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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jaßrg. 27 
Nr. 19 
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er Kolonialwarengroßhändler Habakuk 
Riemenschneider war fünfzig Jahre alt. Er 
war fett wie eine Leberwurst, trank sehr 
gern und sehr viel und hatte die Manieren 
der Rollkutscher, unter denen er im väter 
lichen Geschäft aufgewachsen war. Aber 
er hatte klotzige Gelder, die er sich im 
Kriege und in den Jahren nachher durch 
Lebensmittelschiebungen im großen Stil erworben hatte. 
Vor zwei Jahren war er des Junggesellendaseins über 
drüssig geworden. Gichtanfälle, die er nicht mit Un 
recht auf den überreichlichen Genuß von Portwein und 
Rotspon zurückführte, legten ihm den Gedanken nahe, 
sich für seine alten Tage eine Pflegerin anzuheiraten. 
Da hat er in seinem Geschäft so eine nette kleine 
Buchhalterin. Es braucht nicht erwähnt zu werden, daß 
das hübsche und freundliche junge Ding für das alte 
Rauhbein viel zu schade war. Aber Habakuk hatte Geld, 
Ilka hatte keines, sondern nur eine herzleidende, alte 
Mutter. Und der Arzt hatte gesagt, daß die alte Dame 
noch gut zwanzig Jahre leben könnte, wenn es möglich 
wäre, sie hin und wieder in ein Bad zu schicken. 
Als das Leiden ihrer Mutter sich eines Tages arg ver 
schlimmerte, und der Arzt erklärte, die Patientin müßte 
sofort in das Bad, ging Ilka zu Habakuk und bat um 
Vorschuß. Der alte Sünder, der schon lange ein Auge 
auf das hübsche Mädchen geworfen hatte, nahm die 
Gelegenheit wahr. 
„Vorschuß gebe ich Ihnen nicht, Fräulein Ilka“, er 
klärte er und schmatzte voller Vorfreude in den Speck 
lippen, „aber wenn Sie meine Frau werden wollen, dann 
können Sie Ihre Mutter so viel ins Bad schicken, wie 
Sie wollen.“ 
Ilka war in einer verzweifelten Lage. Und da sie aus 
ihren bedrückten Verhältnissen heraus, trotz ihrer 
Jugend, schon alle Liebeshoffnungen begraben hatte, wie 
sie so ein junges Mädchen nährt, sagte sie kurz ent 
schlossen Ja. 
Hehl daraus gemacht, daß sie das als ein unverdientes 
Glück betrachtete. 
Im ersten Jahre hatte man die Badereise in ein ober 
bayerisches Schwefelbad gemacht, in dem es außeror 
dentlich steif zuging. Da dort nur vornehmes Publikum 
verkehrte, war Habakuk ausschließlich auf die Gesell 
schaft seiner jungen Frau angewiesen. Seine einzige Be 
schäftigung bestand in der Lektüre möglichst blutiger 
Kriminalgeschichten. 
Im zweiten Jahre fuhr man in ein idyllisch gelegenes 
Ostseebad. Habakuk lag den ganzen Tag im Liegestuhl, 
schmökerte und schikanierte Ilka. 
Ilka hatte an der Table d’hote einen Freund ihres 
älteren Bruders, der schon seit vielen Jahren in Köln 
lebte, wiedergesehen. Hans Metzner war Ingenieur bei 
einer großen Elektrizitätsgesellschaft und hatte die Ab 
sicht, sechs Wochen später nach Südamerika zu gehen, 
wo er bei einem Kanalbau eine glänzende Stellung er 
halten hatte. In den kurzen Nachmittagsstunden, die 
Ilka manchmal für sich allein hatte, verlebten die Beiden 
glückliche Stunden. Ilka sah ihre ganze Jugend wieder 
aufblühen. Noch als sie Backfisch war, hatte Hans ihr 
durch ihren Bruder heimlich Gedichte geschickt. Später, 
während seiner Studienzeit, waren sie auseinander ge 
kommen, aber die alte Neigung war nicht erloschen. 
An einem Abend, als Habakuk frühzeitig schlafen 
gegangen war, stand Ilka heimlich auf und ging in den 
Garten. Am Tor wartete Hans auf sie, sie gingen den 
Strand entlang, weiter und weiter, und verloren sich in 
den Dünen. 
