ein zurückgezoges, ich möchte fast sagen, klösterliches 
Leben führen. Wenn Sie es wünschen, so bringe ich 
Ihnen jeden Abend ein halbes Dutzend oder mehr 
bildhübscher Mädchen auf das Schloß, und wir können 
dann, wenn Sie es befehlen, wieder so lustig sein wie 
mit den Mägden auf dem Gute Ihres Herrn Vaters.“ 
„Wirklich, Giacomo, könntest du das?“ stieß Prosper 
hervor und faßte nach der Hand des alten Spiel 
kameraden. Der tat, als bemerke er gar nicht, welche 
Erregung sich des jungen Franzosen bemächtigt hatte 
bei dem Gedanken, hier in diesem abgelegenen lom 
bardischen Schloß die übermütigen Dinge wiederholen 
zu können, die einst in der schönen Dodogne die beiden 
jungen Männer zu Genossen gemeinsamer und geteilter 
Liebesabenteuer gemacht hatten. 
So kam es, daß Prosper auf den Vorschlag des Jugend 
freundes einging und am anderen Abend bereits den 
Besuch von sechs allerliebsten Italienerinnen empfing, 
die nicht um ein Härchen spröder waren als ihre Ge 
schlechtsgenossinnen im schönen Frankreich. 
Der feurige Wein, dem man lebhaft zusprach, trug 
nicht eben dazu bei, das Blut durch die Adern aller Mit 
glieder dieser kleinen Abendgesellschaft kühler rinnen 
zu lassen; so war man bald recht intim miteinander, und 
Giacomo und Prosper vergaßen ganz, daß ihre Länder 
miteinander im Kriege lagen; sie schienen die alten 
Freunde von ehedem und taten sich voreinander 
keinerlei Zwang an. Die Mädchen waren zwar zuerst 
bedeutend genierter; als sie aber auf den Geschmack 
der Sache gekommen waren, erwies sich, daß sie im Er 
finden immer neuer Austauschvariationen noch raffi 
nierter waren als ihre männlichen Partner. 
Prosper amüsierte sich an diesem Abend ganz 
wundervoll, belohnte den Jugendfreund, der so auf 
merksam seiner gedacht hatte, fürstlich und lud die 
ganze fidele Gesellschaft zwei Tage später zu einer 
neuen Soiree auf das Schloß. 
Aber, wie alles im Leben seinen Reiz verliert, wenn 
man -es zu oft genießen darf, so fingen allmählich auch 
diese gemeinsamen Liebesabende an, Herrn Prosper zu 
langweilen; nachdem die eine Leidenschaft gestillt war, 
meldete sich die andere um so intensiver. 
Der Herr Vicomte verlangte nach einem Jeu; 
mehr als je zuvor begehrte er danach, einmal wieder 
mit der launischen Frau Fortuna die Klingen kreuzen zu 
können. Und er machte Giacomo zum Vertrauten 
seines sehnlichen Wunsches. 
Der dachte eine Weile nach; die Mädels waren wohl 
so ein ganz allerliebster Zeitvertreib für so einen vor 
nehmen Herrn; aber als Partner am Spieltisch waren 
sie absolut nicht zu gebrauchen. Da nun durch eine 
strenge Armeeorder des Generals Bonaparte sämliche 
Angehörigen des französischen Heeres das Glücksspiel 
bei Strafe der Kassation verboten war, so war es für 
den guten Giacomo immerhin keine leichte Aufgabe, das 
neue Begehren seines alten Spielkameraden zu erfüllen. 
Er bat sich einen Tag Bedenkzeit aus und erschien erst 
am dritten Nachmittag wieder auf der Schloßterrasse, 
wo er Prosper wie an jenem ersten Tage in trübe Ge 
danken versunken vorfand. 
Er setzte sich vertraulich zu ihm und begann alsbald 
in dem zwischen den beiden Jugendfreunden gebräuch 
lichen Gemisch von Französisch und Italienisch eifrig 
auf ihn einzureden. 
Nach einer Viertelstunde bereits hatten sich die 
Wolken von Prospers Stirn völlig verzogen; er schien 
gar nicht mehr betrübt; im Gegenteil, er trug die ver 
gnügteste Miene von der Welt zur Schau und nannte 
den Jugendfreund ein um das andere Mal den er 
findungsreichsten Kopf der Welt. 
# 
Zwei Abende nach diesem nachmittäglichen Vor 
gespräch sah man den Bauern Giacomo mit drei 
Burschen seines Dorfes ein eigenartiges Gestell in das 
Schloß bringen; es war eine Art von Karussel, eine der 
bekannten Rundschaukeln für mehrere Personen, wie 
sie schon zur damaligen Zeit bei öffentlichen Volks 
belustigungen viel verwendet wurden. An Stelle der 
üblichen Wägelchen und Pferdchen waren bequeme 
Armsessel angebracht, die in gleichmäßigen Abständen 
auf der drehbaren Scheibe des Untergestells standen, 
und zwar so, daß der darauf Sitzende dem herum 
stehenden Publikum seine Vorderseite zukehren mußte. 
Als nun am Abend des gleichen Tages die Schönen, 
unter denen Giacomo eine stets variierte Auswahl zu 
treffen verstand, ins Schloß gekommen waren und sich 
mit Prosper und seinem findigen Spießgesellen an 
schickten, nach reichlich genossenem Wein den Freuden 
der holden Frau Venus zu huldigen, ließ Giacomo die 
süßen Mädekhen, so wie sie waren, auf den Armsesseln 
des von ihm konstruierten Karussel-Roulettes Platz 
nehmen: die beiden Männer dagegen stellten sich an der 
Außenseite des sich drehenden menschlichen Roulettes 
auf und warteten mit Spannung, welche von den Damen 
beim Stillstehen der Liebesscheibe gerade dort sich be 
finden würde, wo die durch den reizenden Anblick in 
die beste Stimmung versetzten Herren der Schöpfung 
Aufstellung genommen hatten. 
Prosper, der den doppelten Reiz dieses Hazardspieles 
der Liebe entzückend fand, äußerte nach der sechsten 
oder siebenten Runde zu Giacomo, es sei doch schade, 
daß nicht mehr Herren an dem reizvollen neuen Spiel 
teilnehmen könnten, und sofort erbot sich der gewandte 
Bursche, am anderen Tage, mit einem Briefe des Herrn 
Vicomte versehen, zu den Offizieren draußen in der 
Stellung zu gehen und sie zum Abend darauf zu einem 
Liebesroullettespiel einzuladen, wie das selbst in Paris 
zur Zeit der tollsten Orgien noch nicht dagewesen war. 
Die Delikatesse verbietet es, die Hergänge dieses 
lustigen Abends auf Schloß Santa Helena hier zu 
schildern. Es sei nur noch berichtet, daß in der selbigen 
Nacht die Italiener unter der geheimen Führung des 
Bauern Giacomo die französischen Stellungen, die der 
Aufsicht des Leutnants Prosper Richard anvertraut 
waren, überfielen und die ihrer Offiziere beraubten 
Truppen glatt überwältigten. 
Napoleon selber mußte eingreifen, um den durch die 
geniale Erfindung des Liebesroulettes indirekt ange 
stifteten militärischen Schaden wieder gutzumachen.
        
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