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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg, 27 
Nr. 19 
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■ V"v4> ^ dem Präliminarfrieden von Leoben, 
1 \ der am April 1797 zwischen der 
französischen Republik und Kaiser 
Franz II. geschlossen worden war, war 
A/ojX I Italien faktisch in der Gewalt des 
L 1I jungen französischen Generals Na- 
I^w4y : Jf poleon Bonaparte, dessen unerhörte 
militärische Karriere bereits in der 
ganzen Welt mit großem Interesse verfolgt wurde. 
Ihm war auch von der Regierung des damaligen 
Frankreich die Aufgabe übertragen worden, für die 
militärische Sicherung in dem eroberten Lande Sorge zu 
tragen, während die Armeen der Republik auf anderen 
Schlachtfeldern, in anderen Ländern neue Lorbeeren 
ernten sollten. 
In der damaligen französischen Armee dienten aller 
hand Leute, bunt durcheindander gewürfelt aus allen 
Ständen und Bevölkerungsklassen. Da die Revolution 
mit allen Vorrechten des Adels und der Geburt 
gründlich aufgeräumt hatte, so konnte jedermann, der 
es verstand, durch persönlichen Mut und Intelligenz die 
Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten zu erregen, es im 
Heere zum Korporal, wenn nicht gar zum Offizier 
bringen. 
Nun kam es aber auch vor, daß Mitglieder ehe 
maliger Adelsgeschlechter, die vor den Schrecken der 
Revolution ins Ausland geflüchtet waren, aus Sehn 
sucht nach den Klängen der Muttersprache heimlich 
und unter falschem Namen sich für die Armeen der 
Republik anwerben ließen und für das nach ihrem Ge 
schmack gar nicht so liebenswerte Frankreich Kriegs 
dienste taten. 
So war auch ProsperVicomte D’A Ibetrasse 
de la Dordogne in das von dem kleinen Korsen 
befehligte Heer geraten, wo der vor wenigen Jahren 
erst mit Mühe aus der revolutionierten Heimat Ent 
flohene unter dem einfachen Namen Prosper Richard 
zuerst als gemeiner Soldat, dann als Feldwebel und 
endlich als Leutnant ein bewegtes, aber keinesfalls un 
rühmliches Leben führte. 
Die militärische Tüchtigkeit dieses sogenannten Leut 
nants Richard war dem wachsamen Auge des alles 
überblickenden Napoleon nicht entgangen, und so hatte 
er den in mancher Schlacht Bewährten, nach der Er 
oberung Oberitaliens, mit einer Kommandanturstelle 
betraut, die dem Sproß des alten Adelsgeschlechts ein 
mal erlaubte, ein wenig auf seinen Lorbeeren auszu 
ruhen und die dabei unter der Aufsicht des dienstlich 
sehr gewissenhaften jungen Mannes recht gut aufge 
hoben schien. 
So glaubte Napoleon, als er im Frühling des 
kommenden Jahres sich anschickte, Oberitalien einst 
weilen zu verlassen, die strategisch wichtige Stellung, 
die er der Aufmerksamkeit des Leutnants Richard an 
vertraut hatte, in bester Sicherheit, wobei es dem 
jungen, persönlich völlig anspruchslosen General wenig 
zu denken gab, daß der Leutnant und Platzhalter in 
einem der schönsten und üppigsten Adelsschlösser der 
ganzen Lombardei Quartier bezogen hatte. 
Leutnant Prosper Richard war sich der Bedeutung 
der ihm anvertrauten militärischen Aufgabe wohl be 
wußt; er dachte auch selber nicht im geringsten daran, 
in dem herrlichen Lustschlosse, wo er nun Allein 
herrscher war, sich gehen und verweichlichen zu lassen, 
wie ehedem die kraftvollen Söldner Karthagos in dem 
durch diese Tatsache sprichwörtlich gewordenen Capua. 