Um Mitternacht, der Mond schien grell in das 
Zimmer, wachte Habakuk auf und sah das Lager seiner 
Frau leer. Zum ersten Male erwachte in ihm die Eifer 
sucht des alten Mannes in all ihrer Bösartigkeit. Er 
stand grunzend und fluchend auf, steckte einen Revolver 
ein und ging aus dem Hause. 
Der Portier, den er fragte, grinste ihn an und sagte, 
die beiden Herrschaften seien in der Richtung nach dem 
Strand gegangen. 
Am Strand fragte er den Wächter. Der wies ihn nach 
den Dünen. 
Habakuk marschierte, von Wut angestachelt, weiter. 
Seine kriminelle Lektüre verleitete ihn, auf Fußspuren 
zu achten. Im unsicheren Mondlicht bemerkte er un 
deutliche Fährten, die auf den Damm einer Düne 
führten. Den Revolver in der rechten Hand, humpelte 
er den Spuren nach. 
Plötzlich hörte er ein verdächtiges Geräusch. 
Zehn Schritt vor ihm bewegte sich am Boden eine 
dunkle Masse. Ein Geräusch, wie leises Stöhnen, drang 
an Habakuks Ohr. 
Rot flimmerte es vor seinen Augen. Er hob die Waffe 
und gab hintereinander sechs Schüsse auf die Masse ab. 
Im nächsten Augenblick sprang die Masse auf und 
entpuppte sich als ein riesenhaftes Rind. Das Tier 
schnob Feuer vor Wut, stürzte sich auf den Schützen 
und spießte ihn auf wie einen Leberkloß. 
In der Morgendämmerung fand man Habakuk. 
Ilka, die, aufrichtig besorgt, die ganze Nacht nach 
ihren Mann hatte suchen lassen, machte sich Vorwürfe. 
Aber Hans wußte sie zu überzeugen, daß es wirklich 
nicht ihre Schuld gewesen sei, wenn der alte Sünder 
nächtliche Schießübungen auf Rindvieh veranstaltete. 
Ob es ihr vielleicht lieber gewesen wäre, wenn 
Habakuk die Schüsse auf ihn abgefeuert hätte? 
Ilka wäre es nicht lieber gewesen. 
Heute sitzen beide in Buenos Aires und haben das 
größte Bauunternehmen der Stadt. Auf diese Weise hat 
Habakuks zusammengegaunerter Reichtum wenigstens 
noch einen moralischen Zweck erfüllt. 
Ihre Mutter war entsetzt, als sie hörte, was sich er 
eignet hatte. Aber Ilka bestand auf ihren Willen, und 
nach drei Monaten wichtigtuender Vorbereitungen von 
seiten Habakuks wurde die Hochzeit gefeiert. 
Ilka graute sich zwar vor den Liebesfreuden, die ihr 
an der Seite dieses Dickwanstes blühten, aber sie biß 
die Zähne zusammen. 
Das Schicksal, das manchmal auch anständig sein 
kann, meinte es gut mit Ilka. 
Beim Hochzeitsdiner schlang Habakuk derartige 
Mengen Fleisch und Wein in sich hinein, daß er blaurot 
anlief. Schließlich ging man unter unpassenden Be 
merkungen der hervorragend betrunkenen Festgenossen 
zum Auto und fuhr nach Hause. 
Im ehelichen Schlafgemach angekommen, war Ilka 
fast einer Ohnmacht nahe. Habakuk umfaßte sie mit 
unzweideutigen Gebärden und wollte gerade in einer 
Weise zärtlich werden, wie sie vielleicht in Hafen 
kneipen üblich ist, da drückte die sittliche Weitordnung 
auf den elektrischen Knopf: Habakuk verdrehte die 
Augen, fiel um und röchelte. 
Ilka rief das Dienstmädchen, schickte zum Arzt. 
Der alte Sanitätsrat untersuchte den Ohnmächtigen 
und stellte mit kühlen Worten fest, daß Habakuk einen 
schweren Schlaganfall erlitten habe. 
Habakuk war monatelang gelähmt und erlangte nur 
schwer den Gebrauch seiner Glieder wieder. Er war ein 
Ekel von Patient und tyrannisierte seine junge Frau 
nach Strich und Faden. Ilka ließ sich gern alles gefallen 
und war froh, daß er alle ehelichen Zärtlichkeiten unter 
ließ. Der Sanitätsrat hatte ihr gesagt, daß dieser Zu 
stand wohl von Dauer sein würde, und Ilka hatte kein
	        
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