Aber der Mensch ist ja leider nicht allein abhängig von 
seinem guten Willen und von dem Befehl gestrenger Vor 
gesetzter; es gibt auch Dinge im Leben des Menschen, 
die er nicht immer voraussehen und in Berechnung 
ziehen kann. Es gibt, bei jungen Leuten besonders, 
Momente, die den besten Vorsätzen und den strengsten 
Vorgesetzten ein Schnippchen schlagen können, Wir 
pflegen dann mit moralischem Dünkel von „Ver 
suchungen zu sprechen, denen der Mensch widerstehen 
müsse“ usw. 
So geschah es denn, daß Prosper Vicomte D’Albe- 
trasse de la Dordogne, den die Armee der französischen 
Republik unter dem Namen Prosper Richard als einen 
ihrer zukunftreichsten Offiziere in ihren Listen führte, 
sich auf dem Lustschlosse Santa Helena inmitten des 
wundervollen lombardischen Frühlings allmählich gar 
nicht wohl zu fühlen begann. Das kam einmal davon 
her, daß die militärische Bedeutung des ihm von 
Napoleon überwiesenen Postens sich als erheblich über 
schätzt erwies, andererseits davon, daß sich als Begleit 
erscheinung seiner von Tag zu Tag wachsenden Lange 
weile die Sehnsucht nach schönen Frauen, wie sie früher 
in Frankreich das Leben des jungen Edelmannes ver 
schönt hatten, in ihm zu regen begann. Daneben machte 
sich ein zweiter Wunsch im Herzen Prospers be 
merkbar: er wollte und mußte wieder einmal das „edle“ 
Glücksspiel versuchen, das schon so manchen braven 
Menschen ruiniert hat, und das Prosper in den Tagen 
seiner glücklichen Jugendzeit mit Alters- und Standes 
genossen ausgiebig ausgeübt hatte. 
Eines schönen Nachmittags, als Prosper wieder ein 
mal, wie nun schon seit einer Unzahl von Tagen, die 
unweit des Schlosses Santa Helena belegenen Stellungen 
revidiert hatte und von den dort stationierten Mann 
schaften zum hundertsten Male den stereotypen Be 
scheid erhalten hatte, daß alles in Ordnung und vom 
Feinde nichts, aber auch gar nichts zu bemerken sei — 
was ja auch weiter kein Wunder war, da der Vorfrieden 
schon unterzeichnet war, und die Bevölkerung gar nicht 
daran zu denken schien, sich gegen die französischen 
Eroberer aufzulehnen — saß der Herr Leutnant ziemlich 
mißmutig auf der schattigen Schloßveranda. Da meldete 
ihm sein Bursche, oder, wie es in der Armee des freien 
Frankreichs damals hieß, sein „Putzkamerad“, daß ein 
italienischer junger Bauer draußen stünde, der den 
Herrn Leutnant dringend und ganz allein zu sprechen 
wünsche. Diese Meldung ließ unseren Helden zunächst 
sehr kühl; dann aber gab er Befehl, den Bauer herein 
zuführen, da er glaubte, mit irgendeinem Fremden zu 
sprechen — und wäre es auch nur ein einfacher Bauers 
mann — sei immer noch amüsanter als die immer un 
erträglicher werdende Langeweile auf dieser ewig 
sonnenbeschienenen Schloßterrasse. 
Wenige Minuten später stand ein junger Mann in der 
lombardischen Landestracht vor Prosper und zog 
höflich sich verneigend seinen Hut mit den Worten: 
„Wollen der Herr Vicomte nicht so gütig sein, Ihrem 
Diener dort zu befehlen, uns allein zu lassen?“ 
Einen Augenblick fuhr so etwas wie ein gewaltiger 
Schrecken durch die Glieder unseres Freundes; dann 
aber sah er ein, daß es nutzlos sei, diesem Manne gegen 
über, der ihn doch augenscheinlich kannte, Komödie zu 
spielen; und weil sein Bursche die leise gesprochenen 
Worte des Italieners nicht verstanden haben konnte, so 
wollte sich Prosper mit seinem neuen Besucher zu ver 
ständigen suchen; deshalb gab er dem Soldaten den 
Befehl, ihn mit dem Bauern allein zu lassen. 
Kaum war jener gegangen, da hob der Italiener sein 
Haupt hoch in die Höhe und blickte unserem Freunde 
gerade ins Antlitz.
        
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